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von einem reiferen gebildetern land, dass ich alle Ermüdung vergass, die ich aus der alten Welt mitgebracht und recht frisch die spinnenden feinen länglichten Weiber vor allen Haustüren beschaute, deren feurige aufmerksame auszeichnende Blicke und laute Stimmen sie gleich von allen Nachbarinnen jenseit der Alpen unterscheiden; Ähnlichkeit haben sie darin mit den Ostindierinnen, nur ist in Italien alles frei, offen und erklärt, was sich dort hinter tausend Schleiern verbirgt. Die Eifersucht der Italiener ist ein altes Märchen: es gibt Eifersüchtige wie allentalben; die Männer sind meist widrige, schmutzige Eseltreiber, Köche, Faulenzer, eine niedrige List entstellt meist ihre schönen Züge. Das erste Wirtshaus war so durchsichtig, weil alle Türen und Fenster offen standen, dass ich glaubte in einem Lager zu sein, wo die Hütten nur für einen monat erbaut; so war auch die Kost: gute Sachen schnell und schlecht bereitet. Auf dem Comersee sorgte eine hübsche runde Frau, die ich aus gefälligkeit in mein Fahrzeug aufgenommen hatte, sehr artig für uns. Sie wollte mein Alter nicht glauben, versicherte mir heimlich, dass ihr noch nie ein so stattlicher Herr wie ich vorgekommen, ich möchte sie doch in Como besuchen. Sagt meiner Frau, dass ich nicht untreu geworden bin. Ein paar Schifferbuben, Pietro und Battista, sangen ununterbrochen beim Rudern, der alte Schiffer besserte zuweilen, wo sie falsch gesungen; wie verschieden von uns, wo der Alte sicher den Jungen das Singen bald gelegt hätte. Ja lieben Freunde, wir haben viel Kritik, aber sonst nicht viel, was der Mühe des Lebens wert wäre, und unsre meiste Erziehung besteht doch bloss in einem Entwöhnen von der Freude. Angesicht dieses gebt dem Hofmeister meiner Kinder den Auftrag, alles, was noch volksmässig gesungen wird, mit ihnen durchzusingen, so haben sie doch etwas, woran sie sich in vergnügten einsamen Stunden halten können. Mir fehlt so etwas; meine beiden Reisegefährten schmachten, schmollen oder schreiben."

Funfzehntes Kapitel

Unterhaltung der Reisenden in den Pontinischen

Sümpfen

Die eine charakteristische Ansicht von Italien mag genügen; zu dem Schlusse des Briefes müssen wir aber bemerken, dass er den beiden zum Schreiben gar mancherlei Veranlassung gab. Er hatte die Metode, mit Fähigkeiten aller Art die Klingenprobe zu machen, etwas von ihnen zu fordern, was gewöhnlich nicht gefordert werden kann, um ihren Umfang und ihre Dauer ganz zu kennen. So sollten sie ihm im Wagen fertige Tragödien schreiben, besonders gab er ihnen dazu einen Stoff, der ganz sonderbar war, und den sie gleich ausführten. Er setzte eine Fürstin nach Italien, die sich in einen schönen griechischen Schiffsknaben verliebt hätte, und die von ihrem Minister in ihr Land zurückgerufen wurde. Der Kammerjunker lachte erstaunlich, wenn er sich den fischköpfigen Primaner, dies tölpelhafte Ungeheuer, als einen solchen Liebling dachte. "Beim Werke", sagte der Minister, "nehmen Sie darauf Rücksicht, dass in ihm erste, in ihr letzte Liebe wirkt, dass sie in einer Masse von Verhältnissen höherer Art gelebt hat, wovon der Grieche nichts versteht, so dass ein grosser teil ihrer Bildung brach liegen musste, der auch seinen Umgang sucht; diesen wollen viele unverschämte geldgierige Künstler ausfüllen, dies letztere muss Ihnen lustige Szenen geben." – So entstand sehr schnell die folgende kleine Tragikomödie vom

Hylas

Ausgang eines bedeckten Säulenganges nach dem

Meere, auf der andern Seite ein hoher Felsen mit

Gängen, Blumen, Grotten verziert

1.

DER MUSIKER. Das halt ich nicht aus, Sie laufen immerzu und sagen gar kein Wort. DER MALER. Sie sehen sich nicht um, das ist viel schlimmer. DER MUSIKER. Wer hat den Strachino zuerst gesehen? Wer fand den Bäckerladen? DER MALER. Was wollen Sie aber mit dem Zeuge, mit Käse und Brot? Die Fürstin riecht's am Ende. DER MUSIKER. Ich stelle mich immer unter den Wind; es soll Ihnen noch gut schmecken, nach allem dem süssen Zeuge, was man hier bekommt, der Magen wird einem ganz hohl davon; der Mensch muss aber einen Kern haben, um zu wachsen, wie kein Getreide vom blossen Regen wächst. DER MALER. Ich bin noch nicht hier gewesen, geben Sie ein Stück her. DER MUSIKER. Warten Sie doch, da bringt ein Kammerdiener Sorbetti, das zuerst, der Käse löst die Dissonanz auf. DER MALER. Das wird schön lauten. Sagen Sie, greift man hier so gerade zu? DER MUSIKER. Nun sehen Sie, wie ich's mache. Mein lieber Herr Kammerdiener, wie geht's mit Ihrer Flöte? Sie haben da Eis, geben Sie mir davon. DER KAMMERDIENER. Mit meiner Flöte steht es schlecht, Herr Kapellmeister, ich habe zuviel darauf geblasen, die Klappe will nicht mehr halten, und da geht mir die Luft immer zu früh heraus. DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich bitten darf, auch eins für meinen Freund. Es ist jetzt heisse Zeit, ich rate Ihnen sehr, da kein Instrumentenmacher in der Nähe, lassen Sie die Flöte jetzt ruhig liegen, sie ist bloss ausgetrocknet, wie der Röhrbrunnen vor der Villa; ich wette darauf im Herbste akkompagnieren Sie wieder. DER KAMMERDIENER. Nein, seit der Grieche bei uns ist, werde ich nicht mehr zum Konzerte verlangt; der bläst Ihnen wie ein Blasebalg und wird niemals müde und hat einen feineren Ansatz. DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich Sie nicht bemühe; Freund,