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Seit diesem Sternenzählen kränkelte die Fürstin; ihre wachsende Neigung zum Grafen und seine Unverständigkeit, die nicht zu erraten, kränkten sie tief. Die Obristin schrieb dies Übelbefinden dem sitzenden Leben zu, und ermahnte sie eine Fussreise nach dem Ätna zu machen; der Graf könne sie begleiten, während sie noch ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetöchtern zubringen wolle; sie wisse nicht, ob sie je wieder bei ihnen sein werde, da ihr Alter ihre Munterkeit mit überlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen könne. Der Graf ergriff diesen Vorschlag mit Lust, die Fürstin war bereit; und so zog er mit ihr und dem Schreiber am nächsten Morgen aus. Wer kennt Siziliens Reize nicht, alle Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschöpfen sich in Lob: es ist der Lustgarten Europens, dessen vereinte Säfte darin zu den wunderbarsten Bäumen und Blumen treiben, der von Szylla und Charybdis gegen äussere Feinde bewacht, nur in seinem inneren einen jetzt fast beschwichtigten, einst aber furchtbar tobenden und zerstörenden Feind, den Ätna trägt, der unzähligmal die friedlichen Ölbäume mit seinen Feuerströmen bedeckt hat, während der Schnee in den Klüften seines Wipfels die Bewohner gegen die heisse Sonne kühlt. Abwechselnd zeigt die Insel die Spuren der ungeheueren Bevölkerung früherer Zeit: die grossen Stadtmauern laufen durch öde Feldmarken, in den Überresten eines Teaters liegt zu weilen der ganze Rest einer Stadt, der es ehemals zum vorübergehenden Vergnügen erbaut war; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstörung, dass er die Kühnheit eines Volkes bewundert, das sich mitten darin anzubauen wagt, und während der Arbeit, die so oft vergebens gewesen, wie bei einem Spiele alles absingt, was andre Völker träge, langsam und verdrossen sprechen. Die Sitten, die Gewohnheiten, die Beschränkungen der andern Welt erscheinen da, wo alles nach schnellem Genusse strebt, fast lächerlich, und so fühlte heimlich auch die Fürstin den Zwang, der sie von dem Grafen trennte, als ein junger Pater ihr in einem Kloster erzählte, wie leichtsinnig solche Übertretungen der Treue da abgebeichtet und für das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben würden. Der Graf und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen Nachforschungen über einige alte Inschriften in dem Kloster beschäftigt, aus denen die Fürstin, die sich wieder ins Freie sehnte, sie nur mit Mühe herausriss. Sie machten diese Reise in kleinen Tagemärschen zu Fuss; ihre Diener blieben in bestimmter Entfernung von ihnen, um nur im Notfalle ihnen nützlich zu werden; in jedem wirtshaus, wo sie aber verweilen wollten, war alles Bequeme und Erquickende im Überfluss voraus angeordnet; der Graf hatte sich in einen Zauberer verwandelt, der auf jeden Wink der Fürstin einen gedeckten Tisch, ein Ruhebett herbeischaffen konnte. Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit einander bekannt, als jahrelanger Umgang, es ist deswegen die Gewohnheit der Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz einsam mit einander zu fahren, um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnügen auch alle die störenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen, die sich sonst wohl verbergen und späterhin zu ungelegener Zeit hervortreten. Wie oft bedauerte die Fürstin, dass sie den Schreiber mitgenommen; es lag ihr in den wenigen Tagen ein langes Leben, überall behinderte er ihre Äusserungen, dass sie dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde. Sie schlief ungeachtet der Ermüdung wenig und nie sehr fest; die Träume hielten immer noch einen Laden auf, wo das Weltlicht störend in die alles vergessende Dunkelheit einblickte; besonders früh war sie an dem Morgen auf, wo sie auf den ersten Anhöhen des Ätna geschlafen hatten. Es schauderte ihr, als sie den fröhlich bebauten Bergrücken verliessen, um durch ein Aschenmeer zu dringen, über welchem die Raubvögel wild seufzten; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit bei ihrem Alter, das schon manches Haar ihr grau gefärbt hatte, darin zu erkennen und hinter sich in dem fröhlichen Grafen das reichbebaute Land; sie blieb lange stille. Einige Wolken lagerten sich um sie her; es wurde kalt, aber ihre Neigung glühte mit dem Fieber, das in ihr begann; sie liess sich fast von dem Grafen tragen, so lehnte sie sich an ihn. Zufällig und sehr natürlich erzählte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis, als er mit grosser Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den "Bekenntnissen" des heiligen Augustinus mit überraschender Rührung die Worte aufgeschlagen habe: "Die Menschen gehen hin, die Höhen der Berge, die Wellen des Meeres, die gewaltigen Ströme, den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern, und verlassen sich selbst." – Diese geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die Fürstin; sie wollte sich nicht verlassen, so schwor sie in sich und doch konnte sie nicht vom Grafen lassen, der Kopf ging ihr herum. Sie war so erschöpft, als sie durch die Schneegegend in die Nähe des Kraters kamen, dass sie einige Stärkungsmittel nehmen musste; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven abzuschlagen, drängte sie sich mit vieler Kühnheit immer weiter vor, durch die schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden, bei den rauchenden Schornsteinen vorbei, nach dem Krater. Der Graf rief ihr zu, sie möchte sich doch in acht nehmen, und sprang ihr nach, sie aber fragte ihn heftig vorschreitend: "Sind Sie mein Freund, mein bester Freund?" – Der Graf begriff sie nicht; er glaubte, das starke Getränk habe sie in der dünnen Luft berauscht, sprang ganz zu ihr hin, hielt sie heftig und