vergebe meinen Schuldnern, tue desgleichen. Nicht unsre Rache, aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen, der den Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden. Lies diesen Brief deiner Schwester, welch ein frommes Glück ihr der Verruchte gestattet, in ihrer Nähe wird alles gut, – wir dürfen diese Ruhe nicht stören. Nur eins fehlt ihrem Glücke, Kinder; sieh, du bekommst ein Kind, das uns zum Fluch geworden wäre, lass es ihr Segen sein; sie fleht mich an, ich hatte ihr deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkündet, sie fleht um eins meiner Kinder, dass sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung schenke, – lass dieses Kind, das noch unter deinem Herzen sich regt, zu seinem rechten Vater kehren, deine Schwester wird es schützen gegen ihn. Wir aber wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben, das fordert dein guter Name, – wir wollen zusammen leben, als trennten verschiedne Zeitalter unsre Liebe, oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes, in Freundschaft, in gegenseitigen Wohltaten und Diensten – ohne Reue, so vergnügt es sein kann. Uns ist viel Gnade geschehen, wachen wir über uns."
Nach diesen Worten, die er langsam ausgesprochen, hatte sich die Gräfin ihrer niederdrückenden Beschämung ermeistert, dass sie seine Hand küssen und vernehmlich sagen konnte: "Du bist allzu grossmütig, du edles Herz, das ich leichtsinnig verspielet, selbst deine Grossmut rechnest du dir als Schuld an; wie soll ich vor Gott bestehen; lass mich einsam in einem Kloster meine Schuld büssen, vielleicht können die Jahre uns wieder ausgleichen; Gott vergebe dem Herzoge, ich kann ihm nicht vergeben, vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in Reue." – Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer; der Graf stand gegen das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf, aber er fühlte einen grossen Schmerz, er klingelte und der alte Bediente kam. – "Hör", sagte er, "geh zu meiner Frau, sei nicht neugierig, sei verschwiegen, vielleicht erfährst du einmal alles; jetzt hüte sie vor Unglück, ermahne sie zu allem Guten, du hast ihr Zutrauen."
Der Alte wusste nicht, was er sagen sollte, doch meinte er, dass schon lange nicht alles gewesen, wie es sein sollte. Er ging zu seiner gnädigen Frau, musste aber vor der tür warten; sie hatte sich eingeschlossen. Nach einigen Minuten gab sie ihm einen Brief heraus, an ihren Mann, und so mehrere bis zum Abend – Briefe so zerreissend jammervoll, wie kein Schuldloser sie schreiben kann; der Graf antwortete ihr ernst, aber trostreich. Den folgenden Tag war sie so ermattet, dass sie im Bette blieb, aber den Alten zu sich hereinrief; sie war sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen, er war es von Jugend an gewohnt; jetzt kränkte es ihn tief, seine Gräfin so in sich zerknirscht zu finden, dass sie ihm wie einem Gerechten, dessen Urteil sie fürchtete, lange Entschuldigungen vorausmachte. Sie konnte es nicht lassen, ihm ihre geschichte unter vielen Tränen zu erzählen; sie musste einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit war sie völlig gewiss. Der Alte ärgerte sich innerlich, dass er alles das mit seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert; er tröstete sie nach seiner Art recht gut. Am Schlusse ihrer beichte sagte sie: "Ist Gott gerecht, dass er dem frommen mann, meinem Grafen, ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner frommen Schwester einen so lasterhaften Mann?" – "Liebe gnädige Frau, wer so gefehlt hat, soll Gott nicht verurteilen; mir fällt eine alte Erzählung bei diesem Vorfalle ein, die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt; wenigstens vertreibt sie Ihnen die böse Zeit. – Als unser Herr Christus mit Petrus noch auf Erden wandelte, kam er einst an eine Wegscheide: da wussten alle beide nicht, welches ihre Strasse; denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein, damit ihn die Menschen verstehen könnten. Nun stand aber ein Baum allda, unter dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt. Der Herr fragte ihn freundlich nach dem Wege gegen Jericho; der träge Bauer antwortete ihm aber kein Wort, sondern stopfte sich das Maul immer voller und ass fort, als stände niemand vor ihm. Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen Weltgegenden hinausgesehen hatten, da kam eine Magd gelaufen von weiter, die Sichel in der Hand, die Schürze halb voll von Gras, die hatte ihre Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt, und fragte, wohin sie gedächten, und geleitete sie weit hinaus auf den rechten Weg, von dem sie abgeirret waren; dann lief sie eilig zurück nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld, und hörte nicht einmal auf ihren Dank. Da sprach Petrus: 'Meister, die Guttat zu belohnen, musst du ihr einen wackern Mann bescheren.' Da sprach der Herr: 'Der faule Knecht, der dort im Schatten sass und zu träge zum Sprechen war, der wird ihr Mann.' Und als sich Petrus darüber verwunderte, sprach unser Herr weiter: 'Der Mann würde gänzlich verderben ohne eine fromme gute Frau; die Frau aber würde sich zu viel einbilden auf ihren Fleiss, auf ihr Geschick, denn Eitelkeit tritt der Tugend in die Fussstapfen;