andern im Winter
Mit Singen die Zeit vertrieb,
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Höret ihr immer den Doppelschall.
Der Winter bauet Brücken,
Sie beide hat vereint,
Und jedes mit frohem Entzücken
Die brücke nun ewig meint;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Wohnten die Eltern getrennt im Tal.
Der Frühling ist gekommen,
Das Eis will nun aufgehn,
Da werden sie beide beklommen,
Die laulichen Winde wehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Stürzen die Bäche mit wildem Schall.
Was hilft der helle Bogen,
Womit der Fall entzückt,
Von ihnen so liebreich erzogen,
Zum erstenmal bunt geschmückt;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Höret sie klagen getrennt im Tal.
Die Vögel über fliegen,
Die Kinder traurig stehen,
Und müssen sich einsam begnügen
Einander von fern zu sehen;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall.
Sie möchten zusammen mit Singen,
So wie der Vögel Brut,
Den himmlischen Frühling verbringen,
Das Scheiden so wehe tut;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
sehen sie sich endlich zum letztenmal.
Der Knabe kriegt zur Freude
Ein Röckchen wie ein Mann,
Das Mädchen ein Kleidchen von Seide
Nun gehet die Schule an;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
gehen sie zum Kloster bei Glockenschall.
Sie sahn sich lang nicht wieder,
Sie kannten sich nicht mehr,
Das Mädchen mit vollem Mieder,
Der Knabe ein Mönch schon wär;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kamen und riefen sie sich im Tal.
Das Mädchen ruft so helle,
Der Knabe singt so tief;
Verstehen sich endlich doch schnelle,
Als alles im haus schlief;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Springen im Mondschein die Fische all.
Froh in der nächt'gegen Frische,
Sie kühlen sich im Fluss,
Sie können nicht schwimmen wie Fische,
Und suchen sich doch zum Kuss;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Reissen die Strudel sie fort mit Schall.
Die Eltern hören singen
Und schaun aus hohem Haus,
Zwei Schwäne im Sternenschein ringen
Zum Dampfe des Falls hinaus;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
hören sie Echo mit lautem Schall.
Die Schwäne herrlich sangen
Ihr letztes schönstes Lied,
Und leuchtende Wölkchen hangen,
Manch Engelein nieder sieht;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Schwebet wie Blüte ein süsser Schall.
Der Mond sieht aus dem Bette
Des glatten Falls empor,
Die Nacht mit der Blumenkette
Erhebet zu sich dies Chor;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Grünt es von Tränen nun überall.
Vierzehntes Kapitel
Der Minister reiset nach Sizilien
Der Schreiber, immer besorgter, das Geheimnis jener Nacht möchte verraten werden, hatte inzwischen gleich nach der Rückkehr vom Ätna einen Brief an den Minister über die leidenschaft der Fürstin zu seinem Schwiegersohne geschrieben; der Brief war durchaus wahr ohne Übertreibung. So wenig der Minister die Untreue bei Männern für etwas Bedeutendes hielt, so war sie ihm doch unangenehm an seinem Schwiegersohne; er wollte ihn nicht gerne an der Stelle sehen, wo er selbst einst gestanden. Die bestimmte Zeit zur Rückkehr der Fürstin war längst verstrichen, und mehrere politische Ereignisse machten diese doch notwendig; schon mehrmals hatte er ihr deswegen geschrieben, aber sie antwortete entschlossen, sie würde es vorziehen, die vormundschaftliche Verwaltung für den ausschweifenden Erbprinzen ganz niederzulegen. Durch den Brief des Schreibers überzeugte er sich, dass dieser Entschluss ernstlich begründet sei – so sollte er mehrjährige Bemühung für des Landes Wohl in einer Zeit, die alle seine Stetigkeit und alles Talent der Fürstin forderte, einer gleichgültigen fremden Verwaltung überlassen? – Die Trennung von den Seinen, von seiner Moham und ihren Kindern war ihm sehr unangenehm, aber ein Staatsmann unterzieht sich dem Schwersten; er musste sich endlich selbst zu einer Reise nach Italien entschliessen, nicht um nach eigner Lust sich von vieljähriger Arbeit dort auszuruhen, sondern um wie ein hartes geistliches Gericht ein paar liebende Seelen aus einem unbekannten Verwandtschaftsgrunde von einander zu reissen. Zu seiner Aufheiterung nahm er den Kammerjunker und die Mamsell mit sich; beide waren in höchster Freude, dass sie Italien sehen sollten, und er verdarb sie ihnen nie. Rührend war es, wie der alte Geschäftsmann allmählich ohne sein Wissen auftaute, je weiter er nach Süden vordrang; zwar handelten seine Briefe meist von Geschäften, doch verlängerte sich die Nachschrift an seine Freunde bei jedem Briefe. Hier zur probe nur eine:
"Lieben Freunde! Ich schreibe aus Como, dem Geburtsorte der neueren elektrischen Physik; doch kann ich mich nicht entschliessen, zu dem berühmten Volta zu gehen, so fest hält mich das Marktgewühl an meine Fenster gelehnt; die verschleierten Frauen mit ihren Mägden erwecken meine ganze Neugierde. Ihr werdet fragen, ob ich wohl und gesund bin; zu solchen fragen bleibt aber hier keine Zeit; jeden Augenblick gibt's etwas Neues, und selbst so alte Bekanntinnen wie die Sonne und Sterne, glänzen hier wie in erster Jugend. Ich kann Euch meine Verwunderung über den ersten hohen Feigenbaum im Freien nicht ausdrücken, als ich gegen Chiavenna auf meinem Maultiere vom Gebürge herabritt, hinter mir ein Gewitter, um mich alles so schwül, Kammerjunker und Mamsell sehr schmachtend gegen einander, und der Baum so frisch, grossblättrig; ich musste stille bei ihm halten, und mir ein paar Blätter davon auf meinen Hut stecken. Die Bauart der Stadt, die unter mir lag, die flachen Dächer, das gute Verhältnis zwischen Länge und Breite der Häuser, zwischen Fenstern und Türen, ein Marienbild in der Mauer, das sich durch seine guten Umrisse und Farben von der blossen mechanischen Heiligenmalerei unsrer katolischen Länder unterschied, machten mir einen so behaglichen Eindruck