1810_Arnim_005_122.txt

holden Sterne blicken

In den Becher froh hinein;

Zweifelnd bin ich im Entzücken,

Trink ich erst den duft'gegen Wein?

Soll ein Kuss mich erst beglücken?

Beides, beides ist nun mein!

Ratet mir treulich, liebliche Sterne,

Grüsse euch alle, nahe und ferne!

Fliehst du schon vor meinem Blicke,

Und verschüttest meinen Wein,

Führt mein Ruf dich nicht zurücke,

Ach, so bist du doch nicht mein!

Heisse Liebe, deine Tücke

Lässt mich schmerzlich hier allein,

Als ich meinem stillen Glücke

Wollte froh entgegen schrein;

Feurige Zungen sind da erklungen,

Aber mein Liebchen ist mir entsprungen.

Wandelt weiter, kalte Sterne,

Spiegelnd im vergossnen Wein,

Suchet ihr doch stets die Ferne,

Nah und ferne, nichts ist mein.

Nur der Tropfen, den ich hege,

Löset meines Herzens Klang,

Schweigend geht ihr eure Wege,

Euren stillen, gleichen gang;

Als ich noch hoffte, seid ihr erklungen,

Jetzt wie so stille, feurige Zungen.

allmählich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst übergegangen; er wurde sehr traurig, und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen, als der Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt, ein ehrwürdiger Greis mit weissen Haaren, sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte. – "Herr, Ihr seid nicht recht vergnügt wie die andern", sagte der Alte, "Ihr habt aber noch lange zeit vergnügt zu werden, ich aber bin traurig und alt, und werde wohl nie wieder lustig." – "Habt Ihr Schaden gelitten in Eurer Wirtschaft?" fragte der Graf – "Nicht so eigentlich", antwortete jener, "mein Vermögen ist nicht gross, aber ich habe mehr, als ich brauche, und doch bin ich ganz armseit ich meine Tochter verloren." – Graf: "Ist sie schon lange tot?" – Wirt: "Sie lebt noch; Ihr habt sie auch wohl vorher gesehen, aber sie scheidet so ab, sie ist schändlich betrogen worden; es ist eine traurige geschichte, und Ihr werdet sie schon noch erfahren. Seht nur da drüben den Nachbar Walter, der da seine Schafe in die Hürde treibt, dem war sie bestimmt; ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit den Schafen seines Vaters zusammen getrieben, und dachte gewiss, unsre Kinder würden sich heiraten. Es hat nicht sein sollen!" – Bei diesen Worten führte er den Grafen in ein Oberzimmer, das er für ihn und für den Geistlichen abgesondert eingerichtet hatte, und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung. Die schöne, blasse Hippolita trat sehr beschämt ein, aber der Graf machte ihr Mut; er fragte nicht nach ihren begebenheiten, und sprach ihr doch trostreich zu; sie eilte, so viel das übrige Geschäft im haus erlaubte, in das Zimmer zurück. Der Geistliche hatte bald durch Nachfrage bei den Gästen ausgemittelt, was es eigentlich mit diesem Mädchen für eine Bewandtnis habe. Ein Oberst, der dort im Quartier gelegen, hatte während der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche mit ihr trauen lassen, war den Morgen nach der Hochzeit, ohne ihr davon zu sagen, abgereist, und hatte die Nachricht zurückgelassen, dass er in seinem land schon verheiratet sei, diese zweite Ehe also ungültig werde. Ihr Kind war in der Geburt gestorben. In der ganzen Gegend, der sie sonst als ein stolzes Muster bekannt gewesen, wurde sie seitdem verachtet und verspottet. Dem Grafen tat diese Erzählung um so weher, je weniger er irgend einen guten Ausweg für das arme Kind entdecken konnte, doch war ihm zu Mute, als gehöre sie durch ihr Unglück zu seiner eigenen Familie. Sehr früh machte er sich den folgenden Morgen auf, doch war das Mädchen schon auf und brachte das Frühstück; der Graf bot ihr ein ansehnliches Geschenk, aber sie schlug es aus. Nach einem herzlichen Abschiede von Vater und Tochter, eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft, und bemerkte erst nach einer Viertelstunde, dass er den ihm vom Pater übergebenen Rosenkranz vergessen hatte. Der Rosenkranz war aus Loreto, und der Pater untröstlich; gleich eilte der Graf zurück, sprang ins Haus nach seiner kammer, und war sehr verwundert darin singen zu hören. Es war die Tochter, er horchte: sie sang ihr Unglück; er trat ein, fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand, und beredete sie, mit ihm nach der wundertätigen Mutter Gottes zu wandern, was auch ihrem Vater sehr lieb war. Der Pater war hoch erfreut, als er den Grafen mit der schönen Tochter und mit dem Rosenkranze zurückkehren sah; er betete eifrig auf dem Wege, die Pilgerin stimmte ein, und der Graf folgte. Der lange Weg war ihnen unbemerkt geschwunden, als die heiligen Bilder die Nähe des Wallfahrtortes bezeichneten; bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel, das rings um der alten Kirche wogte, wo man Kerzen einkaufte, und in die weihrauchduftende, hellerleuchtete Kirche trug. Hippolitens Schönheit wirkte da so mächtig, dass ihr jeder Platz machte, als sie nach dem Chore aufstieg, wo sie als Sängerin ihre Stelle verdiente. Sie sang wunderschön, alle sahen auf sie; ein paar schöne Knaben hielten ihr die Noten, ein paar andere bekränzten sie mit Rosen und blauen Trauben, ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidnen Bande: es war ein sehr schöner Anblick, wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen Gegenden ganz gewöhnlich sind.