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bewilligte es ihm gern, und stellte ihm den Herzog, ihren Gemahl vor, der eben mit grosser Pracht ins Zimmer getreten war. Der Herzog überhäufte ihn mit Artigkeiten, und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen, der darüber in einer ängstlichen Verlegenheit war; die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder verschleiert; man setzte sich zu Tische, man ass und trank prachtvoll, und der Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit den Hof, dass diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung gab. Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht, als der Tisch aufgehoben wurde, und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande beurlaubte; dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Gräfin Dolores, und er wurde so heftig bewegt, zitterte so gewaltsam, die Haare sträubten sich ihm empor, er flog zur tür hinaus ohne Abschied, und nahm das letzte Licht mit sich fort. Der alte Graf fühlte bei seinem Anblicke eine Reue, einen inneren Vorwurf, den er nie möglich geglaubt; er wagte nicht an seine Tochter Dolores zu denken, und wusste nicht warum; Frau und Kinder drängten sich ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn, und sie warteten alle ängstlich, aber vergebens, dass die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht würden, wie es die Schicklichkeit forderte. Plötzlich erhellte sich indessen das Zimmer von aussen; ihre eigenen Leute und viele Bürger der Stadt durchrannten mit Feuergeschrei die Vorsäle, und kamen nun zu ihnen; mit halben Worten erfuhren sie jetzt, dass das Schloss mit dem Glockenschlage zwölfe an vier Ecken habe angefangen zu brennen; mit Mühe konnte der Graf sich und die Seinen und seine reichen Wagen retten, von denen schon einer abgepackt worden; seine ostindischen Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen, und waren ihm mehr Last als hülfe. Nachdem er alles und alle im freien feld geborgen, und die Bürger hörte, wie sie so nachlässig zum Löschen gingen, weil sie meinten, das sei Gottes Finger, der vor dem Einzuge ihres Fürsten, noch das hochmütige Schloss des Grafen habe demütigen wollen, dass er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern bekomme, auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen; da kam er auf den Glauben, das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen. So bitter ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war, so herrlich sich die schönen Verhältnisse des Gebäudes mit scheidender sehnsucht in dem Feuer verklärten, so hatte er, der alles aufgeben, alles vergessen konnte, auch darüber sich bald gefasst; er zündete seinen Zigaro an einem heruntergestürzten brennenden Balken an, und liess sich mit einigen müssigen Zuschauern in Unterredung ein. Er fragte zuerst nach dem Herzoge von A ..., der ihm ganz unbekannt sei; sie verwunderten sich alle, dass er den nicht kenne, der habe die junge Gräfin Klelia geheiratet, sei aber nun schon lange tot, und der brave Graf Karl, der an Gräfin Dolores vermählt, sei mit ihr zur Witwe hingezogen, keiner wisse recht warum; doch sage man, der alte Graf P ... sei so oft im schloss umgegangen und habe so viel Tumult nach seiner Art gemacht, dass sie es nicht aushalten können, gewiss wäre es, dass nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im schloss hätte aushalten können. – Der Graf war nicht wenig erstaunt, sich als ein Gespenst in seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen; er fragte mit einigem Herzklopfen, ob man nicht wisse, wo der alte Graf geblieben. – "Der hochmütige üppige Narr", antwortete ein Bürger, "nachdem er unserm Fürsten mit Bauen und Fresserei alles gebrannte Herzleid angetan, musste schuldenhalber davon laufen, liess Frau und Kinder im Stich, und die Frau starb bald aus Gram." – Jetzt wusste er genug von dem Schicksale der Seinen; er drehte sich um, und das Gewissen zog eine tiefe Furche über seine Erinnerungen, wie der Ackermann über eine verfluchte und zerstörte Stadt. Er musste fort, er wollte dieselbe Strasse zurück, aber seine Pferde, die er den vorigen Tag sehr angestrengt, bedurften der Ruhe; um nichts Übles mehr von sich zu hören, gab er sich für einen alten Freund des Grafen P ... aus, der ihn hätte besuchen wollen. – "Den Schelm", sagte der Wirt, wo er abgetreten, "wollt Ihr besuchen Herr? Da müsstet Ihr weit fahren und hoch steigen; der ist in Amsterdam an den höchsten Galgen gegangen." – "Bewahre Gott", sagte der Graf. – "Ich schwöre es Euch bei Seel und Seligkeit", antwortete der Wirt; "ein holländischer Kaufmann, der ihn gar wohl kannte, hat ihn hängen sehen, weil er in Holland falsche Wechsel gemacht, und darüber Streit mit dem Erbstattalter bekommen." – Der Graf beschleunigte ungeduldig seine Abreise; der Wirt konnte es nicht begreifen, dass er um den alten Spitzbuben, den Grafen so weit gefahren, und nicht einen Tag bleiben wolle, um den prächtigen Einzug ihres Fürsten zu sehen, der nach so vielen Jahren des Elendes wieder zurückkehre, den sie auf Händen in die Stadt tragen würden; "ja daran erkennt man gleich den Herren Engländer", versicherte der Wirt. – Der Graf sah tief gekränkt zum Fenster hinaus nach der Brandstätte; viel Rauch, aber wenig Flamme stieg mehr auf. Mehrere Mauern waren halb eingestürzt, sie waren nicht dauerhaft gebaut, die übrigen besonders an den Zuglöchern