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vors Tor; sie unterhielten sich von der Erziehung zum Gelehrten, und der

Teufel brachte ihm alle Grundsätze bei, die Kinder

durch erweckte Eitelkeit, Neid, Habsucht zu

schnellem Fortschritte zu bringen. Spiegelglanz

kehrte heim, küsste seine Schülerin mit wütender

Zärtlichkeit; ihr heimliches Lernen hatte alle seine

Erwartungen übertroffen. Er machte ihr kleine Ge

schenke, Kleider, Zeuge und versprach ihr, wenn

sie in ihrem Fleisse fortfahren wolle, so machte er

ihr die Preisaufgabe: jene Erzählung der Welt

schöpfung in Alexandrinern, die er zum Wettstreite

für den Platz in der Schule aufgegeben hatte. Jo

hanna sprang fröhlich darüber in den Garten, da

dachte sie aber, wie sie rot werden müsste, wenn sie

nun den Preis und den ersten Platz erhielte, und

sich schämen; sie sah, wie jede Pflanze ihr Blatt,

ihre Frucht bewahrte, ohne mit der schöneren zu

tauschen, und schämte sich vor allen. Unschlüssig

ging sie im Garten umher. Sie wollte einmal zu

rückkehren und alles aufsagen und selbst arbeiten,

da sang ihr aber der Teufel als Kuckuck vor:

Meine Eier

Leg ich in andrer Nest.

Bin nun freier,

Säss sonst wie andre fest;

Die sie brüten aus,

Sitzen still zu Haus.

Alle Kinder rufen mir,

Kuckuck, Kuckuck ich bin hier.

Sie rief ihm nach, es war finster, die Zeit war vor

bei. Spiegelglanz gab ihr seine Arbeit zum Ab

schreiben. Die Schüler kamen den andern Tag in

höchster Erwartung zusammen; da war kein Po

chen, kein Stossen, alles horchte, jeder hoffte der

Erste zu werden, jeder hätte sein Leben darum ge

wagt. Johanna, die Johannes in der Schule hiess,

von der keiner es erwartet, erhielt einmütig den

Preis; keiner hatte das Silbenmass so vollkommen

beobachtet. Mit Weinen nahm sie den Preis an, der

von allen beneidet wurdees war der Preis ihrer

Seele.

Nach diesen Szenen bat der kleine Johannes seinen Vater, er möchte doch mit ihm herausgehen, ihm sei nicht wohl: der Vater erfüllte seine Bitte, liess ihm etwas Wein reichen, und kam mit ihm zurück. Das Stück ging seinen gang fort, den wir nur ganz kurz berühren wollen: Als Johanna in der Schule weit heraufgekommen, entwickelt sich ihr Stolz und ihre Eitelkeit immer mehr; sie hat kraft dieser Antriebe auch wirklich so viel gelernt, dass sie ohne ihren Lehrer allen überlegen ist, und jetzt will sie sich auch von seiner lästigen Oberherrschaft frei machen. Spiegelglanz, der das bemerkt, entdeckt ihr nun, was sie bisher in der Absonderung ihres Lebens nicht gewusst hat: dass sie ein Weib sei; mache er dies bekannt, so werde sie schimpflich aus der Schule verstossen; sie muss sich ihm ganz ergeben, der sie jetzt nicht bloss zu seiner Ehre, sondern auch zum künftigen Genusse aufzieht. Sie gehen zusammen nach Aten, wo mancherlei Abenteuer sich ereignen, endlich auch nach Rom, wo sie alles mit ihren Lehren in Staunen versetzt, und das Ziel ihrer Wünsche, den päpstlichen Stuhl besteigt. Jetzt meint der Teufel alles gewonnen, aber er verspielt durch seinen eignen Diener Spiegelglanz, der jetzt, wo Johanna in Ruhm und Glanz stolziert, sie zu seinem wollüstigen Willen leicht beredet. Sie weiss nichts davon, dass sie ein Kind trage, aber ein Besessener verkündet es ihr; in grosser Herzensangst betet sie zur Mutter Maria und diese schickt ihr einen Engel: mit dem Troste, wenn sie durch den Schimpf einer öffentlichen Geburt ihren Stolz abbüssen würde, so sollte sie so wie ihr Kind gleich sterben, aber der ewigen Verdammnis entgehen. Sie ergibt sich darein; vergebens warnt sie Spiegelglanz, sie könne es leicht verbergen; sie will beschimpft sein; sie geht in feierlicher Prozession bei dem Kolisseum vorüber, und wird von einem kind entbunden; der Teufel dreht ihr und dem kind aus Ärger den Hals um. Ein wahrer Papst wird hierauf mit mehr Vorsicht gewählt. Jedermann wird eingestehen, dass es eine italienische und besondere sizilische Naivität fordert, um solch ein Stück öffentlich in einem Kloster zu geben; die Gräfin war nicht sehr zufrieden damit, es hatte eine schmerzliche Saite in ihr berührt, den Grafen an seinen lieben Traugott wieder erinnert, und erregte eine Menge neugieriger fragen der Kinder. Während sich alle zur Abfahrt anschickten, zog der kleine Johannes den Vater wieder beiseite, und dieser führte ihn in den Garten, weil er glaubte, dass er irgend eine körperliche Beschwerde habe; hier verfiel aber das Kind in ein fürchterliches Weinen und Schluchzen, das es nicht zu Worte kommen liess. Endlich zog der Kleine ein paar Tüten heraus, und übergab sie dem verwunderten Vater, der darin Kaffeebohnen und Zucker entdeckte. Als die ersten gebrochenen Worte erlöst waren, da wurde der Zusammenhang dieser geschichte bald klar. Brülar hatte den Kleinen überredet, er sei zu einer grossen Tat bestimmt, und von seinen Eltern nicht geliebt, ihm müsse er folgen; er liebe ihn allein, er wisse allein seinen Mut; er wolle mit ihm aus Sizilien fliehen. Während der Komödie solle er sich hinausschleichen, er werde seiner vor dem Kloster warten. Wirklich hatte der Kleine sich mit dem Bedürfnisse, das ihm am wohlschmeckendsten, versehen, und so glaubte er sich reisefertig; doch in dem Spiegelglanz glaubte er plötzlich ein wahres Abbild von Brülar zu erkennen; er fing ihn an zu fürchten und zu hassen, und hatte endlich in dem Bekenntnisse der Päpstin eine himmlische Weisung geglaubt, alles dem Vater zu