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werde. Die Gräfin freute sich über den Beifall, den ihr Mann der Fürstin schenkte, sie kannte ihn, dass er nie schmeichle und dass er gegen manche Frauen sehr strenge gewesen, die ihr recht wohl gefallen. Die Fürstin schloss sich jetzt der Gräfin und den Kindern viel mehr an, sie wusste selbst nicht warum; die Kinder hatten alle zu ihr ein mächtiges Zutrauen, und erzählten ihr kleine Märchen, von denen Sizilien sehr voll ist. Der Graf brachte sizilianische Sänger, von denen die Fürstin mit geübtem Ohre manches erlernte. Der erste Vormittag verging so schnellwie die nächsten Tage, wo die Fürstin sich in einem Flügel des Schlosses vollkommen eingerichtet hatte.

Der Schreiber ärgerte sich über dieses ruhige Leben im schloss, mehr aber, weil ihn die Fürstin über den Grafen ganz vergessen zu haben schien; sein Tagebuch sah sie nicht weiter an, auch war hier weniger Eigentümliches zu bemerken, weil der Graf und die Herzogin manches Deutsche hieher übertragen hatten. Die Gräfin und die Herzogin genossen erst recht des Umgangs vom Grafen, seit die Fürstin in ihrer Mitte wohnte; beide gaben ihm sonst nur im praktischen Geschäfte gelegenheit, seine Talente zu entwickeln; seine Freude an Künsten aller Art verschloss er bisher unwillkürlich in sich, weil er seinen Geschmack den Gesellschaften nie aufdrang, sondern fast immer die Unterhaltung nach der Sinnesart der andern einzurichten bemüht war. Eifersüchtig konnte die Gräfin auf die Fürstin nicht werden, denn sie ehrte sie wie eine Mutter, die sie auch sein konnte, auch hatte sie ein unwandelbares Zutrauen zu der Liebe ihres Mannes. Einem mann, der so offen mit sich umging wie der Graf, war es keinen Augenblick verborgen, dass er eine lebendige Freundschaft zur Fürstin fühle; gewohnt mit sich zu rechten, fragte er sich, ob das Liebe sei und da dachte er an Dolores, und fand sein Verhältnis zu ihr so ganz ungestört, seine Neigung ganz ungeschwächt: er fand, dass ihm die Fürstin eine geistige Unterhaltung gewähre, die er nie bei Dolores gefunden und nie bei ihr vermisst habe.

Die arme Fürstin allein fühlte ihre weibliche natur erwachen. Sie hatte wohl eigentlich nie geliebt; der Zufall hatte ihre Hand verschenkt, und ihre Schwachheit wurde nachher von gewandten Männern, wie der Minister, überlistet; sie war noch so ganz unberührt in ihrem Wesen und es tat ihr so wohl, mit ihrem ganzen Wesen zu lieben. Kaum konnte sie sich eines Tages halten, als sie den Grafen auf einem Sofa in der Hitze eingeschlafen fand, ihm nicht um den Hals zu fallen. Sie hielt sich, denn sie war immer in ihrer Gewalt, doch sie war auch jetzt ganz entschlossen, ihrer leidenschaft zu gewähren, doch also, dass der Graf dadurch in keiner Art von seiner Frau getrennt würde; sie hielt sich und ihn für hinlänglich ihr überlegen, um jede Verbindung ihr leicht zu verstecken. Alles sehr wohl überlegt, nur war eins nicht berechnet, dass es einem weib sehr schwer wird, ihre Absichten einem mann kund zu tun, der keine ähnliche hat, und dass die Liebe endlich über jede Überlegung hinaus steigen muss, weil eine hohe natur sich am wenigsten so künstlichen Verhältnissen unterwerfen kann. Oft war sie ganz nahe, ihm alles zu bekennen, denn sie meinte, er verstehe sie schon; da ergriff er plötzlich etwas so Fremdes, sprach so leidenschaftlich davon, dass sie es ihm bestreiten musste. Nach solchen Streitigkeiten sagte er ihr einmal: "Es ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe, dass uns in dieser alle kleinen Uneinigkeiten verhasst sind, während uns dort selbst der Streit willkommen ist, weil er uns zu einem gemeinschaftlich Höheren zwingt; die Liebe ist in sich zufrieden, die Freundschaft will immer mehr."

Der Fürstin kamen solche Betrachtungen sehr ungelegen, sie suchte auf mancherlei Art dem Grafen ihren Sinn für vertraulichere Verhältnisse darzutun, den er ihr einmal ganz abgesprochen hatte. Sie dichtete einen Morgengruss, den sie ihm an einem schönen Morgen vorsang; er musste dabei eine stimme übernehmen.

Morgengruss

SIE:

Wonne, Wonne, still in Schauern

Dich umfangen, frische Luft,

Sinnend auf die Strahlen lauern

Spielend durch den Morgenduft.

ER:

Sonne, Sonne, dich belauern

Glühendrot im Morgenduft.

SIE:

Atmen, Atmen, nahend Leben,

Wellen in dem Ährenstrom,

Wie des Morgensterns Erheben

Sich verliert im blauen Dom.

ER:

Wie der Lerche laut Erheben

Sich verliert im blauen Dom.

SIE:

Flügel, Flügel der Gedanken

Heben mich zur Sonnenpracht;

Wie die Ströme silbern ranken,

Aus der Berge Mondennacht.

ER:

Enge sind des Mondes Schranken,

Weit, o weit die Sonne lacht.

SIE:

Blumen, Blumen, stille Wesen,

Fülle winkt im tiefen Grund,

Ihr zu Flammen auserlesen

Sinkt auf seinen roten Mund.

ER:

Nieder müde Blüten tauen,

Einen Strauss von ihrer Brust,

Durch die Gluten sie zu schauen,

Wirft der Liebe Sonnenlust.

SIE:

Atmen, Atmen, nahes Leben,

Bebend Herz im Blumenstaat,

Wie zwei Schmetterlinge schweben,

Mund auf Mund gelebet hat.

ER:

Wonne, Wonne, still in Schauern

Dich umfangen, hell Gesicht,

Sonne, Sonne, soll es dauern,

Wie mein Auge taucht in Licht.

Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch; ganz mit der Dichtung und dem Gesange beschäftigt, lernte er alles ganz eifrig, und kaum hatte er beide Stimmen sich einstudiert, so beurlaubte er sich, um das Lied seiner Frau