sie verliebt, aber sie mied diese Berührung; auch genügte es ihm bald nach den Geschäften dem hof ganz zu leben. Wirklich war auch ein liebenswürdigerer Hof kaum denkbar. Die Fürstin hatte in der langen Entfernung von ihrem land, durch ihren in Künsten gebildetern Sinn Leben und Freude kennen gelernt; sie unterschied jetzt mit Sicherheit den Kreis ihres eigenen Lebens von dem öffentlichen, den ihr ein grosses Schicksal anvertraut hatte, und so störten beide einander niemals. Nie erschien eine Fürstin, wo sie in einem öffentlichen Geschäfte begriffen, mit mehr Ansehen und Glanz; sie zog es vor, manches, was sonst nur unter wenigen Augen verhandelt wird, der Menge darzustellen; die Bestallung zu Ämtern, der letzte Vortrag und die Beratung über neue Einrichtungen, die Belohnung öffentlicher Verdienste mit Ehrenzeichen waren neue Feierlichkeiten, an denen sich die Erwachsenen freuten, und welche die Kinder begeisterten; ihr Kunstsinn wusste durch Anordnung mit unendlich geringem Kostenaufwande die grössten Wirkungen hervorzubringen. – Wer etwas Rechtes will, kann mit wenigem unendlich viel leisten; die ausgezeichneten Männer dienten ihr mehr für Ehre als für Lohn, und mehr für die Annehmlichkeit ihres täglichen Umgangs als für die Ehre. In den Gedanken der entfernten Menge, schwebte ein Bild von der Glückseligkeit des Hoflebens, das leider so selten in der Nähe gefunden wird, das aber doch wohl verdiente einmal wieder dargestellt zu werden, wie es in der Ritterzeit wirklich vorhanden war, und dem sich der Hof der Fürstin wenigstens näherte. Allem Glanze, aller Etikette wurde in der eigentlichen öffentlichen Angelegenheit genügt; das Vergnügen des Hofes und seine Geselligkeit aber keinesweges dazu gerechnet; waren die Stände dort streng nach hergebrachten erworbenen Rechten und Ehren unterschieden, hier galt nur das gesellige Talent, und das Verhältnis zur Gesellschaft durch Freundschaft und Wohlwollen; hier war die Fürstin ganz menschlich, ganz eigentümlich sich selbst überlassen, ihrer individuellen Neigung und Gunst. Doch fiel es keinem bei ihr ein, Begünstigungen des geselligen Umgangs auf öffentliche Verhältnisse zu übertragen; wie wäre es möglich gewesen, die heitre schöne Fürstin, zu der jeder in seinem täglichen Kleide, in Stiefeln, ohne Umstände, Abends den Eintritt begehren durfte, mit jener ernsten glänzenden Fürstin zu verwechseln, wie sie in Geschäften erschien, wo jedes Wort bedacht, jede Annäherung abgemessen, jede Amtskleidung bestimmt war, wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine Bestimmung erhielt. Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend; die alten Frauen verwunderten sich ungemein, ihre Fürstin mit Unadligen tanzen zu sehen. Auf ihre Vorstellungen, antwortete die Fürstin: "Wenn ich tanze, muss ich doch Krone und Zepter ablegen, es würde sonst sehr lächerlich lassen; ich tanze mit dem am liebsten, der am besten tanzt; sollte es nach dem Range gehen, so müsste ich meinen alten General ins Grab, oder den Minister auf eine Woche zu allen Geschäften unbrauchbar tanzen." – Die Annehmlichkeit des Hofes, die stete Erneuerung, die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem Herrlichen, was in den geselligen Kreis eintrat, und dem öffentlichen Verkehr verbunden nutzte, vernichtete bald den ersten Widerspruch. Eine Reise an diesen Hof war für die umliegenden kleinen Höfe die höchste Belustigung; manche mieteten in der kleinen Residenzstadt Häuser, und bauten sich an; ein künstliches Bad, das dort angelegt war, musste zum Vorwande dieser Reisen dienen; ein lebendiges Schauspiel, nicht bloss von Besoldeten, sondern auch von Liebhabern getrieben, zog andere Fremde herbei; in kurzer Zeit waren die Verheerungen des Krieges ganz vergessen, das ganze Städtchen wohlhabender als je, Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt, die sonst viele Jahre vergeblich aufgemuntert worden; ja es zeigte sich bald ein eigentümlich heitrer mitteilender Geist unter allen Bewohnern, eine reiche allgemeinere Sprache durch alle Klassen, ein freies schöneres Ansehen, das sie von allen Nachbaren unterschied. Die älteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr Wissen und Wollen selbst verwandelt, kamen dann wohl selbst zur Fürstin, und fragten sie, wie es möglich gewesen, dass sie und der ganze Hof sich sonst an langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln gequält, sich mit dem Minister über sein grosses Haus entzweit, mit der alten fürstlichen Tante wegen eines zu späten Eintreffens bei der Cour erzürnt hätten. – Die Fürstin musste dann über sich selbst lachen; sie konnte sich selbst nicht begreifen, und bat den Minister scherzend, er möchte sich doch jetzt wieder ein recht schönes Haus bauen, es würde ihr keinen Ärger mehr machen. – Wie glücklich könnten kleinere Staaten sein, wenn es keine grösseren gäbe!
Doch traten jetzt über Europa grössere Staatsbewegungen ein, die eben so die vieljährigen Bemühungen kleinerer Fürsten durch eine bloss zufällige Zwischenwendung verstörten, wie die Haushaltungen einzelner Menschen. Die Fürstin fühlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach, ihrem Völkchen bei den eindringenden kolossalen massen eine feste Richtung zu geben, eben so unwürdig schien es aber ihrer festen natur, sich und die Ihren jeder neuen übermächtigen Willkür hinzugeben, sie meinte den Geschäften entsagen zu müssen, die sie nicht mehr mit Lust und Überzeugung verwalten konnte. Der Minister musste aus Freundschaft zu ihr, alle Geschäfte allein übernehmen, nur in ganz bedeutenden Fällen wollte sie zugezogen sein. In dieser teilnehmenden Ruhe gewann der Gram über manche vereitelte wohltätige Absicht solchen Einfluss auf ihren unter Geschäften sonst unveränderlichen Geist, dass alle ihre Umgebungen in der sorge für ihr Leben, jede andre vergassen, und sich beeiferten durch allerlei sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen. Aber bald sind diese Mittel