1810_Arnim_005_113.txt

ich keinem schade,

Denke still bei mir an ihn,

Und erfleh für ihn des himmels Gnade,

Und so will ich fromm verblühn.

Alte Jungfer will ich bei dir werden,

Blühen unter Schnee und Eis,

Denn kein Jüngling, den ich sah auf Erden,

Hat verstanden meine Weis.

MUTTER:

Wie ein Vogel, der im Fluge träumte,

Sinket auf des Sees Flut,

Siehst du bald im Spiegel die versäumte

Aufgeschreckte Liebesglut,

Dass der Jugend goldne Zeit verrinne,

Lieblos über Lieb hinaus;

Sieh hinaus, was dir dein auge gewinne,

Ob's ein Hüttchen, ob's ein Haus.

"Und darüber können Sie lachen?" fragte der Marchese, "jeder andre dürfte dabei lachen, nur Sie nicht, die von dem mann so zärtlich gewarnt worden, den Sie nicht verdienen." – Die Gräfin rief ihm erbleichend in einem Übergang vom Staunen zur Wut: "Und Sie können mir das sagen?" – Der Marchese wollte sanft einlenken; aber wer die tiefe Kränkung einer Frau kennt, die sich hart behandelt fühlt von einem, dem sie sich liebevoll hingegeben, und die Angst eines Gemüts, das sich der Wahrheit noch nicht lange verschlossen, und wo hinein sie sonnenhell plötzlich aus einer Gegend scheint, woher sie nie etwas davon geahndet, der kann sich die fieberhafte Hitze erklären, die abwechselnd das Leben des Marchese in Gefahr setzte, und ihm dann wieder demütig schmeichelte; denn selbst seine spielende Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewussten Schuld. Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft mässigen. Der Marchese ging von ihr mit dem Entschlusse, den andern Morgen abzureisen, sie wünschte ihm alles Unglück auf den Weg, das er über ihr Haus gebracht, dass er vom höchsten Felsen stürze, wie die Verräter in Rom. Wir ziehen einen Schleier über sie, denn es gibt Grenzen, wo der Zorn auch des schönsten Weibes aufhört, schön zu sein. Der Marchese war solcher Szenen gewohnt; er machte alle Anstalten zur Reise und hatte sich auf sein Lager gestreckt, und schlief schon; aber die Gräfin liessen tausend Leidenschaften nicht ruhen, sie musste auf, sie musste dem verhassten Geliebten noch einmal alles sagen, was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen. Sie schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke, der ihr unbemerkt über die Hand geflossen; der Marchese erschrak, er fürchtete die Gewalt ihrer Rache nicht, aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen; doch er irrte sich zweifach; ohne eine Begierde, ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette, ihm alles das noch einmal vorzuhalten, was er schon so oft gehört, wie er jede Treue ihr und ihrem mann gebrochen, jede Liebe unnatürlich betrogen und verletzt, jede Rache, jeden Hass teuflisch in ihr geweckt. So sprach sie im ew'gegen Einerlei, dass ihm, wie ihm noch nie geschehen, fast alle Gedanken wahnsinnig vergingen; er hätte sie umgebracht, wenn nicht der wiederkehrende Tag sie in ihr Zimmer zurückgeführt hätte. Der Marchese stand gleich auf und reiste ab; um alles aufsehen zu vermeiden, schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der Stadt, die sein Bedauern ausdrückten, dem Befehl seines Hofes, der ihn so plötzlich entfernte, folgen zu müssen. Die Gräfin war zu heftig bewegt, um sich krank zu stellen, sie veranstaltete einen Ball, und überliess sich dem Tanze so ganz, dass wenn sie einen Tänzer gefunden, der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt gewesen, sie wahrscheinlich nicht den nächsten Morgen erlebt hätte, wo sie nun wie zerschlagen, matt und erschöpft, die Ärzte kommen liess, welche die ganze Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben, wogegen sie schon so oft vergebens gewarnt worden. "In jedem Ballsaal", meinte der eine, "sollte auf Befehl der Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein, die an Auszehrung und Lungensucht krank liegen, ferner Abbildungen in Wachs von der Zarteit der Lungen." Wie roh dieses Völkchen meist den Menschen nimmt; ist nicht alles Leben ohne Freude die drückendste Krankheit, und darum ist die arme Gräfin schwer krank, ungeachtet die Ärzte ihre völlige Besserung versichern; sie kann nicht aus den Augen sehen und ist doch nicht blind, sie hört niemand und ist doch nicht taub, sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm. In diesem Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklärlichen Abreise des Grafen vom Landschlosse; zwar war dies nichts Ungewöhnliches, selten erklärte er sich über kleine Geschäfte, die ihn irgend wohin beriefen; diesmal wurde sie doch dadurch erschreckt, sie wusste nicht warum, es war ihr aber, als könnte er ihre Schuld wissen; ja gegen Bekannte, gegen Diener selbst war sie ungewöhnlich nachsichtig, immer in dieser einen Furcht; bei allem, was rasch durch die Zimmer ging, erschrak sie; sich selbst konnte sie nicht begreifen, weder wie sie jetzt sei, noch wie sie dazu gekommen. Der Mangel an Nachrichten von ihrem mann machte sie seinetwegen bange; sie träumte von Zweikämpfen und sah ihn oft blutend vor sich stehen, wie er sein Blut ihr mit Vorwürfen ins Gesicht sprützte; langsam vergingen ihr die Tage und schwer die Nächte.

Eilftes Kapitel

Heimkehr des Grafen zur Gräfin

Etwas über vier Wochen waren vergangen, als der Graf fast erschöpft mit einem Mute, den er sich in einer Flasche Wein angetrunken, spät Abends in das Zimmer seiner Frau trat; er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem