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Sie sind es Freund, mein treuer, vielbewährter, Die Stütze unsres Landes; bester Kanzler, Woher so unerwartet? Um so freud'ger Begrüss ich Sie! Sie reicht ihm die Hand zum

Küssen.

KANZLER. Wohl mir, die schöne Hand Errat ich nun nicht mehr aus blossen Zeichen, Die der Gedanken hohen Lauf mir sagen, Ich fasse sie und möchte nie sie lassen, Bis ich des Staates Zügel drein gelegt, Denn ihr allein ist folgsam jene Menge, Die mit mir durchgeht, trotzig widerstrebend Vom Diener dulden Diener selten Strenge. FÜRSTIN. O legen Sie die weisen Sprüche ab, Es steckt noch kalte Luft in allen Falten, Hier lüften Sie sich bei dem Meeresrauschen, Worin die Sterne spielend niederwallen, Hier wird die Nacht zum allerfrohsten Tage. KANZLER. Ach könnten wir das ganze Land herschwemmen, Wie eine neue Insel, und ein Volk Von Glücklichen in leichter Lust regieren! FÜRSTIN. Regieren Sie, ich bin ein schwaches Weib, Hab nicht der Männer Sinn, nicht ihre Kraft; Sie Freund, Sie machen's besser jetzt als ich, Als ich es je vermocht, ein jeder rühmt Sie. KANZLER. Gedenken Sie der letzten Briefe nicht? FÜRSTIN. Wohl, ja, doch las ich nur den Schluss davon, Dass alle noch gesund sind, die mir lieb. KANZLER. Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe? FÜRSTIN. Ich weiss seit lang, Sie machen alles recht. KANZLER. Wohl mir, dass ich zur rechten Zeit noch bringe So wichtige, bedeutungsschwere Nachricht: Ihr Bruder, gnäd'ge Fürstin, hat ganz trotzig Sich einen Kreis von Abenteurern kühn Gesammelt; die guten Bürger hängen noch An ihrer Fürstin, doch sie fordern schnell Die Gegenwart, die alles kann vereinen, Die Frevler ohne Blutvergiessen schreckt, Die allen Guten gibt das Zutraun wieder. FÜRSTIN. Sie wähnen nun, ich würde ganz eilig kommen, Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern, Wo keiner hat den Mut, für mich zu streiten. KANZLER. Ich hab's gewagt, ich bin verhöhnt, verwundet. FÜRSTIN. Ich nehme Sie von allen immer aus, Doch eben weil Sie da so einzeln stehen, So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert, Und ist's was wert, ich bin zu schwach zum

Schützen.

Ich kenne Sie, fest wie ein Eichenbaum, Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr, So schwank ich in den Lüften hin und her; Ich mag nichts machen in der Welt, denn was Geschieht, das macht sich selbst und wird nicht

schwer.

KANZLER. Nein, ich verstehe Sie nicht, Sie sind verwandelt, Bei Gott, es gibt auf Erden Ihrer zweie, Die eine war des Vaters Ebenbild, Es sprach sein Geist durch ihren heil'gegen Mund, Die Klugheit, früh entwickelt an der Grösse, Die Weisheit, an der Tätigkeit gekeimt, Die Güte, in Erfahrung schön gereift; Das sind Sie nun nicht mehr; wer kann's erklären? FÜRSTIN führt ihn zu dem schlafenden Hylas. Hier sehen Sie die Weisheit, die mich blendet, Die Güte, die mich hat so schön gereift, Und meine Klugheit ist, ihn zu bewahren, Vor dessen Schönheit tausend Trone sinken; Wenn die geschlossnen Augen mich beherrschen, Wo nähm ich Macht, wenn sie sich öffneten, Um scheidend mich zum letztenmal zu grüssen. KANZLER. Ja ich bekenn es, dieser Tausch ist hart Und dieser Jüngling wert des schönsten Trons. FÜRSTIN. Des Herzens wert, zu gut für jeden Tron; Für ihn ist das Entsagen jedes Trons Nicht schwerer zu vollbringen, als zu sprechen. Ich kenne, was ich meinen Reichsgesetzen, Was ich als erstes Beispiel schuldig bin; Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen, Sie führte mich so schnell von alter Weisheit: Es waltet über jedes Volk ein Schicksal, Ich überlass mein trostlos Volk dem seinen, Mein Schicksal ist die Liebe nun allein. KANZLER. Ich war nicht vorbereitet, gnäd'ge Fürstin, Dass Ihr Entschluss so überlegt und fest. FÜRSTIN. Er ist gefasst nach langer Überlegung, In meinem Zimmer lieget die Entsagung. Nur wenig wünsch ich aus des Vaters Schätzen, Ein mässig Jahrgehalt, und wird mir dies Verweigertarm in diesen Armen ist Auch Reichtumviele möchten mit mir tauschen. KANZLER. Was meine Rede mir im Mund erstarrt, Beweget tiefer noch mein ganz Gemüte; Ich war bereitet auf ein schwer Geschäft, Doch abgeschlossen alles hier zu finden, vorüber alles, alles wohl bedacht, Wie ich es nimmermehr erleben möchte, Vieljähr'ge Arbeit in den Wind zu streuen! O Fürstin, schweigen denn Millionen Stimmen In Ihrem Herzen, die in diesem Drucke Der unnatürlich gegen sich ergrimmten Zeit Viel Tausend Seufzer täglich, nächtlich senden? Ach dieser Strom der Luft, der uns umhaucht, Und aus dem Norden strömt, ist schwer beladen Mit tausendfacher Not, die jene drängt. Er klagt es leise seiner Hoffnung Fürstin, Der Schöpferin von allem unserm Glücke. Soll dieses ganze Glück in Torheit sinken, Denn also will's des Bruders wahner Sinn. FÜRSTIN. Sie quälen mich; ich überzeug mich nicht. Mein Volk vergess ich nie im treuen Herzen, Doch weil ich schwach, darum vermag ich nichts, Es liegt mir nah, der holde Schläfer näher: Ich bin ein schwaches Weib, ich bin nicht mehr, Wie ich wohl einstmals