Gewalt musste er sich losreissen, als der Lehrer kam, der bald mit Verwunderung sein fremdes Wesen bemerkte. Mit Lügen wusste er sich durchzuhelfen, Lüge wurde sein ganzes Leben zu andern. Da er weder reich noch schön war, so konnte er seine erweckten Begierden schwer befriedigen; da er den Ruhm des Fleisses und der Geschicklichkeit über alles liebte, konnte er auch nicht so viel Zeit jenen Gedanken, die ihn innerlich ergötzten, hingeben; ja er machte sich schmerzliche Vorwürfe darüber, kaufte jeden sündigen Augenblick mit Stunden des Fleisses, strafte sich für jeden Gedanken: so kam er zu jenem ewigen Bewusstsein, das ihn in jeder selbst überlassenen Minute schreckhaft aufquälte; für sein innerliches Leben hatte er keinen Freund mehr, er schämte sich dessen.
Je tiefer wir in uns versinken,
Je näher dringen wir zur Hölle,
Bald fühlen wir des Glutstroms Welle,
Und müssen bald darin vertrinken;
Er zehrt das Fleisch von unserm leib,
Und öde wird's im Zeitvertreibe,
In uns ist Tod!
Die Welt ist Gott!
O Mensch, lass nicht vom Menschen los,
Ist deine Sünde noch so gross
Meid nur die sehnsucht nach den Sünden,
So kannst du noch viel Gnade finden;
Wer hat die Gnade noch ermessen?
Es kann der Mensch so viel vergessen!
Dreizehntes Kapitel
Der Besuch der Obristin. Die Fürstin besteigt mit
dem Grafen den Ätna. Nächtliche Verwechselung.
Die Meerfahrt. Der Prinz von Palagonien. Die
Mineraliensammlung. Johannes und Hyolda
In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin, die sie nach Sizilien geführt hatte, sehr angenehm überrascht. Diese heitre alte Frau, die sich mit einem gewissen Stolze als die Schöpferin alles Glücks dieses Hauses ehren liess, trat auch gewissermassen herrschend darin auf, da selbst die Herzogin aus Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschäftigungen aussetzte. Die Obristin hasste das Schulehalten, das Bessern, ihr war alles so ganz recht, wie es in der Welt gegangen und wie es geht; keine Lustbarkeit war ihr burlesk genug, immer fügte sie noch etwas als höchste Spitze hinzu, und ihr kleidete manches, was einer jüngeren Frau nicht verziehen worden wäre. "Was sind das für junge Leute", rief sie kurz nach ihrem Eintritte, "das lacht nicht, das springt nicht, das tanzt nicht; als ich in eurem Alter war, ritt ich noch die Treppengeländer herunter." Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des Spottes, weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen und jetzt in manchen fremden Gedanken über ihren Mann vertieft, manches überhörte, wenigstens zu keiner Ausführung brachte. Sie hetzte alle ihre Kinder gegen sie auf, dass sie ihr keinen Augenblick Ruhe liessen, und wollte sich dann über die Not der guten Mutter, allen helfen zu wollen, halb krank lachen. Die Fürstin merkte bald ihre Laune, und obgleich viel betrübter in sich, hatte sie doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug herrschaft über sich gewonnen so etwas mit dem heissen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken; sie entzückte die Obristin, die sie Mutter nannte, indem sie ihren Willen immer vollständig ausführte. Da wurden alle die alten Pfänderspiele durchgespielt, welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte; ihre Hauptfreude war ein grosses Küssen zu veranlassen; bald musste einer in den Brunnen fallen, bald unzählige Sterne zählen. Zu solchem Sternzählen brachte sie auch nicht ohne Absicht, um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergötzen, den Grafen und die Fürstin zusammen; aber sie dachte nicht, welche Flammen und welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Fürstin damit entzündete; noch nicht zufrieden mit diesem Spasse, brachte sie auch den Schreiber mit der Fürstin zusammen, indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen. Der arme Junge wurde so rot von diesen Küssen, dass ihn die Obristin den ganzen Abend damit neckte, er sei in seine herrschaft verliebt; er hatte sich auf seiner Reise wirklich sehr verschönert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus. Bis in die Nacht musste gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von einigen zusammennähen lassen, und frühmorgens war sie sicher schon zuerst auf und erweckte alle die Schläfer mit irgend einem Schrecknisse. Sie hatte in sich ganz unverändert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt, die sonst die deutschen Schlösser durchtobte, die sich alles erlaubte und alles vergab, und ein fröhliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog, die jetzt meist als Erzähler oder Vorleser die eigentümliche Tätigkeit der andern einschlafen lassen. Sie hatte eine gewisse Härte in ihrer Art zu reden, war aber gegen alle Leidende sehr hülfreich; wo sich andre aus Ekel wegwendeten, da stand sie mit Klugheit und Ergebung bei; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit ihres alten Mannes, aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich; ihm schrieb sie alle Tage in Knittelversen, was vorgegangen, und machte so eine Art lächerliche Zeitung, wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu liefern. Die geschichte des Pfänderspiels schloss sie mit den Worten:
Die Frau Fürstin und der Herr Graf
Zählten die Sterne bis es zutraf,
Die Frau Fürstin fand's immer noch nicht richtig,
Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig,
Es schien ihr das Zählen gar sehr zu gefallen,
Da liess ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen,
Gar viele, viele Ellen tief,
Dass er gar erbärmlich rief;
Sie musste mühsam hinaus ihn ziehen,
Dass beiden von der Arbeit die Backen recht
glühen.