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, die alle wahr geworden, dass ihm sein Leben und die Welt zu einem Chaos verschwamm; Geister gingen bei ihm aus und ein, sein Hirn war wie der Blocksberg in der Mainacht. Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm zu weinen; ihr Mitleid schmerzte ihn und er schloss die Laden der Fenster. Bald setzte er sich und sass im Finstern sinnend die ganze Nacht; der Unglücklichen wollte er schonen, aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht; er hätte sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben können, und wäre es gleich ein Gesalbter des Herrn gewesen, der so nichtswürdig mit dem Glücke seines Lebens sich einen schönen Abend gemacht. Seine Vorstellungen verwirrten sich allmählich und verwandelten sich; er verschloss sich als die ersten Bewegungen im haus des Tages gleiche Geschäfte ankündigten, die Mägde lachend die Treppe hinunterstiegen, um Feuer zu machen, die Bedienten anfingen Kleider auszuklopfen; er hörte das alles wie ehemals, in ihm nur war alles aus. Häufig schloss er sich früh ein, um zu arbeiten; durch eine Klappe, die er zu diesem Behufe eingerichtet, wurden ihm Frühstück und angekommene Briefe hineingeschoben. Lässig sah er darüber hin, was sich heute durch die Klappe zu ihm rückte; doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel, einen Brief zu eröffnen, der an ihn, wie alle ihre Briefe, gerichtet war. Sie erzählte mit einer heiligen Freude ihr Glück, den geliebten Herzog wieder zu besitzen; zwar sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend, aber sie hoffe bei dem ruhigen ländlichen Aufentalte an ihrer Seite, der jetzt das einzige Ziel seiner Wünsche geworden, ihn bald genesen zu sehen. Weiter erzählte sie umständlich, dass er von einer Wahrsagerin, Arnika Montana gewarnt worden, Sizilien nicht zu verlassen, weil ein Unüberwindlicher nach seinem Leben trachte, worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe, um sich eine himmlische zu erflehen. Nun da sie ihres Aufentalts gewiss und von Geschäften fast über ihre Kräfte angestrengt werde, ladete sie zum Schluss ihn und seine Frau als ihre nächsten Blutsfreunde recht dringend ein, sie auf den Trümmern einer grossen alten Welt in einer blühenden neuen zu besuchen, insbesondere da ihr Mann, der Herzog, unter dem Namen eines Marchese D ... ihrer beider Beifall gehabt, wie er ihr erzählt habe, auch viele Verbindlichkeiten für die genossene Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre.

Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf über diese wunderbaren Nachrichten, über die Tiefe der Bosheit, über die List, durch Übernahme der Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle möglichen Entdeckungen zu hemmen; aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das heitre Glück, das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin, aus besseren Tagen über ihn, den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte, und sich so warm mit der Kälte mischte, in der er erstarrt war, dass ihm beide Pistolen aus der Hand fielen, die eine, die er gegen seinen Beleidiger, die andre, die er nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte. Es schrie in ihm laut auf, um dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen; wer vermag ihr den Mann zu rauben, an dem ihr bescheidnes heiliges Glück wie ihre Seele am Glauben Christi hängt. Diese Erhebung über sich selbst gab ihm einen Plan, eine Überlegung, eine Sicherheit, die ihm sonst nicht eigen; es war ihm, als stände er sich selbst wie ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege, den er entweder sprengen, oder abtragen müsse um Aussicht zu gewinnen. Wir wissen alles und können als Vertraute seinen Entschluss in Wahrheit berichten; den meisten schien Zufall, was Absicht in ihm gewesen.

Dreizehntes Kapitel

Das Königsschiessen

Als er noch so nachsinnend auf und nieder das Zimmer mit heftigen Schritten durchmass, und die Briefe seiner ersten Liebeszeit, die er sorgfältig bewahrt hatte, verbrannte, da verkündigten draussen drei Kanonenschüsse den Anfang des grossen Königsschiessens. Der Graf, der ein Freund dieser Belustigung und einer der sichersten Schützen war, erinnerte sich, dass alle auf seine Ankunft warten würden; auch die Gräfin, die eine Vorliebe für alle männliche Ergötzlichkeiten hegte, hatte versprochen sich späterhin einzufinden. Er brachte die beiden altdeutschen Büchsen, die ihm vom Doktor aufgezwungen waren, und die übrigen Schiessgerätschaften nach seiner Gewohnheit selbst zusammen und in Ordnung, klingelte und liess sich das grüne Schützenkleid geben, worin er das grüne Husarenkleid verwandelt hatte, in welchem er seine Frau zuerst erblickt, und das er trotz seiner verschossenen Farbe noch immer sorgsam bewahren liess. Ehe er noch das Haus verlassen, liess ihm die Gräfin sagen, sie würde bald nachkommen, sie habe schlecht geschlafen und sich dadurch in ihrem Anzuge verspätet. Sie sah ihn erst im bunten Gewühle des Schützenplatzes wieder, wo an diesem Tage nach einer Scheibe geschossen wurde, deren Mitte ein brennendes Herz bezeichnete. Witzige Köpfe wollen bemerkt haben, dass der alte Schütze Amor bei solchen Königsschiessen häufiger und sicherer treffe, als die jungen Schützen in ihren neuen steifen Uniformen, in denen noch die Tuchlagen nicht ausgetragen; fast sollte man jenes wenigstens aus dem Drängen der Menge, aus dem Gekreisch der Mägde schliessen, aus den einzelnen Paaren, die weit in das Getreide abirren, aus dem steten Durste, der an tausend Krügen klappt, denn die Liebe macht durstig und tapfer und daher schliesst sich auch gewöhnlich das fest mit einigen Raufereien. Gewiss ist's, der uralte Trommelschläger in der uralten Bortenmontur, hatte an dem