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woher der Ton zu kommen schien, und sah eins ihrer Kinder, die kleine Magdalena, die sich über ein Treppengeländer übergelehnt hatte, und im Herabstürzen zu sein schien. Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mühe, und von diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht, dass Gott sie nicht verlasse, dass ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde.

Doch erschütterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemüt. Bei einer Meerfahrt, die der Graf zu Ehren der Fürstin auf purpurnen Böten, mit Musik besetzt, von vergoldeten Rudern getrieben, an einem sonnigen stillen Tage veranstaltet hatte, wo sich jedes in Erzählungen vergangener Geschichten ausliess, zeigte der Graf der Fürstin den Ring der Apostel, in deren Mitte Christus, den Dolores noch immer an ihrem Finger trug. Die Fürstin erbat ihn sich; Dolores verwunderte sich, dass er diesmal von ihrem Finger liess, da er sonst nur sehr schwer abzustreifen war. Die Fürstin glaubte in dem Ringe einen besonderen Talisman für die Treue des Grafen zu erkennen; sie wünschte ihn vernichtet und gleich begünstigte ein Zufall ihren Wunsch: ein paar Kinder traten lebhaft nach einer Seite, das Boot schwankte, die Fürstin schrie auf, und der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer. Die Gräfin war untröstlich, aber der Graf, der den Unfall nicht minder tief empfand, hatte mehr Gewalt über sich; er wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwürfe kränken; er bat seine Frau sehr zärtlich, dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen, da ihnen so viel grössere übrig blieben. Diese scheinbare Gleichgültigkeit deutete Dolores auf ein Erkalten seiner Liebe, so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang ihrer glücklichen Ehe; aber in stiller Busse sagte sie davon kein Wort, nur mit heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden, das durch ein zutrauliches Wort mit ihrem mann zu lösen war. O der späten unausbleiblichen Strafe aller Schuld!

Diese Fahrt, welche ein paar Tage dauerte, war mitten in der höchsten Lust, durch eine Verbindung aller Naturschönheit mit dem glücklichsten Himmel und seinen günstigsten Winden und schönsten Festen, voll trauriger Zeichen für die besorgte Dolores. – Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta; die Fürstin, der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen, und erhoben plötzlich ein verabredetes Getöse, welches die Tauben aus ihren Nestern aufschreckte, die in einer dichten leichten Wolke über ihnen schwebten; jetzt wurde Feuer unter sie gegeben, und es stürzten eine Menge tot und verwundet herab; die Hunde holten die gefallenen aus dem wasser, und die Jagd wiederholte sich. Die Gräfin konnte kein Vergnügen stören; sie sah wie lebhaft die Jäger auf jeden Schuss sich freuten, aber immer rief es in ihr, was wird aus den Jungen im Neste; sie schwieg aber und sah ins klare wasser, das durch die eigentümliche Beleuchtung der Höhle bis zum tiefsten grund alles durchscheinen liess, als wäre es zu einer hellen Luft geworden, in der die Barke schwebte; da sah sie die wandernden Züge der geselligen kleinen Fische, ihr blitzschnelles Drehen, das drehende Fortbewegen der Seesterne, der Medusen sternartiges, formloses Nichts; wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen, halb in Moosen versteckt, grössere Krabben trugen die kleineren mütterlich auf ihren Armen in Sicherheit, wenn zuweilen Delphinen an die Oberfläche rauschten. Aus dieser fremden Welt, die für das Schrecken der umgebenden entschädigen wollte, drangen plötzlich Sirenen hervor, schöne schwimmende Mädchen, die gar anmutig eine Einladung absangen:

Auf der Erde ist es schwül,

In den Wassern ist es kühl,

Sonne, Mond und alle Sterne

Stürzen sich hinein so gerne,

Denn im wasser wird's so klar,

Wie's auf Erden traurig war.

Ruhig schlaft ihr bei uns ein

In der wasser grünem Schein,

Höret keine Kinder schrein,

Fühlet keine Liebespein,

liebt ohne Eifersucht,

Findet alles, was ihr sucht.

Was verloren in dem Meer,

Stehet da im Haus umher,

Alter zeiten Schätz und Kunst

Brauchet ihr durch unsre Gunst,

Jeder Sturm bringt neue Gäst

Zu dem ew'gegen Freudenfest.

Wenn wir tanzen in dem Kreis,

Wirbelt sich die Welle weiss,

Wenn wir unten lustig sind,

Stürmet über uns der Wind,

Stürmt in unsrer Haare Glanz,

Und das kühlet in dem Tanz.

Diese Fischermädchen, denn das waren diese Sirenen, hatte der wunderliche Prinz von Palagonien abgerichtet, gleichwie er sein ganzes Ländchen zu den abenteuerlichsten Effekten anordnete, die aber meist alle eine so gereizte Stimmung forderten, wie sie Dolores in diesen Tagen hegte, um nicht ihre ganze wirkung zu verfehlen. – Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern beschimpft und bekriegt worden, dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht aufs Land, die mit den Schwimmgürteln und Federkleidern eben so lächerlich als beschwerlich ausfiel. Unsre Reisenden fügten sich aber ganz ernstaft in diese Launen des wunderlichen Prinzen, sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet, sie wollten sein abenteuerliches Schloss beschauen; und taten gegen die Sirenen, als wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurück zögen. Dieser Landungsplatz gehörte schon zum Garten des Prinzen, sie sahen niemand bereit sie zu führen, aber aus einigen Bäumen, die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren, so dass die krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand, befahl ihnen eine Göttin, den Weg nach dem schloss einzuschlagen. Das Schloss dieses Prinzen ist allzu bekannt, um es weitläuftiger zu beschreiben, es hat unermessliche Summen gekostet, um alles hervorzubringen, was gegen den