, einen Primaner der Stadtschule zu finden, dessen Fischkopf sehr wunderlich zu seinen feurigen Gedichten aussah; leicht entlockte er ihm durch fragen, dass er in gleichen Aufträgen wie er selbst sich dort eingefunden habe. "Der Minister kann es doch nicht lassen", sagte er in sich, "wo er die Kunst zu beschützen scheint, geschieht es doch nur, um die Künstler zu verspotten; mich mit dem fischköpfigen Burschen in einen Wettstreit zu bringen! Hätte ich das vorausgewusst, wenigstens hätte ich meine letzten Strophen mehr auszufeilen gesucht." – Mit angenehmer freier Beweglichkeit trat bald auch eine Mamsell in etwas schmutziger hängender, weichfaltiger Kleidung herein, wenig verwachsen, aber um so künstlicher bemüht dies wenige zu verstecken; ihr Gesicht hätte angenehm sein können, wäre es nicht beim Sprechen in Gefahr gewesen von dem grossen mund verschluckt zu werden. Die ministerielle Anerkennung ihres Dichtertalents hatte sie heute ausser Fassung gesetzt; sie platzte gleich mit ihrem Auftrage heraus, ohne zu ahnden, dass sie zwei Mitbewerber ihres Ruhmes dort vorgefunden. Sehr unbefangen bat sie der Kammerjunker die liebliche Eingebung ihrer Muse vorzulesen; die Mamsell liess sich auch nicht lange bitten:
Lieg ich in der Freundin Armen,
Weine und nicht weiss warum,
Sie ist traurig, ich bin stumm,
Bis die Lippen mir erwarmen,
Ach dann schwebt es auf der Zunge,
Wäre ich doch nur ein Junge!
Wäre ich doch nur ein Junge,
Gingen wir in weite Welt,
Treulich wären wir gesellt,
hielten uns noch fest umschlungen,
Wenn sich an der Welten Ende,
Mein Italien einst fände.
Wenn ich mein Italien fände,
Höhlten wir ein kleines Haus
Uns in Herkulanum aus,
Wo die schön bemalten Wände;
Wie die Schwalben in dem Sande
Bauten wir uns an im land.
Bauten wir uns an im land,
Steckten manches Flügelkind
In das Körbchen schnell geschwind,
Und verkauften's ohne Schande;
Leutchen, wer kauft Liebesgötter,
Ach es ist so liebreich Wetter.
Ach es ist so liebreich Wetter,
Kauft, ihr Mädchen jung und schön!
Eine kommt sie anzusehen,
Spricht: "Das sind die Liebesgötter?"
Ei bewahre, das sind Tauben,
Eine nur gehört zum Glauben.
Eine, die gehört zum Glauben,
Doch die Liebe alle braucht,
Und zum Boten jede taugt,
Lässt sich nicht ihr Brieflein rauben,
Als wo sie den Liebsten wittert,
Der sie oft mit Zucker füttert.
"Sehr richtig", sagte der Kammerjunker, "die orientalischen Liebestauben müssen mit Zuckerkandis gefüttert werden." – "Sie haben das Gedicht nach dem alten Gemälde verfertigt, wo eine Frau Liebesgötter wie Tauben an den Flügeln zum Verkauf aus dem Korbe hebt und vorzeigt", meinte neidisch der Fischkopf. – "Es ist ganz eigen mir", sagte sie, "alles wird bei mir zum Bilde und jedes Bild zum Gedichte." – "Ei", sagte der Minister mit seinem tiefen Basse zwischenredend, nachdem er lange an der offenen Seitentüre gestanden, "dass Ihnen Ihr Gedicht nur nicht zur Wahrheit wird und Sie, mein schönes Kind zum Jungen, oder Ihre Nachtigallen, die ich heute noch bewundert habe, zu lauter kleinen Kindern." – "Immerhin", antwortete sie, "ich habe mir stets Kinder gewünscht, wenn ich nur nicht deswegen zu heiraten brauchte; ich bin bei meiner Schwester an Kindergeschwätz so gewöhnt, dass ich es jetzt sehr vermisse; in jeder flüsternden Welle glaube ich's zu hören." – Der Primaner raunte hier dem Kammerjunker ziemlich ungeschliffen ins Ohr: "Hat sie uns wohl je so was Schönes hören lassen; sie setzt sich dem Minister zu Ehren auf ihr Paradepferd." – "Es ist etwas unsicher", antwortete der Kammerjunker, "denn wasser hat keine Balken." – Der Minister sagte unterdessen mit einer Miene, die wenigstens eine Liebeserklärung andeutete: "Zur Kinderzucht gehört sehr viel lästige Reinlichkeit, wie zur Liebe." – Ohne alle Verlegenheit antwortete sie, die Mutter hätte kein Herz, die nicht selbst den Schmutz ihrer Kinder lieb hätte. – MINISTER: "Sie haben wohl viel Kinder?" – MAMSELL: "Ausser meinen poetischen nur meine Tauben, deren Eier ich oft an meinem Busen ausbrüte." – Bei diesen Worten tat der Minister, als wenn er sie väterlich umarmen wollte, drückte sie aber so fest an sich, dass die Eier, die sie an ihrem Busen gerade ausbrütete, krachend zerplatzten. Lachend über den goldnen Strom, der ihrem Herzen entquoll, stand rings die poetische Gesellschaft, und dachte über die Ursache nach; Mamsell vergab dem Minister für den vollwichtigen Kuss den betlehemitischen Kindermord. Sie reinigte sich sehr leicht, und das Gespräch wendete sich natürlich wieder zu den verschiedenen Sehnsuchten nach Italien. Der Kammerjunker hatte zwar etwas mehr Zutrauen gewonnen zu seinem Gedichte seit diesem Rührei, doch fürchtete er noch den Fischköpfigen. Der Primaner musste voran lesen; er tat es mit zitternder Heftigkeit, unterdrückt vorschreiend:
Ausbildung
Das Kind
Sternlein des Abends am Leuchtturm der Höhen,
Willst du im Kreise ewig uns drehen,
Keiner erblicket, wo du gegangen,
Warum von Abend nach Morgen verlangen?
Lieber in Blitzen möchte ich erblinden,
Als in den tauenden Wolken verschwinden,
Hinter den Wolken harrend zu stehen,
Ist nur ein langsam verzweifelnd Vergehen.
Der Abendstern
Kindlein, ich leuchte dir nicht alleine,
Komm in des Südens himmlische reine
Immer verklärte, verklärende Lüfte,
Nimmer bestehn da umnebelnde Düfte.
Sonnendurchstrahlet müssen