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wenn er, der dringendste aller Schuldner, dieses Geld, das offenbar der Masse anheim fiel, den Kindern überliefert hätte. Klelia entschied durchaus, dass sie dies Geld nicht annehmen könnten; es sei erniedrigend, von einem jungen mann, der wahrscheinlich selbst keinen Überfluss grosser Reichtümer besitze, eine so bedeutende Summe anzunehmen, es könne ihn zum Schuldenmachen verleiten; überhaupt verstimme es das gute Verhältnis, in welchem sie bisher mit ihm gestanden. Dolores warf ihr einen falschen Hochmut vor, sie möchte denken, wie sie noch am Morgen in ihrem Bette um eine Unterstützung gebetet, dass sie ohne Schande vor der Welt und vor den Augen ihres Freundes bestehen könnten; das Fasten müsse auch endlich ihrer Gesundheit schaden, das beweise schon die krampfhafte Ohnmacht, in die sie neulich verfallen; genug, sie nehme das Geld zu ihrem Besten an, sie wolle als Schwester für sie sorgen, – und somit nahm sie den Geldbeutel und der Wirt, der sich eine Freude gedacht hatte, um an die Decke zu springen, schüttelte den Kopf und ging und dachte in sich: mit armer Leute Hochmut wischt sich der Teufel den Mund.

Klelia ehrte die gute Absicht in ihrer Schwester, ob ihr gleich die ganze Sache nicht recht schien; wie sehr verwunderte sie sich aber, als sie bald den grössten teil der Summe von ihrer Schwester für allerlei Putz ausgegeben sah. Sie erinnerte, aber Dolores wurde böse, sie möchte bedenken, dass des Grafen Liebe zu ihr diese Summe ins Haus geführt, darum wolle sie auch ihm zur Liebe sie verwenden; Klelia erinnerte umsonst, so wäre es doch besser ihn zu bewirten, ihm selbst den Aufentalt in der Stadt weniger kostspielig zu machen, wenn sie es für ihn verwenden wolle. Aber Dolores meinte, sie könnten es doch nicht standesgemäss einrichten, dazu fehle ihnen Gerät und Dienerschaft, und sie liess sich überhaupt nicht viel einreden, wo sie etwas beschlossen hatte. Sie schmückte sich und die Zimmer, dann auch die Schwester, schaffte auch mancherlei Leckereien, denen sie lange hatte entsagen müssen; ihr gewöhnliches Leben aber ging in voriger Kärglichkeit fort. Der Graf glaubte seine List glücklich ausgeführt, Dolores begrüsste ihn wie sonst ganz unbefangen, nur Klelie war etwas verlegen; er dachte in sich: sollte das wohl Stolz sein, nun sie für einige Zeit in bessere Umstände gekommen; wohl hat mich die Mutter oft vor dem Stolze frommer Menschen gewarnt, ich muss sie selbst bei gelegenheit davor warnen. Es sei uns hier vergönnt die Jugend ernstlich gegen Menschen voll böser Erfahrung zu verwarnen, damit sie selbst Erfahrungen macht, statt sich jede Lebensaussicht durch gefärbte Gläser zu entstellen; fürchte jeden, der sich so zum Mittelpunkte der ganzen Welt macht, dass er zu sagen wagt: "so sind die Weiber, so sind die Männer in Tugenden, in Lastern", weil der kleine Kreis seines Lebens sie ihm öfter so dargestellt hat; die Beobachtung, die in ihm erloschen und ausgestorben, sieht durch die Fügung seiner Kristallinse, die das Unglück verknöchert hat, die ewig fortstrebende, durch alle Geschlechter sich fortbildende Welt in Winkel und Abschnitte geteilt; ehre und höre ihn, es wird dich weiser machen und aufmerksamer, aber beobachte überall erst selbst; denn dasselbe kommt nie wieder in der Welt, nicht in Tugenden, nicht in Lastern; jener steht im Traume über der Welt und ist tief unter ihr und baut sich sein Grab; du aber, liebe Jugend, sollst wachen und schaffen und dir ein Haus bauen aus Rosen und es mit Lilien decken, solange dir Rosen und Lilien blühen.

Neuntes Kapitel

Graf Karl in Armut. Rückreise nach der Universität

Als der Graf bemerkte, dass der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache, so fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig mädchenhaft, dass er sich allerhand gute Gelegenheiten ersann, ihr Geschenke der Art zu übermachen; bald kam eine arme Krämerin, die so etwas zum Verkauf bringen musste zu geringem Preise, bald hatte er, um sie zu erschrecken, eine Puppe schön ausgeputzt, dann war es Jahrmarkt. Klelien schenkte er einige Dichterwerke, auch manches Gedicht von ihm selber, die freilich wie ein allzu heftig schäumendes Getränk den Becher mehr mit feinem glänzenden Schaume als mit erquickender Flüssigkeit füllten, aber von ihr doch sinniger aufgefasst wurden, als von der Schwester, der er sie viel zu schlecht glaubte. Mit solchen Ausgaben ging das zurückbehaltene Dritteil seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf, so fand er sich eines Tages, als er einen kleinen Ring für Dolores erkaufen wollte, ohne Geld; das fiel ihm so schwer aufs Herz mitten in seinem leichten Taumel, er war so fremd in solchen Angelegenheiten, dass er sich oft in der ersten Verwirrung wünschte, von irgend einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden. Ohne diese Geldnot wäre er schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen, aber einige reiche Landsleute, die durchreisend zu seiner Universität von seinem Umgange mit ein paar armen Mädchen hörten, verpflichteten ihn, indem sie ihm Geld vorstreckten, einen Sitz in ihrem Wagen anzunehmen. Wir wollen uns nicht mit der Erzählung seines Abschiedes den eignen Schmerz aufrühren, der immer noch unter der Asche von tausend genommenen Abschieden glimmt; ich schweige von der sinnreichen Art, wie er sein Angedenken und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im haus und im Garten zu befestigen suchte; seiner Dolores war er so gewiss, aber der Boden, auf dem er mit ihr so froh gewandelt, hatte sich belebt, war sein Vertrauter geworden