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allem, was sie verstanden, ausgezeichnet: beide überliessen sich ihm ganz; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke, auch er zeichnete den Kleinen durch Härte und Güte aus. Es wurde ihm zuweilen ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht, dass sich dieses Kind gar nicht mehr um sie bekümmere, aber eigentlich war es beiden lieb, denn sie waren durch diese von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins überhoben, als liebten sie ihn den andern Kindern gleich. Klelia hatte ihr Bedenken dagegen; aber sie sah die ausgezeichneten Fortschritte des Kindes, das mit liebevoller Anstrengung aller Kräfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen ältern, auch seinem Bruder überlegen war, und sie teilte mit allen im schloss die achtung gegen den Ritter, der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tätigkeit den Kindern anzugehören schien. Er war ungefähr ein Jahr im schloss, als die Herzogin mit den Ihren zu einer grossen Tragödie eingeladen wurde, die in der Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der Mönche aufgeführt werden sollte. Brülar machte erst einige Einwendungen, ob man Kinder in solche törichte ungeregelte Possen bringen könne; aber die Gräfin verlangte es und er gab nach, wollte aber selbst wegen eines heftigen Kopfschmerzes nicht mitgehen. Die Fahrt war fröhlich; die vornehmen Gäste wurden von dem Prior und den ältesten Mönchen des Klosters mit grosser Behaglichkeit empfangen; eine nahrhafte Bewirtung, ein reichliches Trinken war ihnen bereitet. Niemand weiss so zu geniessen wie die Mönche, das Essen und Trinken treiben sie wie eine heilige Pflicht. Bald nachher wurden sie in einen grossen Esssaal gebracht, wo das Teater aufgeschlagen war: sie erhielten eigene abgesonderte Sitze; die Volksmenge lärmte unter ihnen; die Kinder hatten noch nie etwas der Art gesehen, und meinten, das sei schon die Komödie. Der Prior entschuldigte sich, dass sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stück des Metastasio zu spielen nicht hätte durchgesetzt werden können, weil das Volk nach alter Gewohnheit durchaus die "Päpstin Johanna" verlangt habe; der Graf versicherte, das sei ihm auch viel lieber. Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte musikalische Vorbelustigung, das Volk sang mit; endlich ging der Vorhang auf. Der Teufel in grimmigster Gestalt, schwarz, mit rotem Mantel, mit dem Pferdefusse, der Hahnenfeder, erscheint in einer wüsten Gegend und beklagt sich schmerzlich, was ihm durch den Papst für Abbruch geschehe; er wird dabei von Oferus unterbrochen, der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Mächtigsten zu dienen entschlossen sei, und der Heidenkönig, dem er bis dahin gedient, sich vor dem Teufel gefürchtet habe. Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an; er will ihn gleich gegen Rom und gegen den Papst führen, da müssen sie aber bei einem Kreuze vorbei; das will der Teufel umgehen; Oferus merkt's aber, und der Teufel gesteht seine Furcht, gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf, und will diesem Mächtigeren dienen. Vergebens ruft der Teufel: "Den du da siehst, der ist von Stein; da ist nicht Geist, da ist nicht Bein, den hat ein Steinmetz ausgemeisselt, mit roter Farbe ist er gegeisselt." Oferus antwortete ihm: "Wie mächtig ist der Herre mild, dass er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel kann erschrecken; das muss den Glauben mir erwecken." – Nach diesen Worten verlässt er ihn, und der Teufel beschliesst seinen Plan gegen des Kindes Mutter Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzuführen; er spricht: "Durch eine andere Jungfrau, die ganz mein, will ich verdunkeln jenes Trones Schein. Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz, (er kennt mich nicht, darum ist er mir treu) ein Mädchen auf, als wär's ein Knabe ganz, dass sich's am Wissen leer und eitel freu. Durch eitles Wissen steigt sie auf den Tron, auf dem einst Petrus auch gesessen schon, und spricht dem alten Christen Hohn, und achtet nicht auf Gottes Straf und Lehr, und jenes Papsttum, das in Schimpf vergangen, wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen; dies Kind soll sein der Antichrist, der alles zwingt mit seiner List, und die ihn hassen, selbst verführt, nach seiner Pfeif die Welt regiert, dass sie vergehet im Verderben, so will ich für die Hölle werben." – Hierauf erzählt er, dass er in Mainz ein Mädchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz; es sei dieses das Kind eines Mönchs und einer Nonne, die mit einander gesündigt hätten, um ungeheuer büssen zu dürfen; er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines grossen italienischen Philologen Chrysoloras, dem Unterrichte eine feste Richtung zum Bösen zu geben. Das Teater verändert sich in einen Garten mit einem Lustause; er tritt leise in den Garten, wo Johanna, so hiess das Mädchen, mit einer sehr schweren Arbeit beschäftigt war, die biblische Schöpfungsgeschichte in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule, deren erster Lehrer Spiegelglanz ist, zu erzählen und aufzuschmücken. Nun hatte sie den Tag über in der Bibel mit grosser Freude gelesen und nicht davon kommen können; jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert, aber weder die Feder noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angerührt, die ihr Spiegelglanz als sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte; noch konnte sie sich entschliessen, in dem Reimwörterbuche und in der Poetik zu lesen, die Spiegelglanz ihr besonders empfohlen hatte. Das gefiel dem Teufel gar nicht; er beschloss, durch die Stimmen aller