Besinnung und Erinnerung. "Ach, wir Unglücklichen!" seufzte sie aus tiefem Herzen. allmählich entlockte ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen; auch sie hatte bei dem Pater Martin gebeichtet, auch ihr hatte er zur Busse eine Wallfahrt anbefohlen, und sie, des Gehens ungewohnt, beschwert von ihrem Zustande, hatte sich in der Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht; ihre Kräfte waren ganz erschöpft, als sie die Kirche erreicht, in deren kühlem Schosse sie das Bewusstsein ihrer Leiden verloren hatte. Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt, und er dachte nur an ihre strenge Busse, an ihre schmerzliche Reue; die tiefe Berührung mit einer höheren Welt, die Tausende an sich zieht, die hier alle von einander getrennt sind, hob die harte Eisrinde, unter welcher der Strom ihrer Gefühle noch schmachtete; nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend, selbst nicht in der glücklichen Zeit, wie an diesem Abende; er fühlte ein herrliches Ziel seiner Aufopferung, dies geliebte Wesen, das sich ihm jetzt so ganz ergab, zu der Vollendung hinzubilden, wie er in erster Liebe sie sich geträumt hatte. Traulich wanderte er mit ihr zurück, und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte, und sie mit seinen törichten Reden störte, da fühlte er tief, dass aus dem Menschen, wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt, eine höhere Zunge spricht; keine Vorstellung hatte der gute Mensch, wie sein Rat zu einer Wallfahrt sie beide so gnädig einander zugeführt hatte. Nicht jeder Tag konnte so erfreulich enden wie dieser; aber der Zustand beider ward doch erträglich. wunderbar schien es inzwischen der Gräfin, als sie in der heiligen Zeit von neun Monden, die nach den Berechnungen der Mütter die glückliche Lebensverborgenheit des Menschen begrenzen, als sie über diese neun Monate hinaus, seit jenem unseligen Abende, die Last ihrer Sünde tragen musste.
Zweites Kapitel
Niederkunft der Gräfin. Tod des Herzogs von A ...
Noch drei Monate vergingen, als sie in der Nacht von einem schönen blonden Knaben entbunden wurde, der zu ihrer Verwunderung des Grafen Züge und ein dunkeles Mal auf seinem Herzen trug, das der Familie des Grafen eigen, von allen als das sichere Zeichen einer reinen Geburt angesehen wurde. Kaum wollte sie es sich, ungeachtet aller dieser Zeichen, eingestehen, dass ihre Schuld wenigstens ohne einen lebendigen wachsenden Vorwurf geblieben; freudig bewies es ihr der Graf mit zärtlicher Beredsamkeit, dass sie endlich nachgeben musste, aber sich noch immer wie aus einem schweren Traum erwacht fühlte, und immer noch nicht glauben konnte, dass es ein blosser Traum gewesen. Jetzt war ihr verziehen vom Grafen, innig und vollkommen, seit dies sein Kind, das entweihte Heiligtum keuscher Liebe wieder geweiht hatte. – Kaum waren die bedenklichen zeiten des Wochenbettes vorüber, so gestand ihr der Graf, dass seine Liebe durch dieses Kind ihr von neuem auf ewig zugeeignet, nur dieses Schloss und sein Landgut, wo er mit ihr die ersten zeiten reiner Zärtlichkeit gefeiert, und ihre Schuld betrauert, würde ihrer beider Gefühlen ein ewiger Vorwurf bleiben; mit Christus wolle er freilich zu jedem sagen, der sie verdammen wolle: wer sich unschuldig fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie; aber diese Steine, die sie in seligen Augenblicken mit mancher sinnvollen Inschrift bezeichnet, sie waren schon drohend gegen das neue Glück gerichtet, das sich endlich nach treu überstandner Prüfung in wiedergewonnener Reinheit entwickeln müsse. Sie fühlte ganz wie er, und hätte auch in jedes andre gewilligt, was seine Ruhe gefördert hätte; sie sah ein, wie viel mehr er aufgebe in dieser Trennung, wovon er nichts erwähne: lange arbeiten und alle schönen Lebensplane, in der Jugend empfangen, vom mann ausgeboren in schönen, wohltätigen Einrichtungen, eigentlich alles, was ausser ihr ihm je wert gewesen – und hätte sie nicht schon so lange Reue ertragen gelernt, der Augenblick hätte sie vernichtet. "Aber wohin gedenkst du?" fragte sie in Verwirrung. – "Zu deiner Schwester", antwortete der Graf; "lies diesen trostlosen, schwarz gesiegelten Brief, worin sie den schnellen Tod des Herzogs uns anzeigt, der wahrscheinlich von der Verwandlung seiner ganzen Lebensweise dahin gerafft worden; sie schreibt es seiner Heiligung zu. Er lässt sie im Besitze eines unermesslichen Vermögens kinderlos zurück. – Ernstlich fleht sie uns an zu ihr hinzureisen; gern möchte sie unsere Kinder zu Erben einsetzen und erziehen; sie müssen unter ihren Händen, mit ihrem Segen gedeihen." – Der Stolz der Gräfin erwachte hier zum letztenmal. "Lieber Karl", sagte sie, "aber wie soll ich Schuldige vor der Frommen erscheinen?" – "Wie vor Gott", antwortete der Graf, "gestehe ihr deine Schuld, und ihre Liebe versöhnt dich mit dir selbst!" –
Drittes Kapitel
Abreise des Grafen und der Gräfin mit ihren Kindern
nach Sizilien
Nach dieser Unterredung wurde rüstig zur Ausführung des Unternehmens geschritten.
Es ist der Vorzug eigener sinnvoller Tätigkeit, die rechtschaffenen Männer leicht zu unterscheiden und sich anzueignen, auch der Graf hatte zweie der Art zur Verwaltung seiner Güter bald auserwählt, die seinen Kindern sie einst überliefern sollten; er nahm für immer von ihnen Abschied. Das Schloss in der Stadt sollte unverändert, aber unbewohnt bleiben, nur die Zeit, sonst niemand sollte daran ein Recht ausüben. Von seiner Dienerschaft sollte ihn allein der alte Bediente begleiten; doch sorgte er für alle. – O des ewigen Abschieds