1810_Arnim_005_188.txt

Bibel auf und wurde mit ihren Augen zufällig auf den Spruch geführt, den Christus zu dem armen Sünder sagte: "Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein." – Sie ging zu ihren Kindern und zu ihren Beschäftigungen; aber sie konnte den Spruch nicht vergessen, immer stand das Bild vor ihr, milde, doch schmerzlich zu ihr sprechend: "Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein."

Der Graf hatte diesen Morgen seine Frau nicht vergessen, er wollte sie mit einem angenehmen Geschenke überraschen und der Goldarbeiter in Palermo hatte es nicht beendigt, es war ein breiter Goldring, auf welchem die zwölf Planetenzeichen mit Perlen eingelegt waren; er sollte zum Ersatz des verlorenen Verlobungsringes dienen und in dem Bilde des ewig sich verjüngenden Jahrs, die ewig sich verjüngende Liebe darstellen. Ungeduldig hatte er am Morgen darauf gewartet, endlich ging er, um mit seiner Ungeduld nicht allein zu sein, zur Fürstin, auch wollte er dort musizieren. Er wusste überdies, dass er seine Frau an diesem Tage noch angenehmer überraschen würde, und fürchtete sich, in dieser Stimmung ihr das ganze Geheimnis, die nahe Ankunft ihres Vaters zu verraten, von dessen Reise er den Tag vorher die erste Nachricht bekommen und von dem er mit Bestimmteit Briefe in Palermo erwartete. Diese Gedanken machten seine Unterhaltung mit der Fürstin sehr einsilbig, sie setzte ihm nach ihrer Gewohnheit feine Früchte und edlen Wein vor, diesmal Christitränenwein in einem sehr alten Familienbecher, der aus einem Jaspis geschnitten das Haupt der Medusa darstellte, an der die Schlangen als Handhabe geringelt waren; sie hatte immer eine Freude daran, ihn essen zu sehen, weil er alles mit voller Empfindung genoss. Er liess diesmal den Becher stehen, versuchte eine Melodie auf der Gitarre, die in seinem kopf wogte und immer rührender und anziehender unter seinen Fingern sich gestaltete. Die Fürstin sass auf einem breiten Sessel im Fenster, bald sah sie ihn an, bald stützte sie sich auf ihren Arm, und hörte ihn wie aus weiter Ferne. Wiederum missdeutete sie das Trauernde seiner Melodie, sie glaubte darin eine verhaltene sehnsucht ausgedrückt; er soll nicht mehr leiden, dachte sie, zu lange dauert seine Qual, er ist zu bescheiden, zu fordern, was er meiner Geburt und Bestimmung unangemessen glauben könnte, ich selbst will den Hauptschritt tun und herrscht er dann über mein Land, wie er über mich herrscht, was kümmert's ihn, ob er den Titel eines Fürsten tragen darf, er ist ein Zauberspruch, der mächtiger wirkt, je heimlicher er ist gehalten. O Stolz meiner Ahnen, o Stolz meiner Liebe, jener möchte ihn beherrschen und dieser sich ewig ihm unterwerfen! – Während dieses Selbstgespräch die Fürstin tief in sich beschäftigte, war der Graf mit seiner Melodie fertig geworden, er sang den rührenden Schluss einer Reihe von Romanzen, die das Leben eines unglücklichen Kaisers besingen. Die Fürstin blickte jetzt wieder auf ihn und der Gesang rauschte an ihrem Ohre, wie die Wellen an der Wand eines Schiffes neben einem Schlafenden, der von seiner Heimat träumend die Sichel durchs Korn, die Bäche durch Blumen, die Hirsche durchs Laub, die Jugend im Tanz rauschen hört, bis der Sturm ihn erweckt. Es wird uns schwer auszudrücken, wie es ihr so einzeln ins Herz tönte, als der Graf sang:

Der Kaiser flieht vertrieben,

Flieht das eigne Land;

Das Heer ist aufgerieben

Fliehend seine Schand.

Nur die sind ihm geblieben,

Die er oft verkannt,

Denn streng sind, die uns lieben,

Not hat Lieb erkannt.

Er grüsst die alten Tage

Seiner Jugendzeit,

Vergisst der zeiten Plage

In Vertraulichkeit.

Die Fürstin hatte von dieser Strophe nichts vernommen, als das liebe Wort Vertraulichkeit. Der Graf sang weiter:

Zum Fluss ist er gekommen,

Findet keine Brück,

Da wird sein Herz beklommen,

Er kann nicht zurück.

Da kommt ein Schiff mit Netzen:

"Schiffer nimm zum Lohn,

Willst du uns übersetzen,

Meine goldne Kron."

Der Schiffer hat genommen

Seine goldne Kron,

Doch eh' er über kommen,

War der Feind dort schon.

Die Fürstin dachte in sich: Könnte ich ihm nur meine goldne Krone aufsetzen, wie leicht würde mir!

Der Graf

"So lieb dir ist dein Leben,

Fahr zurück ans Land,

Den Schifflohn will ich geben

Mit der eignen Hand."

Der Kaiser droht zu schlagen

Mit dem goldnen Stab,

Doch schnell zurückgetragen,

Ihn dem Schiffer gab.

Jetzt sah er wie die Feinde

Ihn am Ufer sehen,

An Freundes Busen weinte,

Wollte schier vergehn.

Die Fürstin seufzte: "An seinem Busen zu weinen, an seinem Herzen zu vergehen, wie selig!"

Der Graf

"Ich hab nichts mehr zu geben,

Als den Mantel mein,

Der gibt mir Not im Leben,

Bald auch Todespein:

War meiner Not Beglücken

Eurer Tage Preis,

Den Purpur reisst in Stücken,

Geb ihn allen preis!"

Er fasst, soviel er konnte,

Jeder riss sein Stück,

Es auf dem Herzen sonnte,

Wie ein Stern im Glück.

Die Fürstin dachte: Nein, nicht mit einem Zeichen soll er sich begnügen, ganz will ich ihn einhüllen in meinem Purpur, er hat für uns beide Platz, dass ich den Liebling ganz allein mit mir verbinde, ihn aller Welt verstecke.

Der Graf

Die Stücke heften alle

Auf die Kleider fest

Und vor dem Feind mit Schalle

Halten Ordensfest.

Dann