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Minister hatte nichts von deren Ankunft gehört, er dachte die Fürstin bloss in Gesellschaft der Ihren zu treffen. Doch ohne eine Miene zu verziehen, stellte er die Dichterin trotz ihrer schwarzen Schleppe und losen Kleidung mit Eiergelb gestickt, der Fürstin vor, und entschuldigte diese Uniform mit seiner Ungeschicklichkeit, indem er die geschichte erzählte; es wurde mit so guter Art gelacht, dass die Mamsell ihr fürchterliches Schwatzen glücklich fortsetzen konnte. Man bewunderte ihren Verstand, und lachte; man hörte das Gedicht, und lachte; kurz die ältesten Hofleute wussten sich keines so lustigen Abends zu erinnern. Unterdessen hatte der Kammerjunker auch seine Anstalten zur Darstellung seiner italienischen sehnsucht gemacht; ein junges, sehr schönes kleines Mädchen war italienisch angezogen, er selbst wie ein Künstler alter Zeit; er hatte Meissel und ähnliches Gerät in der Hand; sie schlief unter einem Tamburin auf einem bunten Beutel, der die ganze Hauswirtschaft zu entalten schien; sein dabei abgesungenes Lied wird alles, was sie aufführten, näher erklären.

Die Tamburinschlägerin

Wie Fliegen summt herum mein Sinn

Und wiegt sich leicht auf Halmen,

Als wollt er sie zermalmen

Und lachen spielt mir übers Kinn.

Ich tat, als zög ich fort von ihr,

Den Hut beschatten Rosen,

So trat ich zu der Losen

Und sprach: "Ich ziehe fort von hier.

Mich zieht, mich treibt, ich weiss nicht was,

In allen meinen Adern;

Ich fühl ein stockend Hadern,

Ha, fühlt den Puls, die Wangen blass.

Nach Welschland schweift mein feiner Sinn,

Ich bin von Luft getragen,

Die Wolken ziehen den Wagen,

Es rollet laut mein Sinn darin.

Hinab, hinab im Tränenstrom

Zerfliessen meine Augen,

Was können sie mir taugen,

Wenn sie nicht sehen das hohe Rom."

Sie sah mich an aus losem Schlaf

Misst mich mit grossen Augen,

Muss in die Händchen hauchen,

Um klar zu sehen, was mich betraf.

Dann springt sie von der Rasenbank

Gar leicht auf meinen rücken,

Ich will mich boshaft bücken,

Doch sie mir nicht vom rücken sank.

Sie singt mit hellem, hellem Ton:

"So wandern wir nun alle

Im hellen Morgenschalle

Zu unsres Papstes goldnem Tron.

Ich küsse sein Pantöffelein,

Er bittet mich um Küsse,

Damit er sicher wisse,

Ob ich auch eine Christin rein.

Wohlauf, wohlan mein Pegasus,

Ich will dich schön umfassen,

Sollst mich nicht fallen lassen,

Nach Rom ich heute noch reiten muss.

Es flieget neben uns die Welt,

Die Wälder untertauchen,

Von Flammen bunt sie rauchen,

Als wär es heute für uns bestellt."

Sie singet wie das Morgenblau

Aus allen tausend Orten,

Sie weiss von keinen Worten,

Doch spricht zu ihr die bunte Au.

Uns hebt aus Süd ein süsser Duft

Verspielt in ihren Haaren,

Und aller Träume Scharen,

Sie kommen mit der neuen Luft.

Der Wald ist frei, der Abend mein,

Leg dich ins Gras ganz schnelle

Ein Brünnlein rieselt helle,

Der Mond sieht sich so froh darein.

Sie legt das Köpfchen in die Hand,

Den bunten Beutel unter,

Das Tamburin gar munter

Ist Helm dem Schelm mit Schellenrand.

Hoch aus der Schellen hellem Blitz

Sich drängt der Locken Fülle,

Der Blumen heil'ge Stille

Bewacht sie auf dem sel'gegen Sitz.

Da ist, da ist Italia,

Ich fühl im Marmorbilde,

Die Wangen weich und milde,

Mein Liebchen ist Italia.

Eilftes Kapitel

Abreise der Fürstin nach Italien. Der Primaner wird

ihr Schreiber

Die kleine Tänzerin, die das Gedicht so artig mit schöner Bewegung und Stellung begleitete, hatte auch dessen wirkung bestimmt; vielleicht wäre es sonst wie alle übrigen vorgelesen und vergessen worden. Der Minister bemerkte die allgemeine Heiterkeit, die es verbreitet hatte, und sagte dem Kammerjunker einen sehr wohlbestimmten Dank. Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung, dass die beiden reisenden Fürstinnen ihr Herz über Italien ausschütteten; sie kannten es, und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden, so weit es Frauen vergönnt, genossen; sie beschrieben die Luft so ungemein hell, die Jahreszeiten so sanft verschmolzen in einander, die Peterskirche so glänzend, den Vesuv so sprühend; sie ermunterten die Fürstin so beredt zur Reise, der Minister fügte so wohl gedachte Gründe hinzu, erzählte von seinen beiden Töchtern in der schönsten Gegend Siziliens, die es sich zur Pflicht machen würden, die Fürstin zu erheitern, dass der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt wurde. Den Regierenden ist es so leicht, über die gewöhnlichen Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen, dass sie in solchen Plänen gewöhnlich viel bestimmter auf die Ausführung rechnen können: so wurde Tag und Stunde der Rückkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu eingeladen. mancherlei Hoffnungen und Kabalen der Hofleute, wer die Fürstin begleiten sollte, zerschnitt sie, indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft, nur wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschloss, um sich ganz in die fremde Welt einlassen zu müssen. Den fischköpfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des Ministers als Schreiber in ihre Dienste, dem Kammerjunker und der Mamsell schenkte sie Ringe für ihre Bemühung, beide schienen nicht sehr zufrieden. Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die nötigen Vollmachten, Anordnungen und Pläne einzuhändigen; die Schreiber hatten eine angestrengte Nacht. Als die Bürger ihre Laden öffneten, rollte die Fürstin in einem leichten Reisewagen durch die Gassen, ihre Kammerfrau neben ihr, ein Jäger und der Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze, der zugleich den Koffer sicherte; sie selbst