Tugend ihr ewiges Fortleben zieht; Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen, leben ein gleiches Leben wie die Kinder der treuen Unschuld; wehe aber der armen Unschuld, die aus solcher Schuld hervorgehend, wie ein rächender Engel zwischen die Eltern tritt. Die Gräfin musste sich nach drei Monaten eingestehen, dass sie wiederum Mutter werden würde, ihr Bewusstsein sagte strafend, dass es eine Frucht ihrer Sünde sei; der Graf, ohne Verdacht des Bösen, freute sich herzlich des neuen Segens; Sorgfalt für das Wohlsein seiner Frau beschäftigte ihn ganz, und wenn sie zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise, eines gefährlichen Sprunges zu entalten errötete, so schrieb er es immer auf die Art von Scheu, die jungen Frauen gegen ihre Männer so wohl lässt, als wenn sie gleichsam fürchteten, ihre Vertraulichkeiten möchten an den Tag kommen. Mancher innere Vorwurf beängstigte sie und ihr Zustand selbst, indem er sie beängstete und beschränkte, zwang sie zur Betrachtung; oft schwebte das Geheimnis auf ihrer Zunge, vielleicht wäre alles durch ein offenes Geständnis gebessert worden, aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses unmöglich, der jeder Tag neue Angedenken unumschränkter Verehrung brachte; es schien ihr sogar eine sträfliche Grausamkeit ihrem glücklichen mann den geheim ernstvollen, von der natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in die Welt, nach ihrem bösen Glauben zu entüllen, und das Kind nicht auf Rosen, sondern von Schlangen umwunden zu zeigen. Dieses war eines Abends das letzte Resultat ihrer Betrachtung: sie wolle schweigen; da kam ihr Mann und sprach mit ihr scherzend, ob es ein Knabe oder ein Mädchen würde, und sie legte ihm die Karten, es wurde ein Knabe. Nun dachte sie, wie er heissen solle, der Graf meinte, Johannes, dem Marchese zu Ehren; "wie mag es wohl kommen", sagte der Graf, "dass keine Nachricht von ihm kommt, er ist wie verschollen, ich fürchte fast für ihn." – Die Gräfin beruhigte ihn und sie gingen zu Bette; sie schlief unbesorgt ein und dachte nicht daran, dass ihre eigne Zunge, ihr ungetreu, verraten könnte, was auf ihrem Herzen lastete und was unter ihrem Herzen ruhte! So ist's aber mit der eignen Verkehrteit des Traumwesens, und sie hatte, ohne es zu wissen, denn ihr Mann mochte nicht darüber klagen, wie oft sie ihn damit aus dem Schlafe gestört, die Schwäche, in fieberhafter Wallung des Blutes, woran sie jetzt oft litt, laut und vernehmlich im Schlafe zu reden, nachdem sie mit den Zähnen einigemal geknirscht hatte. Aufmerksam auf jeden ihrer Wünsche, meinte der Graf erst, seine Frau verlange etwas, und horchte ihr zu; bald merkte er, dass sie wieder im Schlaf rede und wollte sich auf das andre Ohr legen, als ihn einige Worte aufmerksam machten, und immer aufmerksamer. Wohl der Welt, dass es finster war und dass keiner die steigende Verzweiflung seines Angesichts gesehen hat, als sie in einem ausführlichen schmerzlichen, oft von Schluchzen unterbrochenen gespräche ihrem mann die schwere Schuld, die Schuld seines Freundes, des Marchese bekannte, und alles wahr machte, was ihm in der letzten Zeit wie leere Traumbilder voller Verstandesverwirrung erschienen. Gern hätte er sich für wahnsinnig in dieser Stunde gehalten; aber er fühlte den Bettpfosten, worauf er sich hielt, sah die bekannten Fensterritzen, durch welche das Licht sanft einschlich, und mehr als alles, er hörte sich selber aus ihrem mund in dem wahrhaften Dialoge, der nur dem Traume und halbverrückten Dichtern eigen, seine eigne Art zu antworten, in stimme und Gefühl, das sie nicht nachsprach, sondern was er in sich verschloss, aus ihrem mund heraus schreien; er hörte, wie er mitleidig zweifelnd sie zu überreden suche, das sei alles nur Täuschung im Traume von ihr, sie aber erinnerte ihn an ein goldnes Halshand aus einer goldnen elastischen Schlange, das sie noch bei seiner Rückkehr getragen, ein Geschenk des Marchese, worauf der Unglückstag eingestochen. Nun hörte er aus ihrem mund, wie er raste, wie der Tod so schön sicher vor ihm stehe, es wurde ihm dabei als lebte er wirklich ganz in ihr, wie er in seinen ersten Worten von ihr, in erster Liebe von ihr gesagt hatte: "Ich hauchte meine Seele im ersten Kusse aus!" Da sprach sie aus seinem mund mitleidiger zu sich, er wolle ihr alles vergeben; aber warnend sang sie ihm ein Lied, das damals viel gesungen wurde:
Mich reut die Schmink, der falsche Fleiss,
Der mich vom Mann gewendet,
Die Sonne schien, ich baut aufs Eis,
So war ich ganz verblendet.
Nun wird es heiss, fort zieht das Eis
Und meine goldnen Schlösser;
Wie ruft es doch im Flusse leis,
Da drunten wär es besser.
Und wie sie in das wasser fällt,
So wird sie festgehalten,
Der Mann, dem sie noch wohlgefällt,
Fasst ihres Schleiers Falten.
"Lass mir den Schleier, halt mich nicht,
Lass still mich 'nunter ziehen,
Denn mein verstörtes Angesicht,
Das kann von Scham nur blühen."
Der Strom ist stark, sein Arm zu schwach,
Er will sie doch erfassen,
Ihn zieht verlorne Liebe nach,
Er wollte sie nicht verlassen.
Kaum hörte er das noch, und schon stürzte er hinaus auf sein Zimmer, legte die Stirn gegen die Mauer, druckte die Augen ein; er fühlte sich in einem Gewebe von Ahndungen