wie möchte da der Beste erscheinen; das aber unterscheidet den Guten vom Bösen, dass jener seinen bösen Willen nicht zur Tat werden lässt. Der Graf fühlte bald, dass er seine Dolores zu einer so weiten Reise nicht verlassen könnte, ohne sie tief zu kränken; sie mitzunehmen, das schien wegen der Empfindlichkeit, die sie bei jeder Erinnerung aus Deutschland traurig machte, unmöglich; die Freundschaft zur Herzogin, ihre Liebe zu den Kindern hatte auch ihre Rechte; durch alle diese Verhältnisse glaubte sich der Graf verpflichtet, der Wirksamkeit in Deutschland für jetzt noch zu entsagen, und alles Wohltätige, was er für sein Vaterland träumte, andern und der Zukunft überlassen zu müssen, – so unendlich sind die Folgen des Guten, des Bösen.
Jener Tag im Kloster, der den kleinen Johannes seines furchtbaren Lehrers beraubt hatte, während er ihm die Liebe seiner Eltern schenkte, hatte sehr tief auf ihn gewirkt; sein ganzes Wesen entwickelte sich vorzeitig schnell und leidenschaftlich; er schloss sich an alle Menschen mit einer Innigkeit, die sich in der Berührung mit gewöhnlicher Kälte leicht in Hass umsetzte. Keinem war er so ganz und unveränderlich ergeben, wie der Mutter; er geizte nach ihren Blicken, lauerte auf ihre Wünsche, und verstand ihre Gedanken; tagelang liess er kleine Geschenke der Mutter nicht aus den Händen, und bedeckte sie mit unzähligen Küssen. Den andern Kindern war dieses Wesen bloss lächerlich, sie neckten ihn auf alle Art damit; doch die Herzogin sah viele Leiden aus dieser Leidenschaftlichkeit voraus, und suchte vergebens sie zu mässigen; ein böses Wort der Mutter konnte ihn auf Tage zu allem Lernen unfähig machen; ein günstiger blick spannte ihn zu so grosser Anstrengung, dass er in wenigen Stunden alle übertraf; für Tanz und Musik zeigte er besonders glückliche Anlage. Diese frühe Heftigkeit, diese Anstrengungen bewegten ihn zu gewaltsam; eine ängstliche Besorglichkeit bemächtigte sich seiner oft mitten in der grössten Kühnheit; auf den höchsten Bäumen, die er zum Staunen aller erkletterte, beengte ihn dann eine Angst, dass er mit Tränen bat, ihn herunterheben zu lassen; von seinen Büchern, von seinen Schreibereien nahm er jeden Tag feierlichen Abschied, als sähe er sie nicht wieder; während er die wunderlichsten Abhärtungen an seinem Körper versuchte, bebte er vor einem Ohrenklingen, als sei es eine furchtbar nahende Krankheit. Das alles war ein Gegenstand des Spottes der Geschwister, und dieser Spott entfremdete sie von ihm; einsam baute er sich eine Art Festung, in die er niemand einliess, eine Schwester ausgenommen, und von wo aus er allen Vergnügungen der Geschwister zusah, zu denen er, wenn es ihm einfiel, mit gewaltigem Eifer eintrat. Der Graf meinte ihn zum Soldaten bestimmt, und liess ihm diese frühzeitige Beschäftigung mit Befestigungen und militärischen Schriftstellern; aber der Himmel hatte ihn milder gelenkt. Eines Morgens wurde er vergebens zum Frühstücke gerufen; der Graf ging endlich mit dem Vorsatze ihn zu strafen nach der Festung, und fand ihn nicht, aber statt seiner einen Brief, der durchnässt von Tränen, und sehr undeutlich geschrieben dem Erschrockenen die Nachricht brachte, dass der Knabe in das Kloster des heiligen Laurentius geflüchtet sei, wo jene Komödie ihn damals zu seinem Besten geführt; er habe sich auf einer grossen Sünde überrascht, zu deren Busse er dort als Novizius ein geistliches Leben anfangen wolle. Der Graf ritt zornig zu dem Abte des Klosters, und fragte ihn, wie er es wagen könne, ein Kind ohne Wissen der Eltern aufzunehmen? Hier unterrichtete ihn der Abt, dass er nach seiner Pflicht niemand abweisen dürfe, der sich in den Schutz der Kirche flüchte, am wenigsten aber einen reuigen Sünder, der sein Heil in ihrem Schosse suche. – "Aber welche Sünde kann der Kleine getan haben, von dem wir nie andres als Liebe erfuhren?" – "Diese Liebe", sagte der Abt, "ist sein Verderben; durch ein heiliges Buch ist sein Gewissen geschärft, er bekennt sich sträflicher leidenschaft zur eignen Mutter schuldig, er ehrt sie über Gott." – Vergebens wandte der Graf ein, dass diese kindische Grille eher ein Wahnsinn als eine Schuld zu nennen; er ging zu dem Kleinen, der aber schon das Gelübde des Stillschweigens angenommen, im Gebete versenkt vor dem heiligen Laurentius lag; er hörte ihn, aber er antwortete nicht. Der Graf hoffte, dass die Zeit ihn am besten heilen würde, und überliess ihn einige Zeit dem strengen Leben. Nach vierzehn Tagen kam er wieder, und ermahnte ihn zur Rückkehr ins väterliche Haus; der Kleine hatte Erlaubnis zu sprechen, und beantwortete diesen Zuspruch mit einer abschreckenden Darstellung aller Sorgen der Welt. Als der Graf von den Sorgen seiner Mutter um ihn sprach, da wendete er sich ab, und betete mit unzähligen Tränen. Der Graf war so tief gerührt, dass er ihn gewaltsam dem Kloster entreissen wollte, aber der Abt erinnerte ihn feierlich, warum er ihn seiner Bestimmung gewaltsam entreissen wolle, um ihn vielleicht der Schuld hinzugeben; "jede Schuld", sagte er, "ist eine verfehlte Bestimmung." Der Graf dachte hier unwillkürlich an Dolores, und an den Wallfahrtort, und liess dem Kleinen noch längere Bedenkzeit. Aber die Zuversicht zu dem neuen Leben wuchs immer mehr in ihm; er war ein Vorbild aller im Kloster; sein Wesen erinnerte den Grafen an Traugott, er glaubte, seine religiöse Gesinnung sei eine Vorahndung des Todes, und nahm schmerzlichern Abschied bei jedem neuen Besuche. Die zurückgelassenen Papiere des