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Tage wenig zu trommeln; einige Ehrenschüsse von gelehrten Magistratspersonen fielen sogar in das Hausdach des Bezeichners; wahrscheinlich weil sie aus einem versehen, das den Gelehrten und Regierungen eigen, ihm die Schuld des Nichttreffens aller ihrer wohltätigen Gedanken zuschrieben, und ihn warnend an seine Schuldigkeit erinnern wollten. Ein alter Invalide im roten Rocke, der, wie ein dünner Kometenschweif, drohend an dem hellen Sterne der blanken Zinnbude hing, schüttelte mit dem kopf dabei, drehte sein Glücksrad und rief: "Auf gut Glück". Die Würfel klapperten und die am längsten sich zurückgehalten, waren nun am hitzigsten darauf. Seht da, ein Knabe gewann einen grossen Grenadier von Pfefferkuchen, der auch in einem Augenblicke von drei andern zerrissen war. Mitten durch den Zank drangen andre mit bunten Fahnen, wie frische Truppen, und die Waldteufel brummten wie das schwere Geschütz. Den ganzen streitigen Haufen trieb ein Polizeidiener als Schlachtengott mit wenigen Ohrfeigen aus einander; es endete heute doch gar nichts lustig. – Es wurde später und die Musik und die Tabakswolken zogen in die oberen Säle des Schiesshauses; die Leute waren es müde, den schlechten Schützen zuzusehen. – Der Graf hatte sich den letzten Schuss ausgemacht; er tat den besten, das Herz war in der innersten Mitte durchgebohrt, der Bezeichner warf seinen Hut in die Luft und sich auf die Kniee; der Trommelschläger wirbelte, die Scheibe wurde von den Kronbedienten beschaut, sie gaben den Kanonieren das Zeichen; alles Volk drängte sich herbei und jubelte; der Graf wurde gekrönt und für den Augenblick war er wirklich der anerkannteste König der ganzen Welt. Nachdem er die Krone abgelegt und den Ehrentrunk getan hatte, trat er zu seiner Frau, die ihren Beifall in ihrer Art zu erkennen gab, indem sie ihm trotzig versicherte: "Hätte ich mitschiessen dürfen, du wärst sicher nicht König geworden, aber so lasst ihr Herren uns nicht dazu." – Der Graf antwortete neckend: "Ich glaube, du hast nicht den Mut ein Gewehr loszudrücken, wenn es auch nicht geladen." – "Das möchte ich versuchen", sagte sie ganz keck. – "Du hast noch keine altdeutsche Büchse abgedrückt", sagte er. – Er nahm seine zweite Büchse, die dort liegen geblieben ungebraucht, spannte den Hahn, stach sie und gab sie seiner Frau zum Losdrücken in die hände, während er vorne die Schwere der Büchse mit Hand und Brust unterstützte. Lachend hielt er die Büchse, lachend drückte sie ab; krachend blitzte der Schuss auf, dass ihr das Gewehr zur Erde entsank, der Graf stürzte zu Boden. Im ersten Augenblick war es nur der Schreck des Knalles, der sie und die Umstehenden betäubt hatte; als sie aber den Grafen in seinem Blute erblickte, stürzte sie nieder und wurde sinnlos nach haus getragen.

Vierte Abteilung

Busse

Erstes Kapitel

Des Grafen Genesung. Wallfahrt

Wenn ein heiterer Erzähler zur Unterhaltung seiner Zuhörer schauerliche Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht, indem er alle dem tod opfert, mit deren Fortleben er nichts anzufangen weiss, so übt er zwar darin das Recht der Zeit, die ihre Welt, welche sie geboren, zu höherer Umwandlung wieder vernichtet, aber nicht ihre mütterliche Liebe, und nie erreicht er ihren hohen Sinn, mit welchem die wahren begebenheiten die meisten Dichtungen überragen. Der kühne Mensch, in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat, ist oft jenem leichtsinnigen Erzähler im eigenen Leben gleich, er entzückt sich mit einem Gedanken und verliert sich daran; vergebens warnt ihn seine gute Mutter, die Zeit, dass er sich selbst nicht gehöre, sondern ihr, so lange er noch unmündig sei. Der Kühne möchte sich und ihr voreilen und sie muss ihn gehen lassen mit abgewendetem gesicht auf dem eigenen Wege; leider fällt er bald und kann sich nicht helfen und jammert; noch gibt sie ihn nicht auf, sie steht ihm bei und betrachtet ernst, ob ihn die Reue noch bessern könne, da es die Liebe nicht vermochte. Gewiss, die reuige Busse kann viel, sie ist die wirksamste Kraft in den grossen begebenheiten wie in den kleineren des häuslichen Kreises; ihre Wiedererzeugung, bald unbewusst, hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten der Zeitalter geheilt, so verschieden sie immer erscheinen mochte. Bald war die Busse ein zerknirschendes Betrachten, ein Selbstquälen, bald ein tätiges Vernichten des eignen falschen Strebens, in einem Handeln nach entgegengesetzter Richtung; keine Busse darf die andre verachten, jene scheint mehr der geistigen Sünde geeignet, diese geziemt der tätigen ausgeführten Lastertat. Die eine Busse ist die höchste Kraft und Auszeichnung des Menschen. Die natur hat es ihm versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu ergänzen, aber sie gab ihm dafür diese Kraft geistiger Wiederergänzung, und selbst die Tiere, wie sie sich ihm nähern, verlieren jene Eigenschaft ihres Körpers, um dieser geistigen sich zu nähern; die vom Menschen gezähmten mächtigsten Tiere wünschen und erfreuen sich der Busse, wo sie ein Unrecht getan, sie wissen es weder schön noch gut, noch heilig zu machen, sie wollen Strafe. Auch der Mensch unterziehe sich willig der Strafe, wo die Busse ihn nicht ganz erneuen kann: die Strafe ist die Ergänzung der Busse.

Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam ergriffen als die Gräfin; doch waren die meisten allzusehr in ihren trägen Betrachtungen gestört, um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich hülfe zu leisten; vielmehr verdarb die Menge der durch Türen und Fenster eindringenden Menschen die Luft so schnell