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bekennen. – Der Graf hatte Verstand genug, die Sache gegen das Kind nicht mit Härte zu beurteilen; vielmehr drückte er ihn zärtlich an sich wie einen verlornen Sohn, und gebot ihm nur den Abend sich zu beruhigen, morgen solle alles mit der Mutter ausgeglichen werden, zu der er ihn, nachdem er ihm Augen und Nase gewischt, zurückführte. Der Graf ging darauf mit einigen seiner Leute an den von Brülar bestimmten Platz, sie fanden ihn; er merkte, dass er verraten sei, und wehrte sich wie ein Verzweifelter. Der Graf wollte ihn schonen, aber im blinden Fechten warf sich der Unglückliche in den Degen eines Bedienten. Er endete als ein tapferer Mann, wie er sich immer gezeigt hatte; nach seinem tod entwickelte sich aus einlaufenden Briefen die allgemeine Verbreitung seines Unternehmens. Am nächsten Morgen nach dieser Begebenheit führte der Graf den zitternden Johannes zur Gräfin, erzählte ihr, wie sich der arme Kleine von ihnen für ungeliebt gehalten, und empfahl ihn ihrer Liebe, indem er sein kindisches Unternehmen erzählte und verzieh. Die Gräfin wurde sehr gerührt, der mögliche Verlust erweckte ihre Zärtlichkeit zu dem Kleinen, dem sie und ihr Mann jetzt alle die Liebe zuwandten, die seine zärtliche natur forderte. Der Graf sagte bei dieser Veranlassung sehr ernst zu seiner Frau: "unsrer Kinder wegen müssen wir nach Deutschland zurück; die beste Privaterziehung kann nicht ersetzen, was Kinder durch den Mangel einer öffentlichen Schule verlieren." –

Dolores blickte ihn schmerzlich an, aber sie sagte nichts dagegen. Auch er fühlte es, wie schmerzlich es ihm sein müsse, nach so vielen glücklichen Jahren, von denen sich fast nichts sagen liess, als was er rings geschaffen zur Freude anderer, und was er gelernt in eigner steigender Bildung, was ihm geboren und durch Erziehung noch mehr angeeignet; alles ein Leben ohne Hemmung, unbekümmert über kleine unvermeidliche Beschwerden, nach solchen Jahren zu den empörendsten Erinnerungen zurückzukehren. Dennoch bot sich ihm wenige Tage darauf eine nähere Veranlassung zur Rückreise, die ihn fast bestimmt hätte. Ein Prinz, mit dem er studiert hatte, und der schon damals mit der Fülle seines ernsten zutraulichen Charakters sich ihm angeschlossen, war zur Regierung gelangt, und forderte ihn ganz unerwartet auf, ihm beizustehn mit seinem Rate; alle äussern Verhältnisse, Titel und Gehalt, solle er sich selbst bestimmen. Seiner Dolores mochte er von dem Briefe nichts sagen, der ihn sehr heftig bewegte, und in den heissesten Nachmittagsstunden wach erhielt, wo er sonst mit allen Bewohnern Siziliens zu ruhen pflegte. Er wollte an den Fürsten schreiben; aber trotz der verschlossenen Fenster und der Zuglöcher war es ihm in der Hitze fast unmöglich einen Brief, der so viel Rücksichten beobachten und ausfragen musste, zu beendigen; ganz ungeduldig, einem Elemente weichen zu müssen, stand er auf und sah in den Nebenzimmern umher; er wollte sich zerstreuen. Da lagen aber Frau und Kinder, wie von einer Pest niedergestreckt; er ging in die Vorzimmer und fand die Diener alle in tiefem Schlaf, wie Tote ausgestreckt. Da er seit Jahren nicht in dieser Stunde aufgewacht war, und umhergegangen, so hatte ihm diese tyrannische herrschaft der Wärme über den Menschen etwas besonders Schreckliches. "Was ist unsre Kälte", seufzte er, "gegen diese unabwendbare Not? Wenn die Flüsse bei uns starren, da fliesst der Geist fröhlicher durch Stirn und Auge und funkelt heller wie die Sterne; unsre Wälder, der kühle Spielplatz des Sommers, erwärmen den Winter; welch Leben regt sich in diesen Stunden auf allen Feldern Deutschlands; der Erntewagen jagt, die Sicheln klingen, die Binderinnen umspannen die Garben, alles singt. Hier sind selbst die Vögel wie ausgestorben, da ihre Laubdächer fast verdorret sind; nirgends ist frischendes Grün des Bodens, niemand kann sein Eigentum bewahren, die herrschaft über die Tiere ist verloren, die arbeitsamsten Tiere vermögen nichts mehr, kein Pferd wird aus dem Stalle gezogen, sie träumen an der Krippe und mögen nicht fressen, kein Schornstein raucht gastlich; wie eine schwere Busse ist diese Mittagsstunde des Südens, wo die kalten Schlangen aus den Sümpfen hervorkriechen und sich züngelnd an die Sonne legen, giftige Mücken in der Sonne spielen, die grässlichen Ungeheuer des Meers, den stinkenden Leib an den Strand legen, und der Ätna seinen Aschenregen über die Insel atmet, dass die Trauben aufspringen, und ihr Blut am Boden versprützen." – Er stieg bei dieser Erinnerung ganz allein in seinen Keller herunter, um sich dort zu kühlen; aber selbst dahin war die Wärme gedrungen, er entsiegelte eine Flasche echten Rüdesheimer, und nun ward ihm erst wieder leicht, dass er singen konnte:

Grüner Wald im deutschen land

Könnte ich dich wiedersehen,

Wiederfühlen dein kühles Wehen

Ohne Schande.

Rhein, du bringst das Gold im Sande,

Spiegelst Sonne an die Trauben,

Füll den Becher mit altem Glauben

Bis zum rand.

Wein, du kühlest mich im Brande,

Wie die feuerroten Rosen,

Die mit kühlenden Lippen kosen

Meine Schande.

Rosen, die mit kühlem Bande

Hier die heisse Stirne kränzen,

Stächen mich bei den heitern Tänzen

Deutscher land.

Deutsches Blut, zerreiss die Bande,

Deutsche Berge stehen feste,

Und der Adler entsteigt dem Neste

Ohne Schande.

Er sprang auf, er wollte nach Deutschland reisen. – Es gibt wohl in allen Menschen solche Augenblicke, wo sie sich weit über alles Erlebte, Gewohnte, Geprüfte und Erkannte hinaussetzen möchten; wären sie Götter, deren Wille gleich Tat würde,