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Kinder bewache, wenigstens nichts Erfreulicheres, Segenvolleres. "Wie gern", rief sie, "gäbe ich alle meine Beschäftigungen, so lieb sie mir sein mögen, darum hin, eigne Kinder versorgen zu können; denn das ist von der natur eingeboren, nur eigne Kinder verstehen wir ganz, was ihnen fehlt, was sie wollen, und dieses Verständnis kann kein guter Wille, keine reichliche Bezahlung in der Dienerschaft erzeugen. Darum ist jeder Mensch zu beklagen, den seine Mutter nicht grossgezogen, denn ihm fehlte sehr viel Liebe". – Kaum hatte Dolores den ersten Widerwillen überwunden, den die Unreinlichkeit und das Geschwätz der Kinderstuben häufig gibt, so fand sie erst wie vielem sie ihre Kinder unbesorgt ausgesetzt, was sie selbst für widrig hielt; sie besserte alles mit Ernst und Einsicht, schaffte sich bessere Mägde an, die sie jetzt erst kennen lernte, so wie die Kinder, die schon früh manche Eigentümlichkeit zeigten. Die Kinder lohnten ihr durch Gedeihen und jeder Kreis des heiligen Jahres mehrte ihre Zahl; was Kindisches in ihr uns töricht gewesen, das wurde in den Kindern ausgeboren, deren Sinnesart sie aus der Tiefe ihrer eignen Brust verstand, und besser zu lenken wusste, als ihr von der eignen nachsichtigen Mutter geschehen. Es war eine schöne Busse, diese Mutterliebe.

Fünftes Kapitel

Der Herzogin Weisheit, Mut und Güte. Tod des alten Bedienten. Nachrichten von Waller. geschichte des Prediger Frank und des fräulein Leona. Schicksal des

Lorenz und der Rosalie

Klelia tat nur einzelne Blicke in dies Frühlingsreich ihrer Schwester, erst wenn die Kinder älter wurden, beschäftigte sie sich mit ihrem Unterrichte. Salicetti, ein grosser sizilianischer Bildhauer verfertigte eine artige Gruppe zum Geburtstage des Grafen in Marmor: Klelia und Dolores standen neben einander, Dolores niedersehend auf ein Kind, das an ihrer Brust sog, und das sie mit beiden Armen hielt, Klelia blickte zum Himmel und erhob deutend die eine Hand dahin, in der andern Hand hielt sie ein Buch, worin die beiden älteren Kinder der Dolores mit gefalteten Händen lasen. Klelia war nicht untätig geworden, ungeachtet sie viel betete und der Graf einen grossen teil ihrer Geschäfte übernommen hatte; sie war nicht bloss Quelle der Reichtümer, was jeder wohlwollenden Seele so leicht wird, sondern sie wusste mit Anstrengung diese reiche Quelle zum Besten aller selbst zu lenken. Nicht bloss der Mädchenunterricht, den sie erst nur in frommer Nachbildung des Grafen unternommen hatte, beschäftigte ihre Gedanken, sie wollte auch Erwachsene erziehen, durch streng ausgeübtes Recht, welches damals in Sizilien fast durchaus der List, der Gewalt und Bestechung gewichen war. Schon vor des Grafen Ankunft und in der Abwesenheit ihres Gemahls hatte sie mit männlichem Mute eine Schar tapferer Männer um sich versammelt, die nicht bloss Söldlinge sondern die mit heiligem Eifer für die Aufrechtaltung des Rechts und des heiligen angebornen Gütereigentumes begeistert waren; diese sendete sie gegen die Räuber, die trotzig gegen die schwache Regierung des Landes alle Strassen und die friedliche Nacht der Hütten unsicher machten, während die Paläste sich durch Geld von ihren Einfällen loskauften. Sie selbst führte einst zu Pferde mit dem Kreuze in der Hand, das auch auf ihren weissen Mantel genäht war, ihre brave Schar gegen eine öde Gebürgsgegend, wo sich die räuberische Menge gegen sie versammelt hatte. Das Gefecht war lange zweifelhaft, der Widerhall des Schiessens im Felsentale, das Gebell der grossen Räuberhunde, nichts schreckte sie zurück, von beiden Seiten war gleicher Mut, dort der Teufel, bei ihr Gott. Da ritt sie kühnlich, als ihr Hauptmann gefallen, in die Mitte des Getümmels und winkte mit dem Kreuze Ruhe; von dem wunderbaren Anblicke wie versteinert, sanken die Räuber nieder auf ihre Kniee, nieder vor dem Gnadenbilde, gegen das sie lange gestritten; die fromme Frau, ruhig in ihrem Gott, erschien ihnen wie eine Heilige, wie die Mutter Gottes, die jammernd neben dem gekreuzigten Sohne steht, und sie wollten nicht die Kriegsknechte sein, die den Gekreuzigten verspottet. Es ist ein grosses Werk in einem volk, die sinnliche allgemeine Vergegenwärtigung einer hohen Begebenheit; oft in der höchsten Abirrung des Lasters tritt sie bei einem geringen Zeichen richtend und belehrend mitten aus den brausenden Leidenschaften hervor. Die Herzogin segnete die Räuber für diese Zeichen der Reue und vergab ihnen ihre Lastertaten, wenn sie sich wahrhaft bekehrten und aus Verrätern in Schützer des Rechts verwandelt, ihr verfallenes Leben in würdigem Dienste beschliessen wollten. Balsamo, der Anführer, schwor ihr dies am Kreuze im Namen aller; er blieb ihr mit den meisten treu, und seiner Bekanntschaft mit den Räuberschlichen dankte bald der grösste teil von Sizilien vollständige Ruhe und Sicherheit. Dieses Ereignis hatte Klelia nie dem Grafen geschrieben, das litt ihre Bescheidenheit nicht; kaum konnte er diesen hohen Mut begreifen, wenn er die stille sanfte Frau anblickte. Doch lernte er sie bald in der kühnen Grösse ihrer Seele und in der Schärfe ihres Verstandes noch auf viel andere Art kennen.

Sie hatte sich zur Aufrechtaltung des Rechts mit

dessen Studien selbst ernstlich beschäftigt, was ihr durch frühere Liebhaberei an lateinischer Sprache erleichtert worden; Rechtsgelehrte verliehen ihr bald den Ehrentitel als Doktor, die Regierung das Amt eines Königlichen Oberrichters. In diesem amt sass sie bei den Gerichtstagen und störte mit gewandtem verstand, wo überwiegende List und Parteilichkeit das Unrecht begünstigten; ihr Ansehen wirkte bald so mächtig, dass Entfernte selbst ihre Angelegenheiten vor dieses Gericht brachten. Es verdient bemerkt zu werden, dass sie häufig einen Ausspruch tat, dessen Gründe sie nicht selbst gleich