aber nur das Sichtbare berührt sie; jenseit eines schmalen Gebürges liegt ihr schon eine Ferne, die sie nicht verbinden kann, und über alles Vergangene fährt auslöschend eine Sündflut her. Wie treu bewahrte Klelia ihre Freundschaft zu dem Grafen, während ihn Dolores tagelang in ihren Umgebungen vergass, und wie töricht legte sich der Graf, der Meinung seiner Mutter eingedenk, dass nie blosse Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern gefunden werde, jene Äusserungen warmer Freundschaft als eine unselige Liebe aus, die sich selbst nicht verstände und die er bekämpfen müsse. Diese kalten Briefe wirkten vielleicht mehr als die äusserlichen Vorteile und die Rücksichten auf ihre Gesundheit, sie zur Annahme eines Vorschlags zu bestimmen, der sie ihrer Schwester und dem Grafen auf längere Zeit entriss. Eine ihrer Basen, die würdige Frau eines Schweizer-Obersten in Sizilien, war von ihrem mann zu einer schnellen Abreise dahin bestimmt; da ihre Kinder gestorben, so wünschte er ein paar seiner ärmeren Anverwandten sich zu gewöhnen, und in sein Haus zu nehmen, um ihnen den Mitgenuss seiner reichlichen Einnahmen und seines angenehmen Hauses zu schenken, wenn er ihnen gleich kein bedeutendes Vermögen hinterlassen könne. Sie machte den beiden Gräfinnen den Vorschlag, ihr Glück in jenen entfernten schöneren Klimaten zu versuchen. Wir wissen, was Klelia zu der Annahme dieses Vorschlages bestimmte; auch die schmerzliche Erinnerung an ihre Eltern und das Unerträgliche von fremden Wohltaten zu leben, hatten Anteil an dem Entschlusse; wie sehr erstaunte sie aber, als Dolores ganz rücksichtslos sich auch für die Mitreise erklärte. Das Fremdartige des Unternehmens reizte sie, dass sie viele, und viele von ihr sprechen würden; der blaue Himmel, die Musik, der Karneval, endlich die Kunstdenkmale, an denen sie ihr Malertalent ausbilden wollte, der ganze Feststaat, den tausend Beschreibungen um den Namen Italia gelegt haben, das alles rauschte vor ihr über, und die vernünftigen Vorstellungen der Schwester, eine nahe vorteilhafte Heirat mit einem geliebten mann der blossen Neugierde nicht aufzuopfern, genügten ihr nicht davon abzustehen; die Obristin musste ihr, nachdem sie die Umstände erfahren, den Platz in ihrem Wagen ausdrücklich versagen. Wir, die wir den Ausgang kennen, wünschen, sie wäre dem Winke ihrer natur gefolgt, der natur, die sich in ihrer sehnsucht und Laune selten ungestraft widersprechen lässt, denn sie allein weiss, was sie will, wir aber wollen, was wir nicht wissen.
Klelia reiste mit schwerem Herzen aus dem väterlichen haus, Dolores hatte ihre Ermahnungen nicht anhören wollen; sie liess ihr ein schriftliches Vermächtnis, das diese zerstreut und weinend über ihr Schicksal wohl durchlas, aber in keiner Hinsicht beachtete. Statt der Erinnerung zu folgen, allen den Gesellschaften zu entsagen, die ihrem künftigen Leben meist ganz unangemessen, suchte sie sich vielmehr für alle entbehrte italienische Luft zu entschädigen. Die Stadtbälle, die sie sonst aus gemeinsamem Stolze wie ihre Schwester verschmäht hatte, wurden ihr ganz notwendig; sie wollte sich eben so in Kleidern auszeichnen, wie sie durch Schönheit hervor leuchtete, und so verschwendete sie sehr schnell, was der Graf sich abgespart, und was die Obristin ihr verehrt hatte. Auch ihre Lust am Reiten kam ihr wieder; sie wusste, wie verhasst dies dem Grafen an Frauen war, der darin einen besonderen Trotz gegen die öffentliche Meinung ahndete, die an kleineren Orten Deutschlands gewöhnlich hinter den Reiterinnen herlacht und jeden kleinen Unglücksfall mit Spott wiederholt und vergrössert. natürlich schrieb sie ihm nichts von dem allen, sie suchte die einsamen Stunden eines allgemeinen Überdrusses auf, wo die sehnsucht nach seinem vetraulichern Umgang ihr wiederkehrte, um ihm so schmachtend, so süsstraurend zu schreiben, wie eine Braut des himmels; es war das gar keine absichtliche Verstellung, sie hätte aber wahrlich keine andre Zeit dazu finden können und in den Stunden war es ihr Ernst. Eins unterscheidet das reine Gemüt und das grosse Talent, die Einheit seines ganzen Daseins, mannigfaltig wie Gottes Welt. Das kleinliche Gemüt ist gleich dem besten Menschenwerke aus widersprechenden Stücken zusammengesetzt, unter denen manches herrlich sein kann, aber es muss aus dem Zusammenhange herausgerissen sein, um ganz gewürdigt zu werden.
Zweites Kapitel
Graf Karls Rückkehr zur Gräfin Dolores.
Missvergnügen und Streit
Unserm befreundeten Grafen gaben endlich die Osterferien volle Freiheit zu seiner Braut hinzuwandern, jeden Tag hatte er bis dahin an seiner tür ausgestrichen, alles war voraus eingepackt, geordnet, der Abschied war genommen, und einsam wie ein Pilger nach heiligen Orten, voll Gedanken fromm und rein, in denselben alten, an der Sonne verschossenen grünen Husarenkleidern, schritt er eifrig über Berg und Tal, ohne Umsehens, schweigend in sich, dem hohen Ziele seiner Wallfahrt zu. Und wie er sich dem näherte, immer höher schlug ihm sein Herz, und als er wieder auf dem Felsen sass, wo er sie zuerst belauscht, wie sie Linnen begossen: weicher kann kein König sitzen, der lange vertrieben seinen Tron fest und unbesetzt wiederfindet. Die Sonne stand ihm im Abendscheine gerade gegenüber, sie blendete ihn und erweckte vor seinen Augen eine Welt von Blumen, wie es kaum die Morgensonne vermag; endlich konnte er hinuntersehen, wo ihn das Linnen sonst geblendet; er wischte sich die Augen, so viele springende Funken erschienen vor ihm. Endlich unterschied er Dolores, wie sie mit verbundenen Augen zwischen einer Zahl junger Herren und Mädchen ein Haschen spielte. Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehörte es nicht zu ihr, wie er sie gekannt, wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise in ihren Briefen dargestellt