; was ich gedacht, versteckt sich mir, was ich gefühlt, ist mir verloren; ich muss alles ewig von vorne beginnen; ich kann nicht schwärmen mit den Fröhlichen, nicht tätig sein mit den Tätigen, nicht ruhen mit den Trägen; das Überflüssige zu tun, verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir der Mut; was mich anregt, ist eine schmerzliche Spannung, meist lähmt mich eine klägliche Erschlaffung; noch denke ich, dass ich ein Zutrauen zu dir habe Herr, aber ich fühle nicht deine belebende Kraft!" – In diesem Augenblicke erweckten ihn die Glocken der Kirche; er gedachte, wie viel er seit früh an Gott gehangen und wie ihm doch alles Glück verloren; es wurde ihm in tiefster Seele, als gebe es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt, als sei alles vergebens. "Da läuft", sagte er vor sich, "das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle Ewigkeit und meint, darin etwas Gutes zu tun, es ist doch alles vergebens und umsonst; auch ich will einmal mitlaufen, will auch einmal beichten, will doch sehen, was mir die Dummheit raten wird, die dort an Gottes Stelle sitzt."
Wir werden es häufig bemerken in unsrer Zeit, dass Menschen der gebildeten Stände, die sich lange sehr religiös glauben, doch eigentlich die Religion nur als ein Gedachtes, als ein Nachdenken über die Welt bewahren, nicht als ein Notwendiges, Eingebornes, Anerzognes, nicht als einen Glauben; es gab für die meisten eine Zeit, wo sie viel dachten und der Religion vergassen; ihr Spekulieren über Religion hält selten gegen die Not und gegen das Glück aus; beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung, ihren eigentlichen Glauben. In einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche; er sah mit Verachtung, wie die Menschen so demütig aus den Beichtstühlen heraustraten, doch setzte er sich selbst müde in einen derselben, der im trüben Dunkel einer Kapelle stand, und wartete bis der Geistliche, der nach der andern Seite eine beichte hörte, das Ohr nach seiner Seite legen würde. Er hatte sich erst vorgenommen seine Sünde, den Versuch sich selbst zu ermorden, oder vielmehr sich ermorden zu lassen, nur ganz allgemein anzudeuten, so dass der Geistliche doch keinesweges ihn gleich erraten könnte. Wie sich dieser zu ihm wendete, sah er auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten, aus deren betränten Augen auch sein Schmerz floss; erst schien es ihm Dolores, dann glaubte er sicher, sie wäre es nicht gewesen. Bei diesem Anblicke wurde ihm der Beichtstuhl ganz vertraulich; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig, wie ein Verstorbener, und der Beichtvater, der beider Verhältnis zu durchschauen schien, gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf. Nichts auf der Welt war seiner Stimmung so angemessen; gleich tat er dem Geistlichen, der Pater Martin hiess, den Vorschlag, mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern, er verspreche ihm reichliche Belohnung. Pater Martin willigte fröhlich ein; er sagte, dass er schon lange seinem Bruder, der dort mit wenigen im Kloster zurückgeblieben, einen Wein zu kosten versprochen habe. Der Graf schickte nach haus und liess melden, dass er ein paar Tage ausbleibe, und so machte er sich mit dem Geistlichen auf den Weg, den er eben so furchtsam und verlegen betrat, wie er sonst keck darauf einher geschritten. Die Unterhaltung mit dem einfältigen Pater Martin war ihm bald quälend; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete so vor sich hin; aber allmählich ward ihm wohl in der einförmigen Wortfolge, bei der er bald an nichts dachte, als was Anfang und Ende sei; ganze Züge von Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein, das Gleichmässige trug ihn. Bald fühlte er, wie einfach das Menschenherz, bei jeder Wiederkehr des Gebetes ward es ihm immer heiliger, rührender; sein Auge blickte umher nach der untergehenden Sonne, und so kam er heiter in einem wirtshaus an, das einsam zwischen grossen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete. Die grössere Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus, um für Speise und Trank nach Lust und Geld zu sorgen. Wallfahrten sind die Badereisen der Ärmeren; sie arbeiten halbe Jahre, um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und übersinnlichem Genusse sich zu erfrischen. Der Graf war wenig geneigt zu beidem, er blieb vor der tür sitzen; Bruder Martin musste zwar aus Höflichkeit bei ihm bleiben, aber er bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustüre einen Becher Wein. Nicht lange, so erschien mit einem zinnernen Becher, der voll Wein, ein grosses schlankes, aber sehr ernstes Mädchen, ob es der Sternenschein war, der ihre Bakken bleichte, dem Grafen schien sie ungemein blass. Bruder Martin mochte auch diese Blässe bemerken und sie schminken wollen; er umfasste sie und hätte sie in allen Ehren geküsst, wenn ihr nicht sträubend der Becher mit dem Weine entfallen wäre. Das war kein Spass; er liess sie los und sah traurig in den leeren Becher, in dessen Neige sich die Sterne spiegelten. Der Graf hatte sich in der Stille ganz in ihn hinein gelebt, und fand darin einen besonderen Trost der eigenen Leiden; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurück, dass er in der Seele seines Begleiters dichtete:
Ein Trinklied beim Sternenklang
Liebe Hand, dich darf ich drücken,
Bringst mir einen Becher Wein,
Und die