nicht wie; er hatte keinen Ring bei sich, sonst wäre auch diese Förmlichkeit beobachtet worden; von der Universität wollte er einen zierlichen Goldring senden, er nahm das Mass an ihrem schönen Finger mit einem seiner Haare. Klelia trat darauf ein; der Graf fasste eine ungemeine achtung gegen sie bei ihrem ersten Anblicke: die Höhe ihrer Gestalt und Stirne, ihr feiner Mund, ihr klares Auge geboten jedem achtung; sie nahte sich ihm vertraulich, tadelte zwar die grosse Eile in der Verbindung mit ihrer Schwester, aber so wohlwollend, dass beide sie dafür küssen mussten. Der Graf, dem noch von Jugend an eine gewisse allegorische Mytologie anhing, glaubte in ihr die Freundschaft zu entdecken, wie er in der Schwester die Liebe gefunden; gewiss war es, so wenig sie sich vordrängte, so milde schützte ihr reicher ernster Geist die beiden Liebenden gegen den langweiligen Überdruss, der den zurückhaltenden Brautstand bei allen Äusserungen von Glück in manchen Stunden doch ganz fatal macht. Wir wollen uns nun einige Wochen denken, wie wir sie entweder selbst erlebt, oder aus dem Berichte glücklicher Seelen, oder aus Büchern kennen gelernt, von Liebe umwunden, von der wohlwollenden Freundschaft der guten Klelia belebt, die mit Muttersorgfalt sie beide bewachte und sich an ihnen erfreute und den Grafen vor allen Männern ehrte und bewunderte. Dolores glaubte, dass sie den Grafen liebe, alle ihre Hoffnungen waren ja auf ihn gesetzt, auch war es unvermeidlich, dass er nicht bei näherer Bekanntschaft gewonnen hätte; seine Liebe zu ihr konnte sich nicht mehren und nicht mindern, es war Liebe, und so brachte er unbemerkt die ganzen Ferien in dem geliebten Kreise der guten Stadt zu, die ihm sein eigentliches Vaterland zu sein schien; die ferne Schweiz mit ihren Wasserfällen, Eismeeren, heiligen Freiheitstempeln und unsterblichen Schlachtfeldern lag ihm ausser seiner Welt. Zuweilen warf er es sich vor, dass er die ganzen Tage bei den Mädchen mit Nichtstun zubringe, auch fürchtete er ihnen überflüssig zu werden, aber dann baten sie ihn jeden Abend, dass er am Morgen doch ja recht früh wiederkommen möchte; bald wollten sie eine Stunde auf der Gitarre, bald im Spanischen bei ihm nehmen. Die sorgfältige Erziehung seiner Mutter hatte alle Fertigkeiten und Kenntnisse der gebildetsten Stände in ihm gesammelt; durch das Vergnügen dies Erlernte so schönen Wesen mitzuteilen, erhielt es in ihm selbst eine schönere Gestalt und Anordnung, er lernte seinen Vorrat kennen und brauchen, er gewann vielleicht eben so viel durch seine Liebschaft, als andre Studenten durch ihre Liebeleien verlieren. Klelia gab ihm den Mut ohne Scheu religiös zu sein, den er unter bornierten Bigotten und bei frechen Spöttern verloren, er wagte es ohne Scheu seinen Glauben an Geheimnisse des höheren Lebens und an deren sinnliche Offenbarung zu bekennen; er wusste, dass sie ihn verstand und würdigte, das merkte er aber auch, dass diese Gesinnungen seiner Dolores abschreckend waren. Seine Betrachtung darüber glich diesen Unterschied bald aus, er meinte es die höchste Unschuld, Gott und die Welt, alles in sich zu fühlen und zu ehren, ohne es von sich zu trennen – so leicht weiss sich ein Liebender von dem zu überreden, was er nicht anders wissen will. Die Beendigung ihres Bildes, das er immer neu anfing und nie zu seiner völligen Befriedigung enden konnte, da sie ihr Gesicht, um noch schöner, noch lebhafter zu erscheinen, ganz unnütz bewegte und veränderte, hielt ihn noch über seine Ferienzeit in der Stadt zurück; es waren so schöne Stunden, wo er ihr so oft in die Augen sah. Auch sie unternahm es ihn zu zeichnen, aber die Geduld fehlte ihr, es wurde eine Karikatur. Um ihren Fehler zu verstecken, hatte sie nämlich allmählich alles übertrieben; er wunderte sich über sich selbst, dass er so aussehe in ihren Augen, wir aber müssen bekennen, dass wir jungen Mädchen, die Karikaturen zu zeichnen geneigt sind, einen Hexenprozess machen würden, es geht nicht mit rechten Dingen zu und ist uns in der innersten Seele verhasst; was kann denn ein Mädchen noch menschlich erhalten, wenn ihr die menschliche Schönheit nicht einmal heilig ist, die überall selten, nun noch durch den unauslöschlichen Eindruck echter Zerrbilder, bei jeder Wiederbegegnung des misshandelten Unglücklichen, aus den letzten Schlupfwinkeln immer mehr verschwindet. Bald trägt er vor unsrer Einbildungskraft wirklich alle die erschrecklichen Ecken und Verdrehungen – bei Gott, nur ein verzweifelnder Politiker, der das Wohl des ganzen staates in Gefahr sieht, darf so frech das Ebenbild Gottes im einzelnen Menschen verhunzen, als wir solches in England sehen. Klelia sagte der Dolores das oft, wenn sie ihr so allerlei unschuldige Leute, die ihr irgendwo begegnet, vorlegte; diese aber meinte, man dürfe das nicht so ernstaft nehmen und es erkenne doch jeder den Scherz.
Inzwischen war in der inneren Haushaltung des Schlosses einige Veränderung durch die Freigebigkeit des Grafen hervorgebracht. Er hatte sich, nicht ohne weitläuftige Überlegung und Abwägung verschiedener anderer Gelegenheiten die beiden armen schönen Kinder zu unterstützen, endlich eines Abends mit niedergeschlagenen Augen an seinen Wirt gewendet – der ihm die erste Bekanntschaft im schloss erworben, ihm auch die drückende Armut dort beschrieben hatte – und ihm bei unverbrüchlicher Verschwiegenheit zwei Dritteile seines Reisegeldes eingehändigt, sie den Gräfinnen als eine heimliche alte Schuld, die ihr Vater in seinen Büchern einzutragen vergessen, ohne Nennung des Schuldners zu übermachen. Der Wirt übernahm den Auftrag sehr gern, aber er schenkte nach seiner Art reinen Wein ein; auch hätte es allzu unnatürlich ihm gelassen,