Gedanke, wo er die geliebten Briefe ganz sicher wissen möchte. Diese viel geküssten Briefe seiner Dolores stellten recht lebendig manche kleine begebenheiten dar, die sich in der Stadt ereigneten; sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergnügen sich kalt wie eine Götterstatue über der jauchzenden Volksmenge zu denken. Klelia hatte einige Ängstlichkeit in ihren Briefen, sie entielten manche quälende Betrachtung über den eignen Seelenzustand, ihre Strenge vergrösserte ihre Fehler; ihre Freundschaft, da sie der Liebe noch ermangelte, nahm ohne ihr Wissen alle Ausdrücke feuriger leidenschaft an. – Der Graf fühlte zuweilen, dass sie ihm beide nicht schrieben, was ihm das Wichtigste, die kleinen Verhältnisse ihres täglichen Lebens, wohin sie gebeten worden, was sie da gesprochen; lauter Dinge, die ihm dringend notwendig waren, um jeden Augenblick ihrer mit Wahrscheinlichkeit bewusst zu werden, und so blieb er immer bei den nächsten Tagen nach seiner Abreise stehen, wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten. Er selbst merkte nicht, dass er eben so wenig treffe, was sie von ihm wissen wollten; was ihm begegnete, schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzählt zu werden, auch waren seine sterndrehenden Phantasien, halb in Versen, meist mit flüchtiger Feder so eng geschrieben, dass oft keine der Schwestern sie heraus zu buchstabieren vermochte. Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude; er aber lebte in beider Briefen, lebte darin so schöne selige Stunden, sie waren ihm die höchste Belohnung für jede Arbeit, es schien ihm verdienstlich, wie bei manchen älteren Religionsbüchern ausdrücklich gesagt wird, sie oft durchzulesen, der Briefbote war sein bester Freund, er ahndete sein Kommen. Der Winter verging ihm langsam und schnell, langsam in der Erwartung, schnell wenn er überlegte, dass schon wieder ein monat überwunden; lange vorher, ehe der Frühling die Vögel um die Erde führt, sang ihm der Dompfaffe, den ihm Dolores in schöner Stunde geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mütze fortgetragen hatte, die wunderbare Melodie des Liedes:
Liebend, um geliebt zu werden,
Reis ich um die grüne Erde;
Ach wo wird der blick mich finden,
Der mich bindet,
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich, um geliebt zu werden.
Zweite Abteilung
Reichtum
Erstes Kapitel
geschichte der beiden Gräfinnen in der Abwesenheit
des Grafen Karl
Klelia reist nach Sizilien
Das Schloss und die übrigen Lebensverhältnisse unsrer beiden armen Gräfinnen hatten sich während dieses Winters durch die Freigebigkeit des Grafen, der ihnen auf dem bekannten Wege durch den Gastwirt beinahe seinen ganzen Wechsel sendete, und nur das Notdürftigste für sich behielt, bedeutend bequemt und verschönert. Gegen die Bitten der eingezogenen Klelia hatte Dolores ein paar Zimmer des besten Stockwerkes in Ordnung gebracht, zwar möglichst sparsam mit altertümlichem Zimmergeräte aus dem fürstlichen schloss, das eben versteigert wurde, aber doch anständig genug, um wieder Gäste zu empfangen. Sie fühlte seit den sechs Wochen, deren sie in des Grafen Gesellschaft froh geworden, ein Bedürfnis der Geselligkeit; sie erneute die alten Bekanntschaften mit den vornehmen Stadtbewohnern, da fand sie manchen jungen Mann recht schön angewachsen, dem sie schon als Kind geneigt gewesen; diese mochte sie nicht vermeiden und ihre Gläubiger liessen sich nicht abweisen, und so fanden sich oft unerwartet die Zimmer ganz voll, sie aber war der schöne Mittelpunkt aller dieser Bemühungen. Klelia war wohl auch schön zu nennen, aber der ganze Ernst ihrer Erscheinung rückte sie über die Ansprüche des grösseren Haufens hinaus; keiner wagte sich ihr mit einer leeren Schmeichelei, oder mit einem blossen Flickworte der Unterhaltung zu nähern, darum fand sie mancher zu kalt, zu gescheit und wenig unterhaltend. Dolores stellte gern jede Sonderbarkeit recht grell aus, sie fühlte sich erleichtert, wo sie dem allgemeinen Sinne für das Passende und Gefällige auf eine ungemeine Art getrotzt hatte; die Männer kannten ihren Vorteil über jedes Mädchen der Art, sie musste ihnen viel ärgere Sonderbarkeiten durchgehen lassen; beides war der frommen Klelia verhasst, ja sie würde die Gesellschaften vielleicht ganz gemieden haben, wenn ihre Gegenwart der Schwester nicht wohltätig gewesen wäre, um die verschiedenartigen Menschen in Zaum zu halten. Diese verschiedenartigen neuen Eindrücke, welche die Gesellschaft auf die Gräfin Dolores machte, verdrängten den Grafen immer mehr aus ihren herrschenden Gedanken; ihre Briefe zeigten davon keine Spur, die Feder führte sie unbewusst immer wieder in die alte Gegend zurück und dem Grafen war alles herrlich, was ihn daran erinnerte. Ihr Gefühl schlug überhaupt hell und laut an nach der Art wie es berührt wurde, aber der Nachklang dieser Glocke ging in den nächsten Schlag des Hammers über und vermischte sich damit; die Zärtlichkeit, die der Graf in ihr erweckt hatte, überraschte sie jetzt in der Nähe jedes liebenswürdigen Mannes; nun fühlte sie sich freilich so an ihn gebunden, dass sie dies zu keiner eigentlichen Äusserung kommen liess; aber junge Leute in unseren Tagen verstehen sich schon auf Blicke, und also machte sie ihnen wenigstens falsche Hoffnungen, und des Grafen Bild verschwand allmählich so weit, dass sie ihre Karikatur aufsuchen musste, um sich seiner zu erinnern. Eine schöne fromme Seele ist wie das Tüchlein der heiligen Veronika, auf welchem das Bild des Geliebten ohne Malerkunst in ewiger Treue abgedrückt bleibt, alles ist ihr reine Erinnerung von ihm, unverschönert, denn das bedarf er nicht, unverhässlicht, denn das leidet sie nicht; dagegen erscheint eine leichte Weltseele als ein Spiegel, der freilich alles Nahe, das Schöne und Hässliche mit einer Lebendigkeit fasst, dass es ganz davon aufgenommen scheint,