der Fenster sehr geschwärzt. Das altertümliche fürstliche Schloss trat glänzend hervor im Morgenrot; der Wächter blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an, es schien noch Jahrhunderte zu überschauen und des Grafen luftiges Gebäude, das so lange darauf zu spotten schien, lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig abbittend vor einer alten dauerhaften, wiederkehrenden, bescheidenern. – Der Graf konnte das alles nicht länger ertragen, ihm war zu Mute, als erginge über ihn das Totengericht der ägyptischen Könige; er sah zu, ob sich seine Leute etwas erholt hätten, und befragte sie, wie es ihnen im schloss ergangen. Ihre verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus, dass sie von einer Dienerschaft, die sehr prächtig gewesen, sehr gut aufgenommen worden; dass sich aber auf wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt, und sie gleich darauf das Feuer bemerkt, auch niemand von den Dienern wiedergesehen hätten. Der Graf gebot ihnen zu schweigen, fragte noch, wann denn der Fürst ankäme; der Wirt sagte, um Mittag, da liess er anspannen, um ihn zu vermeiden.
Achtes Kapitel
Der alte Graf P ... begegnet dem Fürsten, der in sein
Land zurückkehrt
Als sie den Berg hinauffuhren und der Graf in tiefen Gedanken sich noch einmal nach seiner ganz vergangnen, ganz untergegangenen Zeit umblickte, wurde er durch einen heftigen Stoss erweckt, sein Kutscher war sehr ungeschickt mit einem anderen Wagen zusammengefahren; der Postillon wollte mit Schlägen über ihn her fallen, aber eine gebietende stimme im Wagen gebot ihm Frieden, und er gehorchte im Augenblicke; auch der Graf gebot seinem Kutscher, lieber zu helfen statt zu zanken. Die beiden Stimmen erkannten sich; in der stimme liegt die dauerndste Eigentümlichkeit des Menschen; als sie sich ansahen, denn Wagen stand an Wagen, waren sie einander wieder ganz fremd; es war aber in der stimme etwas, das die tiefste Vergangenheit, die fröhlichste Jugend in ihnen erweckte. Der alte Graf stieg aus dem Wagen, der andre Reisende gleichfalls; "heiliger Gott", schrie der andre auf, "welch ein Unglück, kein Wort weiss ich davon, das schöne Schloss des Grafen ist abgebrannt, gut dass er das nicht erlebt hat!" – Der Graf erkannte an diesem kurz ausgesprochenen "gut" seinen alten Freund und späteren Feind, den Fürsten; so mitleidig hatte er ihn nie gedacht, nie so alt; er war in seinen Gedanken noch immer der rasche Jäger, der über Felsengeklüfte den Kühnsten voraushetzte. – "Ach mein gnädiger Fürst, die Jahre haben mich unkenntlich gemacht, die Sonne meine Haut und das Feuer meine Fehler verbrannt; es ist alles anders geworden, alles durchs Feuer gegangen, mein gnädiger Fürst, mir ist alles verloren und vergessen, nur die frühe Vertraulichkeit, in der wir der Welt Lust und Freuden durchstrichen, fleht zu Ihnen um Nachsicht, um ein mildes Verzeihen späterer Irrungen; erlauben Sie, dass ich Ihre Hand küsse." – Der Fürst sah ihn mit grossen Augen an, wie ein altes teures Bildnis, welches nach einander viele ungeschickte hände so wie die Zeit entstellend übergemalt; er konnte kein Wort sagen und liess sich unbewusst die Hand küssen; nachher umarmte er ihn, dann weinte er und die Zunge war ihm gelöset und strömte über in alter Vertraulichkeit: "Sieh, ich wollte allen schmerzlichen Erinnerungen eines festlichen Einzuges entgehen, wollte einsam nach dem schloss zurückkehren, denn wie stimmte der jubel meines guten Völkchens zu meiner Trauer, Frau und Kinder von mir entzweit zu wissen; sieh nur und da kommst du so lebhaft und rufst mir dies und tausend andres mit lebendiger stimme wieder auf; meine Frau war dir sehr gut, sie spricht noch oft von dir; einmal war ich sogar eifersüchtig auf dich." – Und so wechselten beide mit Anklängen alter zeiten, neuer Schmerzen; die Wagen waren längst auseinander gehoben, aber ihre hände liessen nicht von einander; endlich zwang sich der Graf zum Abschiednehmen. "Torheit", rief der Fürst, "du bist jetzt in meiner Gewalt, in meines Herzens Bannmeile, dich lasse ich jetzt und nimmer von mir, wir haben einander bis an unser Lebensende zu erzählen; du hast Frau und Kinder, ich habe keine und verlange Ersatz vom Schicksale. Ich könnte nicht ruhig sterben, wenn mich kein Freund begleitete; hast du zum Bauen nicht mehr Lust und Zeit, so ziehe zu mir, mein Schloss ist ganz leer." – Der Graf gestand ihm, dass sich eine Geisterfurcht seit der Nacht seiner bemächtigt habe, sonst triebe ihn nichts fort; er wäre ja bloss darum des weiten Weges gekommen, um sich hier wieder anzusiedeln; dabei erzählte er ihm seinen wunderbaren Empfang im schloss. – Der Fürst sah tiefsinnig vor sich hin, und schrieb mit dem Stocke einige Züge in den Boden: "Ich kann die Gespenster bannen, denn sieh, ich bin auch ein Gespenst, ein Gespenst, das nur noch von dem träumenden Genusse früherer Tage, von seinen Gewohnheiten lebt." – "Wer ist dann mehr Gespenst als ich", rief der Graf, "einem fremden Weltteile klimatisiert, machte ich aus Nacht Tag, aus Tag Nacht: nun wohlan, so wollen wir es mit unsern unruhigen Brüdern der Mitternacht aufnehmen!" – Er winkte seinem Wagen und sie kehrten alle um; er selbst ging Hand in Hand mit dem Fürsten zum schloss. Auf dem Wege fragte den Fürsten eine ausgestellte