, dass der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte, mit seinem Sohne den blutigen Körper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug, ihn dem leeren Mitleid und der widrigen Neugierde zu entziehen. Hier konnte ihm der Stadtwundarzt, der auch Mitglied der Schützengilde war, ungestört die Kleider öffnen und die Wunde untersuchen. Gegen seine Erwartung fand er, dass die Kugel an einer Ribbe, die sie streifend zerschlagen, abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe, auch fanden jetzt die Schützen die Kugel in der Wand des Schiesssaales eingeschlagen, welches im ersten Schrecken übersehen worden; die weibliche Furchtsamkeit der Gräfin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrücken den Lauf von der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet. Sobald diese gebrochene Ribbe ausgebogen und einige Stärkungsmittel ihm eingeflösst waren, atmete der Graf wieder auf, er dachte in einem anderen Leben, und sah sich wieder in dem verhassten bekannten Kreise, in demselben Leben, das ihm schon unerträglich gewesen, noch mit der Last einer schweren Wunde auf das Krankenlager gestreckt. Der Wundarzt wollte es nicht wagen, ihn noch den Abend nach dem schloss bringen zu lassen, und so musste er über sich den ununterbrochenem jubel der tanzenden Menge hören, die gleich befriedigt, als er am Leben gefunden, seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwärmte. Die Nachricht von seinem Leben, von der wahrscheinlichen Gefahrenlosigkeit seiner Wunde gab der Gräfin das Leben wieder; erschöpft wie sie war, liess sie es doch nicht, zu ihm zu eilen, und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen, die nur Liebe gewähren kann. Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein. Dieser letzten Gemütserschütterung schien es zu bedürfen, die eitle Hülle, die sie lange gegen ihn verschlossen, ganz zu durchbrechen; hörte sie doch die ungeheuchelte anhänglichkeit aller Diener an ihn, so wahr, so unverstellt. Nicht seine dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen, wenige Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu genügen. Sie scheute keinen beschwerlichen Dienst, selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen Seite lernte sie ertragen; – noch wusste sie nicht, dass ihre Schuld ihm diese Wunde geschlagen, aber schon die blosse zufällige Ursache derselben gewesen zu sein, war ihr unerträglich. Die dauerhafte Gesundheit des Grafen füllte den wilden Riss in seinem schön vollendeten Bau schneller, als der Wundarzt erwartete; wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf sein Schloss getragen werden; hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau. Mühsam versteckte sie ihm den fürchterlichen Eindruck, den Abscheu gegen den Herzog, der mit so überlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte; wäre der Graf nicht krank gewesen, sie hätte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufentalt in abgeschiedner Gegend von ihm erfleht.
Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne wirkung vorüber gegangen; die Pflege seines Körpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren Bau, dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt, wie die Schmerzen mit den Stunden kamen, und dem Einflusse ferner Kräuter wichen. Es war ihm, als hätte er eine ungeheure Schandtat getan, und frevelnd, um eine Schickung Gottes abzulenken, statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen, dieses heilige Werk Gottes, sein Ebenbild zerstört. In der Fieberhitze glaubte er sich der schändliche Judas, der sich selbst umgebracht, nachdem er den Herren verraten, und der Wundarzt konnte nicht begreifen, wie sein Zustand sich wieder so plötzlich verschlimmerte, besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle, von dem er immer spreche. Auch diesen Kampf überstand er; er trug zwar noch einen Verband und durfte nicht von seinem Lager, aber er war schon so gut wie hergestellt: da sass seine Frau am Bette, als er einen Brief erhielt, den er rasch öffnete und nachdenklich las; er schwieg den ganzen übrigen Tag. Die Gräfin, vor sich selbst neben ihm sinnend, befestigte sich immer mehr in dem Entschlusse, ihm ihre Schuld ganz zu bekennen; sie glaubte ihn jetzt stark genug, diesen Schmerz zu ertragen. Nach einigen Schaudern warf sie sich plötzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder, verhüllte ihr Gesicht und schluchzte: "Ach weh mir armen Sünderin, es schnürt mir den Hals zu, ich kann nicht sprechen." – "Was ist dir?" fragte der Graf erschrocken. – "Tue mit mir, wie du willst", schluchzte sie, "ich habe mich schwer an dir versündigt"; weiter konnte sie nichts vorbringen. Der Graf fuhr mit einer Hand über ihre Wangen, und bemühte sich an einem arme sie aufzurichten, aber vergebens; endlich sagte er ihr gefasst: "Hör mich wenigstens jetzt an, bemühe dich, mich zu hören. Auch ich habe dir zu beichten; was du gesündigt, weiss ich, was ich getan, sollst du hören. Du hast die Treue gegen mich gebrochen; ich wollte dich zu meiner Mörderin machen; es war kein Zufall, dass meine Büchse geladen war, Gott weiss es allein und ich, es sollte meine Rache sein, dass ich durch dich so wie für meine Ehre gestorben; ich dachte verblendet mir etwas Grosses darin und der Frevel verbarg sich meinem verstand. Des himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen abgeleitet, aber stark angeklopft, dass es sich bessere; der Herr vergibt mir meine Schuld, wie ich