1810_Arnim_005_130.txt

er beschloss die Heirat. Die gewaltsamen begebenheiten, die rings stürmten, nahmen ihnen die Aufmerksamkeit auf das Nahe, was sie selbst betraf; alle ihre Leidenschaften strebten nach aussen und sie vermissten nichts in sich. Frank stand unerschütterlich da, wie ein Denkstein, auf dem alles notiert wurde; viele sammelten sich um ihn her, alle die reisenden guten Seelen, die an Frankreich ganz und gar nicht, aber unablässig an die Menschheit und die Welt dachten; auch er gehörte zu dieser Zahl, die sich Europa in ihrem kopf zu einem schönen humanen Ganzen zusammengefabelt hatten, wie die Geographen sonst eine spinnende Jungfrau darin erblickten, die kein anderer unbefangener Mensch wahrnehmen kann. Sein Lieblingsgedanke war die allgemeine Aufhebung aller öffentlichen Anstalten für den Gottesdienst, der künftig ganz und gar dem Gewissen des einzelnen Bürgers überlassen bleiben sollte, und nichts kränkte ihn so tief, als da das Entgegengesetzte, die feierliche Wiedereinsetzung aller Religionsparteien und ihrer öffentlichen Gebräuche der kurzen Aufhebung folgte. Leona war indessen ihren eignen Weg gegangen; zwei Kinder, die sie ihm geboren, hatten das Gefühl, den Sinn für jedes Grosse und Tiefe in der Welt geweckt; ihr Ernst milderte sich im Kinderspiele, und sie sah mit tiefer Rührung die Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes. Sie war wie eine Neubekehrte, so eifrig, so strenge; sie glaubte es ihre Pflicht, ihren Mann zu bekehren, als sie die entgegengesetzte wirkung auf ihn bemerkte. Frank ergrimmte; was erst nur ruhiger Widerspruch gewesen, war allmählich zur leidenschaft geworden, er konnte ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden hören; er beschwor sie bei ihrer Liebe zu ihm, alle dem Zeuge zu entsagen, bei dieser Liebe, der sie so viel geopfert, denn bei dieser Gesinnung könne er nicht mit ihr leben, und seine Kinder wären in Gefahr von ihr verderbt zu werden. Sie schwor ihm, dass sie ihm alles aufzuopfern bereit sei, nur nicht die Seligkeit; sie schwor ihm zu, dass sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht, sondern aus Eifer für das Rechte, für die Wahrheit; verleugnete er aber die Wahrheit, das Recht, indem er die Religion lästre, so fühle sie sich frei von jedem Opfer. – Frank war dabei zumute, als ginge er zwischen Himmel und Tod, zwischen ihrer Kälte und ihrer edlen Geistigkeit; sein Entschluss war gefasst, er hatte sich so viele Jahre in ihr getäuscht, eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt; er wollte keinen Augenblick länger mit ihr zusammenleben. Er liess ihr alles, nur die Kinder nahm er ihr fort; er kränkte sie tief, denn an den beiden Söhnen hing ihr Herz; aber um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben, der den Lohn aller Schmerzen dieses Lebens in einem zukünftigen verspricht. Sie glich sich allmählich mit Bekannten aus, die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte; sie suchte sich in alles Neue zu fügen, aber man merkte sehr bald die früher gewöhnte Form; sie erschien dann wie eine Gartenhecke, der eine veränderte Gartenkunst die Freiheit gegeben hat, nach allen Seiten zu wachsen, die aber leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden lässt, wo der Gärtner sie viele Jahre beschnitten: eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie. Frank, ungeachtet er ärmlich von Sprachstunden lebte, verschmähte doch strenge jede ihrer Unterstützungen; sahen ihn die Leute auf den Strassen, so flüsterten sie einander zu, "das ist auch noch einer von den Jakobinern", so struppig erschien sein Haar, sein Rock schmutzig und zerstossen. Machten ihm Bekannte darüber Vorwürfe, so lachte er gleichgültig, und antwortete: "Wer so etwas erlebt hat, der sollte es nie aus seinem Gedächtnisse verwischen lassen, sonst wäre er ein Spiel jeder fremden Laune. Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen, wer aber nach etwas gestrebt, der soll sich der Zeichen seiner Mühe, der Schwielen und Narben nicht schämen; der Mensch kann nichts Besseres tun, als alt werden, und der Jugend seine Bekenntnisse auf den Weg geben." – Fragte man ihn nach seiner Frau, so fuhr er fort: "Nur eins lässt sich nicht lehren und nicht lernen: die Liebe; wer um das Glück ihrer ersten reinen unschuldigen Wahrheit betrogen, der sucht überall vergebens; sein Geschmack ist nicht rein, seine Galle mischt Bitterkeit in das Süsseste. In der Liebe ist jeder Anfänger Meister; sie hört auf wie die Kunst mit der Schule. Die natur will viel mit dem Menschen, der Mensch, auch der umfassendste, will wenig mit sich, und was er will, kann er selten." – Fragten sie ihn, womit er sich innerlich beschäftige, so antwortete er: "Mit der Philosophie, ich habe sie völlig ausgedacht, ich kann es mit meinen Papieren beweisen, dass alles, was darüber erscheint, nur ein Glied meines Systems ist." – Baten sie ihn um sein System, so klopfte er den Leuten auf die Schulter und sprach: "Versucht's einmal, eure Freude, eure Schmerzen, alles euch so zu durchdenken, dass euch nichts mehr störe, dann will ich euch in die Lehre nehmen." – Manche Deutsche besuchten ihn, erzählten von grossen politischen Unternehmungen; da rief er einmal: "Ihr seid mir ein wunderliches kleines Geschlecht, ihr möchtet gern etwas Gutes getan haben, aber nichts tun; wahrlich, wenn es so leicht wäre, etwas Grosses zu vollbringen, ich wäre