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in Worten entwickeln konnte, der aber für alle so überzeugend war, dass die Gründe von den Gelehrten bald entdeckt wurden. – Strenge Ordnung in ihrer Lebensweise machten es ihr möglich, ausser diesen Geschäften noch hinlänglich den Ihren zu leben, um ihre Gesinnung in allen fortzupflanzen. Ein Tagebuch, das sie an jedem Morgen von vorhergehendem Tage in aller Kürze verfasste, diente ihr zur Aufmunterung und Warnung; selten bemerkte sie darin etwas über sich und was ihr besonders und eigen, was die meisten Tagebücher gewöhnlich füllt; oft ist es nur ein kurzes Gebet um Gnade und Erleuchtung oder um Kraft, wo ihr etwas zu schwer erschien; zuweilen bedauerte sie etwas Versäumtes, meist sind es kurze Nachrichten von bedeutenden Ereignissen in ihrem Ländchen. Wir heben einige Tage aus als Belege:

Den 1sten Mai. Algierische Seeräuber landeten bei Lido während der Hochzeit des Bauers Zampiero, sie drangen in die Häuser und raubten Gut und Kinder. Das Geschrei kam in die Kirche, wo alle Bauern versammelt, alle waren zweifelhaft was zu tun, da ergriff der geistliche Herr Anatonio den Kelch, der von starkem Silber als Geschenk von mir der Kirche verehrt worden, und jeder Bauer nahm, was er von Stühlen und Bänken in der Kirche abreissen konnte, und so gingen sie auf die Räuber los, die sorglos plündernd im dorf zerstreuet waren. Der geistliche Herr traf zuerst mit einem vornehmen Türken zusammen, den er mit dem Kelche so gewaltsam in die Schläfe schmetterte, dass er nicht wieder aufgestanden; so sind noch acht andre auf dem platz geblieben, fünfe tot und dreie schwer verwundet, von den Unsern aber ist nur der Geistliche getötet und sechse verwundet, bis der Graf mit der Schlosswache war herbeigeeilt, und die Räuber zurücktrieb, dass sich nur wenige einschiffen konnten, sie auch die weggetriebenen Kinder und alles Geraubte zurücklassen mussten. Gott erhalte uns den edlen Grafen! – Gnädiger Gott, der du diesmal ein so grosses Wunder getan um deines heiligen Dienstes willen und einen deiner Diener zum Zeichen als Märtyrer angenommen, gib mir Kraft, unsere christliche Küste ohne Blutvergiessen durch Wachsamkeit zu schützen, gib mir Kraft, dass ich diese schwere Angelegenheit dir ordentlich ausdenken und ins Werk stellen möge, und verzeihe mir gnädiglich um deines lieben Sohnes und seiner geliebten Mutter willen, wenn ich zu lange saumselig war im Nachdenken, wie deine heilige Gemeinde zu schützen.

Den 2ten Juli. Habe Dank gnädiger Gott, der neue Wachtturm bei Lido hat drei Raubschiffe vom Landen abgeschreckt.

Den 28sten August. Mein kleiner Neffe Johannes hat den ersten Backzahn bekommen, möge er seine Zähne nie missbrauchen, dass ihm Gott seine Zähne erhalte, wie er sie ihm gnädiglich verliehen.

Den 8ten Sept. Rico und seine junge Frau, die ich ausgestattet habe, vertragen sich nicht und sie schienen sich doch zu lieben; wohl ist es mit meine Schuld, dass ich sie so schnell zusammengeführt; wie oft verderben wir Gottes Wege durch unsre Ungeduld, schnell darauf zu fahren, und ich gedenke oft dabei unsers edlen Grafen, der neulich sagte, dass er die meisten Fehler in seinem Leben begangen, weil er einen kleinen Plan, den er in einer Begebenheit entdeckt, für den Plan Gottes gehalten und ihn darum ohne Klugheit zu fördern gesucht hätte, wo es dann oft ganz anders ergangen, was er auch für recht und besser und würdiger dem Plane Gottes erkannt hätte; so sei ihm auch damals das Zusammentreffen des Scheibenschiessens mit seiner Verzweifelung als ein Plan Gottes erschienen, da doch Gott alles nachher viel gnädiger und ganz anders gelenkt. Wohl mag er recht haben, wenn er sagt: "Nur in der Vergangenheit erkennt der Verstand den Weltplan, was aber die Gegenwart fordert, was zur Zukunft emporstrebt, das entbehrt noch des Sonnenlichts oder es ist davon geblendet; jeder aber mag recht und klug handeln nach allen seinen Kräften und Gott wird ihm gewiss seine Gedanken leihen."

Den 2ten Januar. Ich bin sehr traurig; unser alter Bedienter, unser zweiter Vater ist gestorben, ohne Schmerz, wie er eben mit den Kindern spielte, die ihn anstiessen und meinten, er stelle sich tot, wie er oft mit ihnen gespielt. Gewiss wird er selig, denn wer verdiente es mehr; doch das ist Menschenweisheit, ich will für ihn beten.

Den 2ten Februar. Heute vertraute mir meine Schwester Dolores, die wieder, Gott sei gelobt, in gesegneten Leibesumständen sich befindet, ihr lieber Mann, der Graf Karl sei ihr Erlöser und Welteiland, denn er habe sie von schwerer Schuld befreit, indem er sein Blut für sie vergossen. Gnädiger Gott, das ist wohl noch eine Folge ihrer Sündenschuld, dass sie in solchen sträflichen Wahnsinn verfallen, da sie sonst so vernünftig und gut in allem ist. Ich habe ihr alles vorgestellt, wie kein einzelner Mensch seinen Erlöser besonders habe, sondern dass einer für alle gestorben, der in jedem Frommen seine Gnadenwirkung übt. Sie schien sich zu bekehren und weinte zuletzt, dass sie nicht ganz lassen könne von ihrem Glauben; heiliger Gott, nimm ihr doch noch diesen Irrwahn, ehe sie zu dem gefährlichen Werke der Geburt gezeitiget, an welchem schon manche Frau hingestorben; oder denke, dass sie nichts dafür kann aus Schwäche ihrer Gedanken, vielleicht ist sie von dem langen Wachen bei dem kranken kleinen Karl etwas tiefsinnig geworden.

Den 3ten Juni. Ich war krank und habe grosse Schmerzen erlitten und keiner hat es erfahren. Gottlob, nun bin ich hergestellt und tue wieder meine Geschäfte