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Wache, ob er nichts von ihrem Fürsten unterweges gehört, ob er noch eintreffe. Der Fürst zog seinen Geldbeutel, gab ihm ein Goldstück und fragte ihn, wer darauf abgebildet. – "Unser gnädiger Fürst", antwortete die Schildwache. – "Nun so behalt's", sagte der Fürst, "damit du ihn wiederkennst, wenn er kommt." – Die Schildwache dankte verwundert und versicherte: seinen Landesherrn wollte er schon erkennen, der hätte bei ihm Gevatter gestanden. Der Fürst und der Graf gingen nachdenklich an das Schlosstor, es war verschlossen; sie klopften an, der Türsteher fragte: "Wer da?" – "Dein Fürst, Alter!" rief der Fürst. – "Ach ja, der gnädige Fürst", weinte der Alte, öffnete die tür und umfasste seine Kniee. – "Der kennt mich noch, weil er blind ist", sagte der Fürst weggewandt zu dem Grafen. – Sie durchwanderten nun die alten Zimmer, die ihnen jetzt festlich dünkten, die ihnen sonst mit ihrer alten Pracht lächerlich gewesen; der Graf stellte dem Fürsten seine Frau und Kinder vor, der sich in ihre fremde Art leicht zu finden wusste; sie mussten alle auf dem schloss wohnen. Unterdessen hatte sich die Nachricht von des Fürsten Ankunft in der Stadt verbreitet; die festlichen Anstalten, die bekannten weissgekleideten Mädchen, die zitternd eine Rede abquälen, die Blumen, die Kanonenschüsse, die er vermeiden wollte, nichts wurde ihm geschenkt; doch von dem überraschenden jubel von allen Seiten angezündet, brannte das ganze kunstreiche Feuerwerk in rascher Unordnung vor ihm ab, so dass er in der Gesellschaft des alten Freundes alles mitzugeniessen vermochte.

Festlicher füllte sich bald das Schloss nach des Grafen Anordnung mit morgenländischen Teppichen und Tänzen; die weichlichen Belustigungen jener lebensreichen Gegenden erfrischten das austrocknende Alter des Fürsten; der Graf verwandte mit Freuden einen teil der erworbenen Schätze zu seinem Dienste, und diente ihm gern auch in allen ernsteren Verhältnissen mit seiner reichen Welterfahrung. Seinen Töchtern in Sizilien sendete er prachtvolle morgenländische Geschenke, doch wusste er nicht, was er ihnen dabei schreiben sollte, noch weniger verstand er ihre Briefe. Vater und Töchter hatten sich ganz von einander abgelebt, jedem war eine andre neue Zeit geworden; doch dankte er dem Weltgeiste, den er in Indien verehren gelernt, dass er für seine Töchter im ewig ruhigen verstand gesorgt, nachdem Vater und Mutter sie verlassen, die Welt sie aufgegeben, die Armut sie bekämpft, und die Schuld sie bestritten hatte. Die Trümmer seines alten Schlosses liess er zu seiner Erinnerung unverändert stehen; Reisende versichern, dass das Lebendige, Frische in dem Zerstörten: Marmorsäulen, die halb zu Kalk verbrannt, bunte Wandmalerei, halb geschwärzt, einen eigentümlichen Eindruck von Vergänglichkeit gewähre, der manchem schwermütigen, der Gegenwart überdrüssigen Gemüte so willkommen ist.

Mehrere Monate waren schon im verbundenen Hauswesen des Fürsten und des alten Grafen fröhlich vollendet; während jener noch immer aus Rücksicht, der er sich so oft in seinem Leben unterworfen hatte, den Freund zu fragen mied, wie er zu der schönen Frau und zu den grossen Schätzen in Indien gelangt sei, ob Glück oder Fleiss sie ihm zugewendet; lange glaubte er, dass irgendein Geheimnis darauf ruhe. Der Graf gehörte aber zu der Art Leuten, die aus Bequemlichkeit gern voraussetzen, was ihnen begegnet sei, müsse jeder wissen; ganz zufällig kam es eines Nachmittags, wo er sich über die Frau, die von manchen indischen Gewohnheiten, besonders von der Verschleierung, durchaus nicht ablassen wollte, geärgert hatte, dass er zum Fürsten sprach, als sie hinausgegangen: "Ich kann nicht strenge gegen sie sein, teils weil es mein Wohlleben stören würde, teils weil ich dieser ihrer besonderen natur zu viel verdanke." – "Was dankst du ihr?" fragte der Fürst aufhorchend. – GRAF P.: "Sie selbst und alle Reichtümer; habe ich das nie erzählt?" – FÜRST: "Nimmermehr." – GRAF P.: "So wollen wir uns dazu ganz bequem setzen; ich will den Vorgang kurz erzählen, doch ist genug Stoff zu einem langen Schauspiele darin. Auf der Reise nach Ostindien wurde ich mit einem Deutschen, der sich Tomas nannte, mehr durch die Sprache als durch Übereinstimmung in Art und Bildung genau bekannt; er war ganz roh und wollte sich im Soldatenstande emporschwingen, er war eben so leicht zu befriedigen mit seinem Schicksale, als ich damals noch ungenügsam war; ich beleidigte ihn oft mit meinem Hochmute. In Ostindien verlor ich ihn aus den Augen. Ich lebte hoch, so lange mein Geld dauerte; nachher bemühte ich mich vergebens nach guter Anstellung; ich handelte, aber die Leute dort waren verschlagener als ich; bald hatte ich nichts, weder Waren noch Geld. Den Europäern mochte ich nicht dienen, ich lief zu den Völkerschaften des inneren Landes, die zwar den Engländern Steuern entrichten, doch ihrer näheren Aufsicht entzogen sind. Mir wurde manche sonderbare Begebenheit, doch war mir das fremdartigste Ereignis, als ich meinen Schiffskameraden Tomas auf dem Nabobstrone von Tipan fand; die schöne Moham war seine Frau und die eigentliche Herrscherin des Landes; seine Prahlereien von der Kenntnis europäischer Kriegskunst hatten ihn zu dieser Würde erhoben. Ich trat in seine Dienste und hoffte wenigstens Minister zu werden, aber statt dessen machte er mich zum Entenfänger; mit einem Schwimmgürtel angetan, den Kopf in einem grossen ausgehöhlten Wasserkürbis versteckt, in welchem ein paar Löcher für die