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zweiten Laubes kein Blatt mehr zu erkennen, das Dunkel, wo die Vögel nisten. Sie arbeitete so eifrig, dass ihr der eigne Atem wie der hoffnungsreiche Ostwind vorkam, der die leichten Zweige hebt und fallen lässt, dass die Schatten lustig auf dem Boden spielen, und da war ihr, als harrte sie des Grafen unter dem Baume und er sässe in dessen dunkler Krone und lasse ihr neckend allerlei Blätter in den Busen fallen, und sie täte, als ob sie ihn nicht merke. Von dem allen stand nichts da; der Baum war kaum angelegt und der Graf, der gerade an dieser Stelle arbeiten wollte, wischte ihn eilfertig mit dem elastischen Harze aus, und sie musste zusehen, wie er zerstört wurde, der alle ihre Zärtlichkeit trug. Der unglücklichen Frau wurde fast ohnmächtig; der Baum war ihr lieb gewesen wie ein Erstling der Liebe, hundert Bäume konnten an der Stelle wieder gezeichnet werden, aber kein Baum wie dieser, der alle ihre Lust verbarg. "Was weiss ich denn von ihm", dachte die Fürstin, "wenn er so gar nichts von mir weiss, dass er unbewusst das Liebste mir zerstören kann, bis auf die letzten widerstrebenden tiefsten Züge, die sich noch jammernd an das Papier legten; es ist mein Geblüt, was noch in dem Stamme treibt." – In diesem Augenblicke, noch ehe die Lücke wieder vollgezeichnet, rief Dolores den Grafen; er eilte fort, und die Fürstin setzte sich eifrig an seine Stelle und malte ihren lieben kleinen Baum wieder an die Stelle und viel schöner und reicher an umschlingendem Weinlaube ausgestattet; dann setzte sie sich an ihren Flügel, phantasierte wild umher und sang endlich mit entschlossener stimme:

Nur was ich liebe, das ist mein,

Und kann nur immer meiner werden,

Du weisst von nichts, du lässt mich ganz allein,

Was ich in dir geliebt, das bleibt doch mein.

Gehört dem Flügel dieser Ton,

Den meine Finger traurig weckten?

Nein du bist mein, dir selber recht zum Hohn,

Was ich in dir erweckt, gehört mir schon.

Dein Haus ist mein, denn ach von dir

Umschliesst es so viel schöne Kinder;

Ist mein die Perle, so gehört auch mir

Die Schale, deines Leibes schöne Zier.

Ich geb die Seele, du bist mein,

Du schöner Teufel musst mir dienen,

Hast mich verführt mit schönem Augenschein,

Sei alles falsch und leer, du bist doch mein.

Vielleicht war es in derselben Stunde, während die Fürstin so heftig zu ihrem Flügel sang, wo der Schreiber, (den der Graf ein paarmal, um ihn zu witzigen, etwas scharf angesprochen, als er sich gar zu weise gemacht), nachdem er die ersten Wallungen seines Zornes überwunden hatte, mit einem beruhigenden Blicke seine arbeiten betrachtete und sich mit stillen Bitten an seinen Genius wendete; sicher ist es, er machte an jenem Tage das folgende

Sonett

Mein Genius, du hast mir viel verliehen,

Du kannst, was nie geahndet, mir erschliessen,

Wenn deine Blicke flüchtig mich begrüssen,

Durch dich gedeiht mir jegliches Bemühen.

O könnt ich dich mit meinem Arm umschliessen,

Dass du dich nimmer könntest mir entziehen,

Dass meine Wangen nie von Scham erglühen,

Verlässt mich Witz, wo andrer Witze fliessen.

Schaff mich gewiss und fest in allen meinen

Kräften,

Dass sie dem Augenblicke willig dienen

So bin ich tüchtig jeglichen Geschäften.

Gleich fern von Furcht und Frechheit in den

Mienen,

Lass mich die Blicke frei auf andre heften,

Und aller Neid soll schwinden im Erkühnen.

Wir überlassen es dem Urteile der Leser, ob sie lieber so wüten möchten wie jene, oder so ruhig überlegen wie dieser. Diese Überlegung, dieses ewige Betrachten, in dem sich sein ganzes Wesen verlor, während es sich recht tief zu erfassen meinte, war in seiner frühesten Zeit begründet. Er war einer der geschicktesten Schüler seiner Stadt; zwar von armen Eltern, aber überall durch Fleiss ausgezeichnet. Einem Lehrer seiner Schule war er besonders anvertraut und strebte mit unaufhaltsamer leidenschaft diesem seinem Muster in allem, sowohl in Kenntnissen als im Äussern gleich zu werden; in diesem Streben hatte er dessen ganze Bibliotek durchgelesen, einige Bücher ausgenommen, die jener in einem besonderen Schranke aufbewahrte, und mit denen er sich zuweilen halbe Tage verschloss. Viele Monate hatte er gesonnen, wie er zu diesem Schatze gelangen könnte; in halbem Fieber durch die Furcht entdeckt zu werden, und von der Höhe allgemeiner Liebe und Ehre zur Schadenfreude aller herabgestürzt zu werden, versuchte er nacheinander alle Schlüssel, die er sich verschaffen konnte. Endlich an einem heissen Nachmittage, wo er sich wegen einer Arbeit vom Ausgehen losgebeten hatte, gelang es ihm mit einem Schlüssel, den ihm ein Dieb bei seiner Arretierung zugeworfen hatte, den geheimnisvollen Schrank zu öffnen; mit klopfendem Herzen durchblätterte er ein kleines Büchlein, das einzige, was darin entalten war. Es war das dem Meursius untergeschobene Buch von der Eleganz der lateinischen Sprache, und wie es erst der Verdruss kein Buch über geheimnisvolle Wissenschaften zu finden, aus seiner Hand geworfen, so hob er es bald wieder aus allgemeiner Neugierde auf, und der sinnliche Brand der Lust in dem buch, der sich im tiefsten Verderben der zeiten zu kühlen suchte, erweckte eine Seite in ihm, die bis dahin tief geschlummert hatte. Er las sich heiss an dem buch, dass ihm der Atem verging; ganz gegenwärtig umschwebten ihn alle schändlichen Lüste verwilderter Naturen, fast mit