hart Erstarren,
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht länger harren,
Die treu bewahrt der Kön'gin Gruft.
Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schöne Jugend scheint so müde,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was hülf es ihr, wenn er nun lebte,
Und wäre nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergessnen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.
Es mag der Fürst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlassne möchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und ähnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die hände sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lächelt milde,
Und spricht: "Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen,
Wie ich noch solche Kinder schön,
Als meinen Enkel muss ich schauen,
Den ich als Bräut'gam einst gesehen."
Der Minister bezeigte bei dieser Erzählung eine ihm ungewöhnliche Rührung; seine Gesellschafter befragten ihn um den Grund, er gab ihnen ganz unbestimmte Antworten. Endlich redete der Kammerjunker zu der Dichterin ganz leise; sie aber schüttelte mit dem kopf und sagte: "Es geht nicht." – "Frei heraus", rief der Minister, "ich denke, wir sind auf der Reise genugsam mit einander bekannt geworden, um die Scheu alter Verhältnisse aufzugeben; ein Reisewagen muss allmählich zu einem Körper alle Reisenden verbinden, so dass jeder seine gemässen Funktionen verrichtet; ich will wetten, Ihr habt einmal irgend einen Scherz auf mich gemacht." – "Da Sie es erraten", antwortete die Dichterin, "so kann ich es Ihnen nicht verschweigen, liebwerter Landesvater: es ist ein kleines Gedankenspiel, was ich nach allerlei Gerüchten über Ihr Verhältnis zur Fürstin freilich unter veränderten Nebenumständen, und selbst mit mancher Verwandlung, die mir in der Arbeit gut dünkte, damals darstellte, als Sie sich mit ihr nach dem tod des Fürsten versöhnten." – "Nun seht Kinder, wie unglücklich ein Minister ist", sagte der Minister, "selbst das Nächste, was um ihn her geschieht, erfährt er nicht, und soll das Entfernteste im land kennen und beurteilen; wahrhaftig, ich glaube, die einzige Art brauchbare Minister einem land zu verschaffen, ist die jährliche Ernennung derselben; wenn auch nicht immer die Geschicktesten oben an kommen, so sind sie doch stets wohl bekannt, und eingewohnt in den Verhältnissen des Landes; das mag auch wohl das eigentliche Förderungsmittel der Freistaaten gewesen sein, und in unsern Reichsstädten kam noch hinzu, dass keiner dieser Angestellten so mit Geschäften überhäuft war, um andrem Lebensverkehr und bürgerlicher Nahrung zu entsagen; seht, jetzt kann ich mitten unter Poeten nicht einmal aus meinen Amtsberichten herauskommen; schämt Euch nicht und tragt schnell Eure Sachen vor." – Nach einigen Umschweifen, nach mehreren Küssen, welche die Dichterin auf die rauhen Backen des Ministers in ihrer kindischen Art gedrückt hatte, holte sie aus ihrer dick angeschwollenen schwarzen Brieftasche, vor der ein geheimes Zahlenschloss lag, ein kleines Spiel heraus, das wir als Darstellung eines wunderlichen ehelichen Verhältnisses hier am rechten Orte finden.
Der Ring
Ein Gedankenspiel
Gartenplatz vor einem Landhause. Morgen
1.
MUTTER. Hab Dank für deinen guten Morgengruss Geliebte Sonne in den schwülen Lüften, Von dir allein kommt mir noch Liebesgruss, Von dir allein mag ich ihn gern verstehen; Dich klares Licht, versteht die ganze Welt, Die rätselhafte Welt, die trübe, dunkle, Es ahndet schon der Schlaf dein froh Erhellen, Und atmet deine ersten Strahlen ein, Und säumet sein Gewand mit hellen Träumen, Und zieht dann schnell die dunkle Hand hinweg, Die er noch über die Geschenke breitet Der neuen Welt, die aus dem Osten strahlet! Zum heitern Morgen dringt ein schnell Erwachen.
Sie beschaut die Blumenbeete umher.
Die Blumen stehen frisch, die Luft ist schwül,
Der Luft verzeih ich's, dass sie sich so drängt,
Den neuen Segen taumelnd zu empfangen
Und zittert doch davor in süsser Lust,
Das ist das Fürchterlichste, was wir lieben.
Ach warum lieben wir, was furchtbar ist!
Sie setzt sich auf eine Bank und lehnt das Haupt auf
die Hand.
So bin ich, kaum erwacht, schon wieder müde!
Wo endet Schlaf? Wann gehet auf das Sehen?
Wie wird es Tag? Wann löschen aus die Sterne?
Was grünt zuerst, wo steigt der erste Klang?
Unendlich tief ist Schlaf, unendlich weit der
Morgen!
Ich schlaf im Wachen und ich wach im Schlafe,
So ist das Gestern auch zum heute geworden,
Dem Auge fern, dem geist gegenwärtig;
Hier sass ich gestern abend, schrieb im Sande
Und fuhr erschrocken auf, was ich geschrieben,
Das, weiss ich, hatte ich nimmermehr gewollt.
Was da mein Stäbchen spielend hingezeichnet,
Der Morgenwind hat's sorglich ausgewehet,
Weil's unvereinbar ist mit meiner Ruhe.
Sie sieht zum Himmel.
Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau,
Der trübe Dunst wird Licht im Sonnenauge:
Der Sonne Malerblick weiss alles zu verschmelzen,
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen,
In träger Nacht die Geisterwelt zu malen;
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schöne,
Unendlich ward ein Frühling allen Sinnen.
Die