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Vater aller Wesen den Sommer über ernähret, und vor allen grimmigen Vögeln behütet."

"Traun, mein lieber Sohn, fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und Fliegen aufräumen, und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre, so wirst du wohl und unverletzt bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder und tückischer Vögel wäre. Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache, schweigt, leidet, wartet, braucht Glimpf und Klugheit, Mut und Ergebung, Ernst und Güte, bewahrt Glauben und Gewissen rein, dem will Gott Schutz und Helfer sein."

Sechstes Kapitel

Ritter Brülar. Die Päpstin Johanna. Johannes.

Deutschland

Der gute alte Bediente blieb, so lange er lebte, der Schutzgeist dieser Kinder, die alle, wie es in kräftigen Familien gewöhnlich, in grosser Eigentümlichkeit, in wechselnder leidenschaft und Feindschaft zu einander, eine kleine Welt in sich begründeten. Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes, der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet hatte; er war durch jenes Ereignis beiden Eltern, was sie sich nicht eingestehen wollten, eine unangenehme Erinnerung geworden; sie liessen es ihn nie fühlen, aber Kinder fühlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht, sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden. Wenn die Gräfin von allen andern Kindern sich umklettern liess, und ihnen die Freude machte zu sagen, jetzt tue es ihr hier oder da weh, und die Kinder eifrig streichelten, gleich endete sie das Spiel, wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte; ich führe nur den einen Fall an, aber es gab unzählige dieser Art, während in allen bedeutenderen ein völlig gerechtes, gleiches Verhältnis zwischen den Kindern beobachtet wurde. Wir wissen, der alte Bediente starb; der Graf war nach allen Seiten beschäftigt, und die älteren Kinder in einem Alter von acht und sieben Jahren, bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen Aufsicht, eines männlichen ernsten Unterrichts. Der Krieg hatte die Wege nach Deutschland gesperrt, es musste daher ein Fremder gewählt werden: man schwankte zwischen verschiedenen Sizilianern; endlich machte auf dem schloss ein französischer Ausgewanderter, der Ritter Brülar, durch Empfehlung der Obristin aus Palermo, seine Aufwartung, und erbot sich zum Hofmeister. Die Obristin wusste nichts von den Leuten, als was sie ihr von sich erzählten, und wie sie sich ihr gefällig zu machen wussten, durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung. Lustig war der Ritter nur in seinem Äusseren, aber das unterschied sie nicht; sein Inneres war von der Zeit fürchterlich zerrissen, die ihn mit Anlagen, Kenntnissen und Geschicklichkeiten, welche zu den ersten Stellen führen konnten, plötzlich arm gemacht und in Länder verbannt hatte, deren Sprache er nicht einmal hören, vielweniger lernen mochte, von deren Treiben er gar keinen Begriff hatte, und sie darum in sich verspottete, während er sich der Leute durch Artigkeit zu bemächtigen wusste. Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer Seele an; man lobte sie, aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgeführt, obgleich manche den Schein davon annahmen; aus Überdruss und um davon zu leben, überliess er sich der Bekanntschaft reicher Frauen, doch eben der Überdruss, und endlich die Erschöpfung trieben ihn auch hievon zurück; er wollte ein Philosoph sein und heissen, und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt seines politischen Elements. Da er nirgend seine Gedanken in Ausübung bringen konnte, was er den Fürsten und Regierungen sehr übel deutete, so machte er sich, unabhängig von allen bestehenden Staaten, eine eigene politische Einwirkung und Verbindung; Völker hatte er nie geachtet, nur Systeme und Grundsätze; er vertraute sich so wenig wie möglich, er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen zum Glücke hinbetrügen. Seine Pläne waren weit aussehend: zuerst musste er den Menschen die Künste verleiden, damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben, und dem blinden Wirken; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen Gleichgesinnten kritische Blätter, die jedem aufstrebenden Talente dreist in die Augen sagen mussten, es vermöge nichts; es sei überhaupt jetzt die Zeit nicht für Kunst; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen. Zu seinen entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu entführen; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen, die er in einem sardinischen Kloster untergebracht hatte. Wir können nur aus Gerüchten über diese seine Verhandlungen sprechen, seine Sache ist in der Untersuchung wegen der vielen bedeutenden Menschen, die darin verwickelt waren, ganz unterdrückt worden; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete Haus des Grafen. Er wusste den Grafen durch seinen Ernst, durch seinen Anstand und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen; er focht herrlich, war der beste Schwimmer, ritt wie ein Zentaur; durch seine Art des Absprechens, das meistens aus tieferer Kenntnis zu kommen schien, imponierte er ihm sogar. Dem Grafen waren die leeren Hülfsmittel des Streits ganz unbekannt; er konnte sich nicht denken, dass ein Mensch über etwas reden könne, ohne das Streben zu haben es recht eigentlich zu erfassen oder um darüber aus innerer Lustigkeit zu scherzen; wo er daher den Brülar nicht begriff, da dachte er sich eine höhere Verbindung in ihn hinein. Brülar wurde als Hofmeister der älteren Kinder angenommen; Vater und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschränkte Folgsamkeit gegen ihren Führer. Diese Ermahnung war überflüssig; in jedem edlen Gemüte ist eine Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen, die leicht gefährlich werden kann; wirklich war der Ritter in