Geschmack, gegen die Bequemlichkeit, gegen jede Art Kunstsinn verstösst. Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten Krümmung, kein Fenster dem andern gleich; die schiefe tür, die von der Mitte des Hauses wenig absteht, ist von den ekelhaftesten, in Marmor gehauenen Schimären umgeben; erst da bemerkt man, dass die ganze Mauer mit solchen Unwesen ordnungslos überzogen ist. Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den schönen heiligen Bildern grosser Meister, womit der Fussboden belegt ist, wogegen die Wände mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen; alle Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stücken sehr beschwerlich zusammengelötet, und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen, Muscheln, Ordensbänder und Dokumente mit grossen Wappen bedeckt; die prächtigen Stühle haben alle nur zwei Beine, und die Tische liegen alle umgekehrt. Das kostbare, aber in seiner Vermischung ganz ungeniessbare Frühstück, war in einem künstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet, der freilich nie den Pferden eingeräumt worden; die herrlichsten Majolikagefässe als Krippen, die künstlichen Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im schloss aus. Hier liessen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder, wenn sie gleich von den speisen nichts anrühren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle unterhielten sich über die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können, mit solchem Aufwande über sein ganzes Leben auszubreiten. Die Fürstin glaubte, er hätte sich durch diese Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht ärger als gar manchem Dichter, manchem Fürsten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu entdecken; er glaubte, dass ein Mensch allmählich in solcher heimlichen Lust alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner Äusserung leiden würde, zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne; "wunderten wir uns doch oft", sagte er, "über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast erschrecken, aber keiner lässt sich träumen, welche geistige Zwischenglieder sie ganz natürlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken und nichts muss heiliger gehalten werden; manche Sünder erscheinen da schuldlos gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der Heilige Geist ihre Kunstgaben nicht, während jene in sich aussterben und verarmen." – Diese Äusserung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die Gräfin sich zu Gemüte; sie glaubte die Fürstin, deren frühere Verbindung mit ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene öffentliche Sünderin zu erkennen, und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller Äusserung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung mit den Äusserungen des Grafen über die Austeilung des Heiligen Geistes; sie wollte ihre Tränen zurückhalten, aber die gewaltsame wirkung dieser Verzweiflung an sich, in ihrem inneren zusammengepresst, störte den ruhigen Zusammenhang des Äusseren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter seinen Küssen und Tränen, die kühlend auf ihre Schläfe gefallen; die Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche. Sie wusste nicht wie ihr geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste, noch einmal so selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem wunderlichen schloss beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin auf die Rückfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzählten ohne Aufhören von dem schloss; die Reise endete heitrer und traulicher, als das Ereignis mit dem Ringe erwarten liess. Wer vermag es Ahndungen zu deuten?
Am Abende nach ihrer Rückkehr, wo in Gegenwart eines Mönchs aus dem nahen Franziskanerkloster, von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und verschieden gemutmasst wurde, erregte er mit der Versicherung alle Rätsel lösen zu wollen, die allgemeine Aufmerksamkeit. "Habt ihr nie", sagte er, "von dem alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem vaterland gehört? Peter von Stauffenberg war der letzte und schönste seines Geschlechts im deutschen land, von ihm stammen die Prinzen von Palagonien."
Die Fürstin fiel hier ein und erinnerte, dass freilich der echte männliche Stamm aus gültiger Ehe entsprossen, in Deutschland erloschen sei; dass aber eine Tochter Sigelindens, die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie geboren sei, also wahrscheinlich ein Kind, das er von einer Meerfahrt mitgebracht, die Stammutter ihres Hauses wäre. – Der Mönch meinte, sie würde in Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen; die Fürstin aber versicherte, dass sie genug blödsinnige Vettern in ihrem haus besässe, und der Mönch fuhr in seiner geschichte fort: "Sie werden vielleicht nicht wissen, hohe Fürstin, wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran zweifeln, was die allgemeine Sage von diesem schönen Stauffenberge erzählt, der in aller Welt herum reiste, seine Schönheit und sein Geschick und ritterliche Tugend zu zeigen; ich will seine geschichte ganz kurz erzählen. Kein Mann konnte ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen, den Frauen war er eben so gefährlich, aber allen ihren Blicken, Sendungen und Verführungen blieb