als Vater erschienen; sie konnte sich kaum den nötigsten Ausdruck von anhänglichkeit geben; dankbar vor ihm zu knieen, war ihr einziger Wunsch, und das litt er nicht. Frank nahm dieses Erschrecken erst für Freude, bald aber musste er sich gestehen, es habe etwas Fremdartiges, fast wie ein Zurückschaudern, das er als ein Liebling aller Weiber, sich lange nicht eingestehen wollte. Er bat sich darüber schriftlich eine Erklärung von ihr aus, wenn eine andre Zuneigung sie gefesselt, sie möchte es nicht verhehlen, er bliebe ihr stets ein treuer Vater. Die Antwort, halb mit Tränen vermischt, erklärte ihm mit Umschweifen, wie sie ihm tausendfache kindliche Verehrung weihe, aber vor dem Heiraten erschrecke sie, doch ohne eine andre Liebe zu hegen. – Frank war zu fest, um zu verzweifeln, er versicherte ihr noch einmal schriftlich seine dauernde väterliche Liebe, und setzte sich auf den ersten Postwagen, der eben angespannt war, und in der Nähe seines Dorfs vorbei fuhr; dort stieg er aus und ging dahin zu Fuss. Als sein Dorf vor ihm lag, setzte er sich hinter einen Steinhaufen und schämte sich seines Unglücks; er hätte ewige zeiten da sitzen können, wäre nicht Leona, die mit ihrer Flinte über das Feld kam, zu ihm getreten. Ihr blick erkannte, dass ihm ein Unglück geschehen; er berichtete ihr alles so kalt, als beträfe es einen andern; zuletzt sagte er, wie er sich krank fühle. Gesundheit ist wie das Geld, wir fühlen erst ihren Wert, wann wir sie missen, und das Geld ist wie die Gesundheit, die im ruhigen Verkehr der ganzen Organisation, in dem beschwerdelosen Empfangen und Zurückgeben sich zeigt. Aber beides sollte ihm fehlen, denn Leona wusste, was er erst erfahren sollte, dass er wegen seiner abirrenden Meinungen und Tracht seines Amtes entsetzt, und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verdammt worden. Leona fühlte tief das schwere Unrecht, das ihm von so verschiedenen Seiten geschehen, sie wusste, dass er einer der nützlichsten moralischen Lehrer, einer der besten Ökonomen der ganzen Gegend war, ob er gleich wie so wenige mehr Prediger zu nennen sei; sein Fehler war die Offenherzigkeit, mit der er bekannt hatte, was die andern vorsichtig stolz für sich bewahrten; sie wünschte, ihn entschädigen zu können, sie glaubte sich dazu bestimmt. Sie sagte ihm jene Nachricht seiner Absetzung, ihren Entschluss, ihm alles zu vergüten, verschwieg sie ihm. Es erschütterte ihn gewaltsam; sie geleitete ihn nach dem Pfarrhause. Mit tiefer Trauer hörte er ein Paar kleine Goldgänschen pfeifen, als einzigen lebenden Rückstand von der Fülle des Sommers in den lombardischen Pappeln vor seinem haus, die jetzt eher für Besen anzusehen, welche die Flur abgefegt hatten, so glatt lag der Schnee und blinkte. Vielleicht pfeifen nur die Vögel, um sich den Todesschlaf abzuwehren, dachte Frank, und richtete sein Haupt zum Himmel; da erinnerten ihn die rosichten Wolkenberge an seine fröhlichen Reisen in der Schweiz, er glaubte springende Gemsen auf den Spitzen zu sehen und weidende Herden im Tale und den glücklichen Hirten, der seiner alten Freiheit ein Lied sang. "Freiheit", sagte er der stützenden Leona, "Freiheit will ich suchen und Recht und Wahrheit, das alles finde ich in Paris und auch meinen Lebensunterhalt durch Sprachunterricht; dort werden wir bald keine Prediger mehr brauchen, die Religion der Vernunft findet ihre Priester in jedem Hausvater, aber bei uns in Deutschland wird der Streit zwischen Licht und Finsternis am langwierigsten sein; ich gehe hin, wo er geendet. Die Revolution wird wie die Pocken Europa durchlaufen, wer keine Impfung leiden will, geht drauf." – Leona war ergriffen von diesen Aussichten der Zukunft; ihr Verstand verlangte nach dem Mittelpunkte der Politik Europens, ihr fester Wille, dem edlen Freunde alles zu vergüten, was er ungerecht verloren, sprach sich laut aus. Frank hatte schon früher eine unbegrenzte achtung gegen das fräulein, aber er sah auch alle Hindernisse, die ihrem Plane, ihn zu begleiten, sich entgegenstellten, und er zeigte sie ihr ausführlich. Der Gedanke an den Widerspruch der Ihren befestigte sie noch mehr in ihrem Entschlusse; sie schwor, wenn er es auch nicht erlaube, sie würde ihn doch begleiten. – Leona eilte zu ihrem Vater, ihm alles zu erklären; bei dem hatte es keine Schwierigkeit, er hatte sich lange geärgert, dass in keinem seiner Kinder ein ausserordentliches Unternehmen stecke. Frank hatte unterdessen mit tiefem Gram alle fackeln und Doppelflöten beschaut, mit denen er mühsam sein Hochzeitzimmer bemalt hatte; sein Gram ging in der fernen Aussicht auf. Bald hatte er abgeschlossen mit allen seinen Verhältnissen, sich einen Reisewagen und ein paar Pferde angeschafft. Leona setzte sich fröhlich auf; der alte General und die ganze Gemeine begleiteten ihn mit vieler Herzlichkeit an die Grenze, und versicherten, ob er es ihnen gleich auszureden suchte, sie wollten seinem Nachfolger das Leben schon sauer genug machen. Frank erwartete, wie er mit Leona in Frankreich angekommen, dass sie ihn veranlassen werde, ihre eheliche Verbindung bei den Gerichten nach dortiger Sitte zu stiften, aber sie schien nichts zu verlangen, als seine Magd zu sein. Sie waren schon einige Zeit mit einander in Paris und die Schrecknisse der Revolution wüteten um sie her, als er ihr den Vorschlag machte, was ihre Liebe zu ihm so lange gewünscht, doch endlich zu erfüllen. Sie versicherte ihn ihrer völligen Ergebenheit, sein Wille sei der ihre, und