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sagte bestürzt: "Und Sie glauben nicht an mich?" – Die Fürstin suchte sich loszureissen und flehete: "Lassen Sie mich, mit der Überzeugung, einziger Freund, will ich unten bei den erschlagenen Himmelsstürmern Ruhe suchen." – In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich herabzustürzen, aber der Graf hielt sie kräftig und gefasst, trug sie fort und sagte: "Gut, dass ich dabei war, das ist ganz die Art des Schwindels, wie ich gehört habe, aus Furcht vor dem Fallen stürzen sich die Schwindelnden meist hinab." – Die Fürstin liess sich jetzt ruhig hinunterführen; es war nur eine Anwandlung in ihr gewesen, diese Sterbelust, die sich wieder ganz in Zärtlichkeiten gegen den Grafen auflöste, der sie davon errettet, ausströmend in stillen Blicken zu ihm. Sie kamen spät und sehr ermüdet nach einem wirtshaus am fuss des berges, wo alles auf sie wartete; der Schreiber war ganz verschlossen, der Graf noch immer verwundert, die Fürstin fing an leichtsinnig beredter zu werden, seit dem gefährlichen Ereignisse, über das sie spottete. So verging das Abendessen, wobei sehr stark getrunken wurde, denn der Wein war vortrefflich und allesamt sehr durstig geworden; alle glühten von der scharfen Luft, die sie durchstrichen hatten. Der Schreiber verliess zuerst die Gesellschaft, um nicht durch sein Einschlafen das lachen immer wieder zu erwecken. Bald stand auch die Fürstin auf; sie wankte von Müdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie bis vor ihr Schlafzimmer. Im Vorbeigehen sagte der Wirt: "Hier Herr Graf ist Ihr Zimmer." – Die Fürstin drückte dem Grafen die Hand zum Nachtgrusse, er drückte ihre Hand freundlich wieder, sie sang: "Nein dieses Tages Feuer nimmer, o nimmer vergeht!" Der Graf fiel ein: "Nein, dieser Töne Feier nimmer, o nimmer verweht." So schieden sie. Der Graf ging in sein Zimmer, fand aber, dass sich der Schreiber aus versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei; ohne Verdruss machte er die tür leise zu, und nahm dessen schlechteres Zimmer und Bett ein; es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend.

Die Fürstin befand sich von der Anstrengung, von dem Wachen, von der Gemütsbewegung in einem fieberhaften Zustande; sie legte sich mit dem Vorsatze ins Bett, alles zu verschlafen, aber sie konnte es nicht aushalten, es quälte sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe, was der Graf jetzt von dem Vorfalle denken möchte. Sie musste dem Grafen alles erklären; sie schlich in sein Zimmer, das ihr vom Wirte bezeichnet war. In der Dunkelheit konnte sie es nicht bemerken, dass sie ihn verfehlt hatte; der, den sie traf, beschwichtigte so bald ihren Mund, sie fühlte sich so ganz beglückt und sie liess ihr Bild in einer goldnen Fassung dem Freunde zurück, dass er seines Traumes Gewissheit erkenne.

Am andern Morgen war sie sehr heiter, sie empfing den Grafen so vertraulich, dass dieser meinte, alles ängstlich Gezwungene, was ihn in den letzten Tagen an ihr geängstet, sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen. Der Schreiber, der sonst immer zuerst von allen wach war, und im haus anordnete, kam diesmal später zum Vorschein und entschuldigte sich damit, dass er vor den Wanzen nicht ruhig habe schlafen können; der Graf vermied es ihm seine Zimmerwechselung vorzuhalten, um ihn nicht noch mehr zu beschämen, da er schon jetzt wegen der Verspätung sehr verlegen erschien. Die Rückreise wurde nach dem Wunsche der Fürstin sehr eilfertig im Wagen gemacht; der ausgezeichnete Punkt der Ätna, der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte, war nun erstiegen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Befremdend war es ihr, während dieser Rückreise den Grafen ganz unverändert in jedem Blicke, in jedem Worte wie den Tag vorher zu finden, während sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh erloschen zeigte; ununterbrochen war er beschäftigt, alles zu ordnen, was er seiner Frau an mancherlei Merkwürdigkeiten zusammengesucht hatte.

Der Graf und die Fürstin wurden auf dem schloss mit vielen Küssen empfangen; die Obristin war schon verreist, hatte aber noch ein Blatt Knittelverse für die Reisenden zurückgelassen.

Merkwürdig ist es, dass weder jetzt noch früher die Herzogin irgend etwas von der leidenschaft der Fürstin bemerkte; teils war sie zuviel beschäftigt, teils zu unbekannt mit den verschiedenen Äusserungen der Liebe. Dem Blicke der Gräfin war diese leidenschaft der Fürstin für ihren Mann nicht entgangen, aber ihr Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar; sie glaubte es eine notwendige Busse für ihre frühere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu dürfen; was er auch tun mochte, sie war nicht berechtigt ihm Vorwürfe zu machen. Mit hoher Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual, als sie beide der Versuchung einer Reise sich so unbesorgt aussetzen sah; sie verschwieg es, als sie den Äusserungen der Fürstin zu entahnden meinte, dass sie mit ihrem mann in enger Vertraulichkeit lebe. Gebet war ihr Trost; sie mochte nicht beichten, was ihrem mann nachteilig, und damit ihr Beten nicht auffallend sein könnte den alles bemerkenden Kindern, so gewöhnte sie sich ein stilles Gebet an, das keinem hörbar, keinem sichtbar, durch die gewöhnlichen Beschäftigungen nicht gestört wurde, wobei sie sich nur zuweilen vertiefte, als habe sie geschlafen. Während dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die stimme des verstorbenen Bedienten zu hören, der sie ängstlich gerufen; sie ging verwundert nach dem Vorsaale,