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auch ein grosser Mann geworden, und könnte es noch jetzt sein." – Seine Leona betete oft mit Inbrunst, wenn sie ihn wiedergesehen: "Herr Gott nimm ihn zu dir, denn er lebt ja nicht mehr!" Sie konnte endlich den Gedanken nicht ertragen, ihre beiden Söhne im Unglauben bei ihm aufwachsen zu sehen; sie raubte sie ihm heimlich, und brachte sie in einer entfernten Schule unter. Gleich erriet er, wer ihm dies getan, bezeigete aber keinen Unwillen, da sie nicht bei ihr geblieben; "bleiben sie nur mit vielen zusammen", meinte er, "so ist es ihre Schuld, wenn sie verkehrt werden." Bald nachher begegnete sie ihm Sonntags; seine Stirne war gerunzelt, er schien seit langer Zeit zum erstenmal etwas empfunden zu haben. Sie glaubte, er käme aus der in der Nähe liegenden Kirche. – Er bekräftigte ihr das. – LEONA: "Haben Sie sich endlich dem Glauben ergeben?" – FRANK: "Der Glauben hat mir meine halbe Vernunft genommen, indem er mir meine Uhr ausgezogen; sie war meine halbe Vernunft, mein Prediger, sie hielt mich in Ordnung." – LEONA: "Aber was machten Sie in der Kirche, wenn die Uhr Sie beherrscht?" – FRANK: "Ich sah mir die lächerlichen Gesichter der Leute an, deren ich mich noch aus den Vernunfttempeln erinnerte, sie haben aber seitdem das Stehlen gelernt; als sich alle niederwarfen, um das Allerheiligste zu schauen, hatte einer der Gläubigen meine unheilige Uhr zum Glauben gezogen. Ich rief, 'es ist gestohlen!' und wäre dafür von meinen Dieben beinahe noch arretiert worden." – LEONA: "Beten Sie künftig, statt sich umzusehen nach schlechten Menschen, und niemand wird so frech sein Sie zu bestehlen." – FRANK: "Ich will beten, dass Sie nicht zu klug und ich nicht zu dumm werde." – LEONA: "Kommen Sie zurück in die Kirche, demütigen Sie sich vor dem Bilde des Gekreuzigten." – FRANK: "Kommen Sie ins Museum, erheben Sie sich vor Apollos Bilde, es haben wahrlich schönere Hymnen davor geklungen, als Ihre Gemeine singt; sagen Sie den Gläubigen, dass in der Oper viel besser gesungen wird." – LEONA: "Sind Sie jetzt ein Heide, das ist mir neu." – FRANK: "Sie sind jetzt eine Katolikin, das hätte Sie selbst sonst verwundert." – LEONA: "Ich habe Gnade gefunden; suchen Sie Gnade." – FRANK: "Es kann kein Mensch aus seiner Haut heraus, meine Ungnädige, und jeder ist der Schönste in seiner Haut; des Menschen Wille ist sein Himmelreich, aber der ist unabhängig vom Zufalle. Mein Streben ein Loyola zu werden, wenn ich mich auf Ihre Ermahnung dazu entschlösse, und wenn ich auch zwanzig Nachtwachen vor dem Bilde der Maria aushielte, würde eben so leer sein und zu nichts führen, als wenn ich witzig wie Voltaire eine neue 'Pucelle' über die Neureligiösen Frankreichs schreiben wollte, oder einen Tyrsus vor der Statue des Bacchus schwänge." – LEONA: "Es muss aber Ihre Schuld sein, wenn Sie bei aller Wahrheitsliebe, die Sie mir immerdar zu einem ehrwürdigen Freunde macht, von Gott so verlassen bleiben." – FRANK: "Nein, es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld meiner Mutter, wie mir noch gestern ein Schüler Galls erklärt hat; sehen Sie, da hat sie mir mit einem segnenden Kusse eine Vertiefung oben ins Haupt gedrückt, wo das teosophische Organ als ein Hügel sass; sehen Sie wohl die Stelle, denn mein Scheitel ist kahl. Und noch eins wollte ich Ihnen berichten: ich habe keine von allen in Kirchen, oder Tempeln verehrte Religion, aber ich habe doch eine, und wir wollen einmal uns wieder fragen, ob es nicht die allgemeine wird. Merken Sie wohl auf, ich habe politische Gesinnung, Entusiasmus, Glauben: diese Religion zählt schon viele Märtyrer; Sie kennen mich, ich lüge nie, auch ich werde als Republikaner fallen." – LEONA: "Gott bewahre Sie davor, was wollen Sie in der Welt wirken, der Sie nicht mehr zu der Welt gehören, gehen Sie in eine Wüste, vielleicht wird Ihnen da die Gnade." – Frank und Leona blieben getrennt.

So wunderbaren Missverständnissen sind oft die besonnensten, verständigsten Menschen unterworfen. Wir dürfen sie nicht immer den mannigfaltigen Lebensverhältnissen der gebildeten Klassen zuschreiben; gleich werden wir ein Beispiel in der unteren Klasse finden, das uns schon aus der gewohnten Neugierde, gern von einem Menschen zu hören, den wir in einer Glückszeit gesehen haben, willkommen ist. Lorenz und Rosalie, deren Hochzeit wir beiwohnten, die wir nachher in einigem Missvergnügen mit einander verliessen, hatten sich wieder ganz ausgesöhnt, nachdem Rosalie, dem Rate des Grafen folgsam, ihrem Hauswesen ordentlich vorstand; was aber beiden sehr leid tat, sie hatten nach mehreren Jahren ihrer Ehe keine Kinder. Rosalie betete zu allen Heiligen, machte Gelübde und brauchte alterkömmliche Mittel des Wolff; endlich ward sie von einem kind entbunden. Lorenz jubelte, aber nach wenigen Tagen wurde er finster; die Leute sagten: er hätte allerlei Zauberwesen in dem Kasten seiner Frau gefunden; genug, er behandelte sie seit der Zeit grausam und hart, er schimpfte und schlug sie öffentlich, und sie litt das ohne darauf zu antworten. Ein Kantor