er sie zum Schuss gebracht hatte, da ergriff ihn ein wunderliches Mitleid, er setzte das Gewehr ab, die Nachtigall schlug freudig und er sang:
Sing Vöglein, das den Zweig bewacht,
Ich leg nicht an zum Schiessen,
Du singest mir von guter Nacht,
Du musst mein Liebchen grüssen:
O könnt ich mich so singen aus,
Sie müsst es einmal hören,
Sing Nachtigall hier ohne Graus,
Ich will dich nicht mehr stören.
So weich wie deine Federlein
Bin ich von süssen Wehen,
Ich gehe in den Wald hinein,
Mag doch kein Blut mehr sehen.
Ein Tränlein auf das Pulver fällt,
Und löschet alles Feuer;
Dir Nachtigall, bin ich gesellt,
Und traure in der Feier.
Nun dachte er, wie es ihm noch so wunderbar gehen könnte; die Gegend war so fremd, wohin er sich verirrt hatte, dass ihm viele Märchen seiner Jugend einfielen, von Elfenköniginnen, die sich bei schönen Mondscheinnächten in Jünglinge verliebten und sie zu sich hinaufzogen, das waren aber alles Ritter, kein Schreiber war darunter. Hier fiel ihm Eginhard, Karls des Grossen Schreiber ein, wie den des Kaisers Tochter auf den eignen Schultern durch den Schnee getragen. In angenehmen Träumen verlor er sich über den Kreis der Wahrscheinlichkeit, er sah sich an der Seite der Fürstin als Herrscher des Landes, liess alle seine Liebhabereien mitregieren, sammelte Säle voll alter Marmorinschriften, voll alter Handschriften; ein kleiner schwarzer Hirtenknabe erweckte ihn, indem er sich zu ihm setzte, mit seinen Ziegen viel zu reden hatte, und zuletzt ein heitres Lied sehr spöttisch sang:
Es war ein alter König,
Der hat 'ne schöne Magd,
Da freut er sich nicht wenig,
Weil sie ihm wohl behagt.
Er lässt die Ritter laden,
Zu seinem Hochzeitfest.
"Es wird dir wahrlich schaden!"
Spricht einer seiner Gäst.
Da sprechen sie gleich alle:
"Wir bleiben dir nicht treu,
Wenn du uns aus dem Stalle
Die Kön'gin holst herbei."
Er nimmt vom Haupt die Krone,
Er sieht sie schweigend noch an,
Und wirft sie von dem Trone
Auf 'n ersten besten Mann.
Und ruft: "Wer sie gefangen,
Der soll mein König sein,
Ich hab nicht mehr Verlangen,
Zu herrschen ledig allein.
Es mag ein jeder werden,
Was ich gewesen bin,
Dieweil ich nun auf Erden,
Erst lustig worden bin."
Auf den die Kron gefallen,
Dem schlug sie ein das Hirn,
Das war der eine von allen,
Der mit der frechen Stirn.
Ja wem die Kronen fallen,
Dem fällt ein schweres Los,
Doch vielen sie gefallen,
So wird er sie bald los.
Der Schreiber wusste nicht, warum ihn das einfache Lied so ängstigte, es war ihm so ein eigner Doppelsinn darin, der ihn in seiner Träumerei störte, er konnte sich selbst als einen Herrscher nicht mehr denken, er hörte es nicht ganz aus, sondern stand auf, der kleine Hirtenbube rief ihm ein sizilianisches Sprichwort nach: "Zum Hängen kommst du immer noch früh genug." Es dunkelte schon etwas, und da er den Weg nicht genau wusste, so ängstigte er sich sehr ab, ehe er in die Nähe des Schlosses kam, und trat ausser Atem und mit klopfendem Herzen in das Zimmer der Fürstin, die ihn gleich bei seinem Eintritte in das Gartenhaus zu sich geklingelt hatte. Wie er so eintrat, fielen die Sonnenstrahlen hell auf sie, sie sah sehr ernst aus und zeigte ihm schweigend jenes Bild, das ihn verraten. Erschrocken stürzt er ihr zu Füssen, und umfasst ihre Kniee, sie hebt ihn auf, und spricht: "Ich hatte dir viel Gutes getan, dir und den Deinen, du hast mich betrogen, du hast meine Gunst nicht ritterlich gewonnen, sondern wie ein Dieb, aber die Liebe verzeiht der Liebe alles, du hast mich dir unterworfen, der du mein Untertan warst; schwöre mir neue Treue, denn jene alte hast du gebrochen, schwöre mir bei diesem Becher, den ich mit dir treulich teilen will, ewige Treue im tod." – Er schwört ihr ohne Besinnung bei Seele und Seligkeit, sie leert die Hälfte des Bechers und gibt ihm den Rest, er leert ihn, ohne zu ahnden, ohne zu schmecken, welches Verderben er entalte. Als er ihn geleert hat, glaubt er mit einer Umarmung seines Glückes sich versichern zu dürfen, die Fürstin stösst ihn zurück; ehe er noch seine Verwunderung zu äussern vermag, bedrängen ihn innerlich heftige Schmerzen, und werfen ihn nieder. "Jetzt komme in meine arme Verräter", ruft die Fürstin, die ihren Zorn nicht länger zurückhalten kann; "wendest du dich von mir, willst mich kriechend im Staube verehren, wie die Schlange; hast du wieder genossen, was dich verdirbt, wie du meiner Schönheit Freude genossen hast in jener Nacht, die dich am Tage verdirbt; keinen Tag siehst du mehr, dies sind die letzten Strahlen, die mir deine hässliche Gestalt zeigen, und mein Abscheu gegen dich hat keine Grenzen." Der Schreiber ruft bange um hülfe, aber erst als er mit raschem Schmerze dem Ausgange des Lebens nahet, tritt jemand zu ihnen ein, eben der schöne Fremde, den die Fürstin von sich gewiesen hatte, alle Leute des Schlosses waren mit der kranken Gräfin beschäftigt. "Wer Sie auch sind", sagte die Fürstin zu ihm, "dieses Unglück ist nicht abzuwenden