also schliesst Gott ungleiche Ehen, auf dass eines helfe des andern Bürde tragen, und also sie beide bleiben in Ehren.'"
Diese Erzählung, die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt hatte, schien die Gräfin ernstlich zu beruhigen. Als ihr Mann nach ein paar Stunden sich zu ihr hatte führen lassen, erklärte sie ihm mit festerer stimme, sie habe keinen eignen Willen mehr, sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz, er möge ihr gebieten. Vergebens suchte er sie zu stärken, sie war innerlich in sich wie gebrochen, und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf. Oft wünschte er sich tot, um diesem zwangvollen Verhältnisse entnommen zu sein, denn selbst seinen Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen; aber das Leben hört selten auf unsre Bitten, nur gewaltsam lässt es sich regieren, hemmen und erwecken, und wem ist dazu ein Recht gegeben? Bald genas er völlig und durchstrich wieder dieses Schloss, diesen Garten, wo jede Stelle mit seinem Glücke, mit seinem Unglücke bezeichnet war, und alles das musste er verschweigen. Wem solch ein Verhältnis nie begegnet, der hat es doch sicher in unsrer Zeit allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt, dass Leute aus Rücksichten gerade von allem dem, womit ihre Seele einzig beschäftiget, kein Wort sprechen durften; so ungefähr sassen der Graf und die Gräfin häufig einander gegenüber und blickten seitwärts, um einander nicht abzusehen, was sie einander nicht sagen mochten. Sein Wunsch wäre eine Reise gewesen, weit in die Fremde, aber seine Frau liess sich nicht gerne sehen; jeder Besuch war ihr eine Qual; sie vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben. wunderbar, wie viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder, die mit jubel in der Welt aufgenommen sein würden, gehen in einem geringen zufälligen Schrecken unter, und dieses fluchbelastete Kind, das auf einem Tränenstrome in die Welt schwimmen sollte, hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten. Ein neuer Brief von Klelien drückte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus, sie schrieb so rührend von ihrem Glücke, von ihrem mann, der ihr der Brennpunkt aller Tugenden, aller Frömmigkeiten war, und nun sah sie mit grossem Bedauern rings um sich, wie so alles, was der Herzog und sie auf den Gütern schaffe, einst in fremder Hand wieder untergehen werde, da der Lieblingswunsch ihres Mannes unerfüllt bleibe, dass sie ihm Kinder schenke. Sie fragte sich, um welcher Sünde willen Gott ihren Leib verschlossen; ja sie wünschte sich den Tod, um ihrem mann diese Freude durch eine andre Gattin gewähren zu lassen. – Diese Frömmigkeit des Herzogs, die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint, täten wir unrecht, ganz zu bezweifeln; auch die Anlage zur Frömmigkeit war in ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt, aber freilich nicht lange; die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores, die er bei ihr las, hatten ihn damals zu ihr hingezogen; seitdem bemächtigte sich seiner eine abergläubische Furcht, er hatte die Laster überlebt; jetzt war es nicht bloss Sinn für Frömmigkeit, die ihn an die Wallfahrtsörter Siziliens, zu allen Geistlichen trieb, er schwindelte in die Frömmigkeit hinein, die seiner Frau eigen; es war ihm ein neuer Reiz, den er aber immer neu steigern musste; die Religion ward ihm eine neue Art Opium, seine natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern konnte. So lebte der Sünder wahrlich nicht unglücklicher als der Graf, den wir doch zu den Bessern rechnen müssen; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung und das Laster endigt früher und geht unter, während die dauernde Tugend mit allen Hindernissen ihrer entwicklung kämpft. Das unnatürliche Verhältnis des Grafen zu seiner Frau, das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war, musste sein Inneres ausleeren; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal die Freiheit, sich nach anderen Richtungen auszubreiten, seine Geschäfte, die er sonst mit Lust getrieben, kosteten ihm unsäglich viel Mühe und Überwindung; er suchte sich Liebhabereien anzugewöhnen, um dadurch beschäftigt zu sein, schaffte kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel, wollte ein Buch über Staatskunst schreiben, das er lange entworfen, und wusste nicht, was er schreiben sollte; mit dem Glücke waren ihm alle Gedanken verschwunden. Als er einmal so in seinem Zimmer umhergeschwankt, sich hundert Federn geschnitten und mit keiner geschrieben, hundert Bücher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte, da fand er sich so verwirrt, so öde, so matt und krank, dass er beten wollte und nicht zusammenhängend sprechen konnte; keine Träne wollte ihn erquicken. Draussen tobte ein Marktgewühl auf der Strasse, in ihm war alles so stille, er setzte sich nieder und schrieb. "Erkenne Herr, der du die Welt gefüllt hast, diese Leere meines Herzens, diese Leere meiner Gedanken, befreie mich von Qual und Angst, nirgends halte ich mich, nichts hält mich, ich schwanke und muss vergehen, stärke mich Herr; wo ich mich suche, da finde ich mich nicht, wo ich dich suche Herr, da fühle ich nichts, mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht vergessen; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir ein Schrecken. Ich fühle mich, dass ich nie so traurig war, wie in diesem Augenblicke; was mich betrübt, ist keine Tat, kein Gedanke, kein Wort, vergebens bemühe ich mich, es zu sagen