hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen anbringen lassen. Viele verdriessliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem schloss nach, die armen Leute, die eben zur Arbeit gingen, beneideten das Glück jener, ruhig vor der Tür stehen zu können; wer ist mit seinem Verhältnisse ganz zufrieden? Niemand als ein Narr, denn einen Weisen, der das sagen könnte, hat noch niemand gefunden.
Wir wünschten, die Fürstin hätte vor dem Antritte ihrer Reise eine Unterredung gehört, die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem Heimkehrenden belauscht habe.
Reisefluch
Der Heimkehrende
Ach was treibt der Erde Söhne
Sich zu suchen ferne Leiden?
Grüssen uns die schönsten Töne,
Klagen sie ihr schnelles Scheiden,
Und es schliesset eine Stille
unsrer Hoffnung reiche Fülle.
Der Ausreisende
In der Fremde stehen Tische,
Jungfrauen schwingen Rosenketten,
Lieblich wehet da die Frische,
Und wer möchte sich da nicht betten,
Und wer bliebe wohl zu haus
Von dem festlich hohen Schmause?
Der Heimkehrende
All ihr Wandrer, bleibt zu haus,
Denn ihr sucht, was nicht zu finden,
Denn die Rose welkt beim Schmause
Und die Dornen euch umwinden,
Und zerreisst ihr nicht die andern,
Müsst ihr selbst zerrissen wandern.
Der Ausreisende
Dennoch treibt's mich zu den Bergen,
Aus der gleichen breiten Fläche,
Mich der Sonne zu verbergen
Und zu sehen den Quell der Bäche,
Und den Demant aufzufinden,
Der so selten in den Gründen.
Der Heimkehrende
Dort erstarrt der Liebe Atem,
Demant wird die flüssige Quelle,
Meinst du dann, du hast's erraten,
Wo des Demantauses Schwelle,
Kommst vom Berge mit dem Eise,
Es zerschmilzt in Tränen leise.
Möge der Leser mit diesem Gefühle die Sinnbilder beschauen, welche beide Titel dieses Buches bezeichnen. Die Reiseansichten der Fürstin würden vielleicht mehr Reiz haben, als diese ernsten Betrachtungen, sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern auf Tronen sehr selten und immer nur das Notwendigste; sie sah mit Lust und Aufmerksamkeit, aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft, nur ein Gespräch konnte sie zur Ausführlichkeit bringen. Von ihrem ersten Eintritte in Italien hatte sie den beiden Fürstinnen etwas Schriftliches versprochen; der Brief wurde aber sehr kurz: sie erklärte darin, dass es eben das Herrlichste an ganz Italien sei, dass sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse; die Reisebeschreiber jenes Landes, die man bis dahin als sehr lebendig bewundert, selbst die Dichter scheinen dort ganz töricht, entweder zerfallen ihre Worte in lauter Flittern, die aufeinander gehäuft sind und keinen Überblick gestatten, oder sie werden so steif und ärmlich, als hätten sie statt des Landes eine plastische Landkarte, wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt werden, vor Augen gehabt. "Nur eure mündliche Erzählungen von schöner Wärme belebt, fallen mir hier zuweilen ein." So schloss ihr Brief. Je mehr sie der göttlich verjüngenden Milde des Landes genoss, desto wunderlicher drängte sie das Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele, in der das Vorübergehende einen Widerschein gebe, sie wünschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der Töchter des Grafen zu finden; darum eilte sie nach Sizilien, ungeachtet der Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte; sein Tagebuch forderte beinahe schon einen Beiwagen. Es ist unmöglich, ergebener zu sein, als ihr dieser gute Junge anhing, jedes freundliche Wort, das sie ihm schenkte, lebte eine Ewigkeit in seinem Gedächtnisse; ihr reicher Geist wirkte ohne Absicht auf seine Ausbildung, doch müssen wir eingestehen, dass sie ihrem Alter zum Trotz so wohlerhalten frisch war, dass auch ihre Schönheit einigen Einfluss auf ihn haben mochte.
Zwölftes Kapitel
Ankunft der Fürstin und ihres Schreibers bei der
Herzogin
Die Fürstin überraschte die Herzogin in der Mitte ihrer Beschäftigungen, und fand sich dadurch etwas beleidigt, dass sie in der regelmässigen Ordnung ihres Lebens sich durch ihre Ankunft in nichts stören liess, vielmehr in ihrer Gegenwart eine Menge harrender Leute abfertigte. "Nein", sagte die Fürstin in sich, "so kalt anteillos, bloss mit dem Allgemeinen beschäftigt, soll meine Freundin nicht sein", und liess sich zu der Gräfin führen. Die Gräfin empfing sie sehr lebendig, freute sich ihrer daurenden Unveränderlichkeit; die Fürstin meinte schon, ihre ideelle Freundschaft auf ewig geknüpft zu haben, aber die Kinder schrien und tobten immer dazwischen, und die Gräfin verliess sie um keinen Preis. Sie wollte mit ihr über Musik und Kunstwerke sprechen, aber das wenige, was Dolores sonst davon gewusst, hatte sie über das Abc lernender Kinder ganz vergessen. Die Fürstin langeweilte sich. Endlich trat der Graf herein, heimkehrend von einer kleinen kriegerischen Unternehmung gegen Raubgesindel, frisch und fröhlich, wenn gleich über zwölf Jahre älter, als zu der Zeit, wo er Dolores gewonnen, aber durch die neuen lebendigen Tätigkeiten reichlich ausgebildet, gewandter, beredter, mitteilender und unternehmender. Die Fürstin fühlte eine besondre Angst bei seinem Anblicke, niemand war ihr je so herrlich erschienen, und dabei fühlte sie den Wunsch, ihm recht zu gefallen; ihr fürstlicher Stolz verliess sie ganz. Die Bilder von Freundinnen verwandelten sich in einen Freund; sie fand das ihrer ganzen natur angemessener, die sich nie mit den Weibern zu längerem Umgange einlassen konnte; an Liebe dachte sie nicht entfernt. Der Graf hatte eine Freude von ihr über politische Ereignisse das wahre Gediegene zu hören; ihre Urteile über Kunstwerke stimmten mit seinem Gefühle und er sagte es ihr offen, dass sie seinen häuslichen Kreis durch ihre Gegenwart hoch beglücken