war, eh' ich ihn sah. Was ich geschaffen, würde ich jetzt stören, Was mir im Glück geriet, verdürbe Unglück. Ich bin viel törichter als je mein Bruder, Und dieser Knabe ist mir Gott und Welt, Ihm opfere ich mich und auch mein Volk. KANZLER. Der tät'ge Mensch vergisst so viel, Und jeder Tag macht neu die tät'ge Seele. FÜRSTIN. Das Weib vergisst so viel, und doch nicht alles; Das Vaterland, die Eltern und die Freunde, Vergisst das Weib und folget ihrem Mann. Doch fort von hier – es regt sich der Geliebte; Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen.
Sie gehen mit einander fort.
5.
HYLAS richtet sich auf. "Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen", Und welcher Gott gab es im Schlaf mir ein; Der Gott, der gibt's den Seinen in dem Schlaf, Ich stamme auch aus dem Geschlecht der Götter, Träum aus du arme Seele, träume aus, Damit du klar erwachst vom trüben Denken! Hier stand der ernste Mann mit finstrer Stirn, Er sprach mit tiefer Stimm ein ernstes Wort: "Dem Knaben opferst du dein ganzes Volk?" Und ruhig sprach da meine Fürstin drauf: "Ihm opfere ich mich und auch mein Volk." Was dringt in meine Adern, welche Scham, In meine Sehnen, welche Heldenstärke, In alle Sinne, welche ew'ge klarheit, Mein ganzer Wille wird nun zum Entschluss; Schon steh ich jenseit dieses wüsten Lebens, Weit über euch, ihr niedern Erdengötter, Da ruh ich in der Schicksalsgöttin Armen. Ich sollt mir opfern sehen so reine Grösse, Und nichts gewinnen als ein schwelgend Leben! Ich hasse euch, ihr unglücksel'gegen Götter, Die ihr das rote Blut in tausend Bächen An den Altären müsset fliessen sehen;
Des Mitleids Qualen könnt ihr nimmer stillen,
Euch opfern nie dem Schicksal ew'ger Liebe!
Ich fühl's, jetzt wird im kopf mir so licht,
Dem neuen Tage strahle ich entgegen,
Der aus den Fluten sich so kräftig dränget.
Nein ich gehör nicht mehr dem neuen Tage,
Er zwingt mich nicht zu glauben an sein Licht,
Das nur ein Gegenschein von meiner Liebe.
Bald werf ich mich der Sonne froh entgegen,
Damit ich selbst der weiten Welt erscheine. –
Noch einmal denke ich alles Glücks allhier!
Seit mich die Fürstin in die arme nahm,
Da fiel des Glückes Tau so reichlich mir;
So unersättlich ich darin auch schwelgte,
Ich frage nicht, ob es auch dauern könne,
Wär es das Glück, wenn Zeit zum Umschaun
bliebe;
Es reisst uns an den Haaren in die Höh
Und lässt uns dann in öde Tiefen fallen,
Wie Steine unter meinen Tritten fallen,
Und schallen in dem bodenlosen Meer.
Lebt wohl ihr Blumen, die ich lieben lehrte,
Hier unter euch, da sah ich sie verschwinden
In meines Abschieds trüber Dunkelheit;
Bald wird es Tag von einem neuen Lichte
Und werde ich Licht, wenn ich dem Meer entsteige,
So fall ich hier in ihre holden Augen!
Ihr Tauben, meiner Liebe sanfte Boten,
Ich glaube mit euch zu fliegen übers Meer,
Ich sehe ins ewig Ruhelose freudig,
Das steigend fällt und fallend steigt,
O nimm mich auf, ich bin wie du!
Er stürzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Meer,
dem die Sonne entsteigt.
6.
Die Fürstin und der Kanzler
FÜRSTIN. Sie kennen mich, dass ich nie mehr gesagt, Als ich vollführen kann; ich kenne Sie, Dass Sie nicht wiederholen mögen, was Vergebens bleibt. Mein Schluss bleibt immer fest. Dem Trone zu entsagen ist mir leicht; Von Ihnen wird der Abschied schwer, mein Freund. KANZLER. Mich hält, ich weiss nicht welche Hoffnung fest, Dass sich Ihr harter Sinn noch lässt erweichen; Umsonst gewirkt zu haben ist so schwer, Uns beide trifft das, wenn es dabei bleibt. FÜRSTIN. Ich hab gelebt, seit ich nicht mehr gewirkt, Versuchen Sie in gleichem Sinn zu leben; Dann frag ich Sie, ob Sie nicht gern entsagen. KANZLER. Ich bin zu alt zu einem neuen Leben. Es lässt sich Liebe nicht so leicht erwerben, Was nicht erworben, lässt sich nicht bewahren. FÜRSTIN. Ich bin auch älter als mein schöner Hylas; Ich sterbe früher, weil ich älter bin: So überlebt mich herrlich meine Liebe. O Hylas komm, nach solchen ernsten Worten Bedarf ich deiner Töne leichtes Spiel, Und deiner Züge viel bedeutend Bild. KANZLER. Ich höre an dem Meere Klagetöne. FÜRSTIN. Es ist so mancher Unglücksfall am Meer. Mein Hylas komm! Er hat ein zart Gemüt, Und vor der Trauer muss ich ihn bewahren; Er ist so klar, so froh wie jene Sonne, Die aus den Wellen hellgebadet steigt.
7.
Die Künstler tragen die Leiche des Hylas nach dem
haus.
DER DICHTER. Setzet nieder eure Bürde, Schweigt im ernsten Trauerhaus, Wohl geziemt sich Ernst und Würde, Wo die Schönheit lischt in Graus. Wo die Wärme ist verschwunden, kommt der öde Winterschlaf, Alle Stärke ist geschwunden Alle Glieder sinken schlaff. FÜRSTIN. Keinen Toten kann ich sehen, Helfen kann ich ihm doch nicht, Kann zur hülfe was geschehen, Sorgt, dass ja nichts hier gebricht. Gern will ich ihm Obdach schenken, Bis die Erde ihn verschliesst