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wird sie aufheben. Ich werde alt, ich will sterben, und weiss meines Lebens Ende; ganz einsam will ich dann die Nacht noch bei meiner Geliebten schlafen, und kommt die erste Morgensonne, so wirft der Brennspiegel, der meinem Bette gegenübersteht, seinen Brennpunkt mir ans Herz und auf die Geliebte, die an ihm ruhet, und wir verbrennen beide zusammen, beide zugleich, und mischen uns verbunden mit der grossen Gedankenwelt."

Der Alte war bei diesen Worten sehr feierlich geworden; er redete in halben Worten mit sich, und gab dem Grafen mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen, dem der Graf sehr gern gehorchte; ihm war seine ganze Seele voll inneren Vorwurfs über die treulose Zweifelsucht seiner Liebe zum schönsten Wesen, das je atmend zwei liebliche, weisse Hügel bewegt, an die je anspielend der Wind, je näher, je schöneren Leib, Hüften und Schenkel gezeichnet. In dem Augenblicke und ohne Rast beschloss er mit Kurierpferden fortzueilen. Ehe die Pferde kamen, und angespannt wurde, schrieb er ein paar Zeilen an seine neue Freundin, an das unsichtbare Mädchen Arnika Montana, die wir der Vollständigkeit wegen hier beifügen.

Herzenserleichterung

Schwere, harte, scharfe Stunden

Sich wie Kiesel an mir runden,

In des Lebens Wellenschlag,

Und ich fühl, was ich vermag;

Fromme Freundin, ich durft weinen,

Durft auf deinen Händen weinen,

Und gedeckt von deinen Händen

Konnte Schwachheit mich nicht schänden.

Regentropfen höhlen Steine,

Was ich tief verschlossen meine,

Höhlet meines Unglücks Stein,

Füllt ihn bald mit Freudenwein;

Freundin, nimm vom Freudenweine,

Komm zu mir, du heil'ge, reine,

Und beselige mein Mahl,

Bin ich frei von aller Qual.

Fühlend kannst du an mich glauben,

Was mir lieb, nicht spottend rauben,

Was ich aus der Seele sprach,

Klingt dir aus der Seele nach.

Fromme Freundin aller Reinen,

Du kannst trösten, du kannst weinen,

Wenn du mich auch nicht verstehst,

Alles dir im Geist erhöhst.

Florio war gerade aus seinem chemischen Arbeitszimmer zu Arnika gekommen, und hatte ihr dunkel vorgesungen: es sei ein Mann bei ihm gewesen, der dem Herzoge nach dem Leben trachte, und das sei ihm lieb, weil er ihn hasse; da trat der Diener des Grafen herein, und brachte ihr seinen Abschiedsbrief.

Zehntes Kapitel

Der Marchese D ... verlässt die Gräfin

Zu lange für meine Zuneigung zur Gräfin Dolores, habe ich den Grafen durch eine fremde Welt begleiten müssen, mir wird gleich so wohl, da ich wieder zu ihr umkehren darf, ungeachtet sich wieder manches Betrübte ereignet hat. – Der Marchese war von dem Gute des Grafen mit einem so auffallenden Lärmen und Lobpreisen desselben zurückgekommen, dass die Gräfin darüber erstaunte, was sie meist kaum angesehen, öfter verspottet, hier in dem Leben der Worte, das sie besser als die eigentliche Anschauung von vielen Dingen kannte, zu solcher Wichtigkeit ansteigen zu sehen. Dieser neue Reiz übertrug sich in ihrer Art Unmittelbarkeit an den Marchese; es war ihr zu Mute, als wenn der alles das ihr zu Ehren angelegt habe; sie sah ihn mit so wunderlich angenehmen Blicken an, die nur ihr eigen, worüber nur der Marchese lächeln konnte, der unterdessen eine andre Bekanntschaft in der Gegend gemacht hatte, und mit ihr brechen wollte. Je mehr er sich von ihr wandte, je weniger Politik er ihr vertraute, doch immer mit dem Anscheine eines Mannes, der sich viel versagt, desto unwiderstehlicher war es ihrem Eigensinne, ihn nicht mit Zärtlichkeit zu verfolgen; unter allerlei leichtem Vorwand drängte sie sich an ihn, schlug mit ihren Stricknadeln auf seine Hand, liess eine Schleife an ihrem Ärmel zubinden; der Marchese erzählte ihr, als wär es von einem Dritten, sie hätte ungemein zärtliche Augen und schmachtende Blicke, eigentlich mehr als einer verheirateten Frau gezieme. Sie versicherte ihm noch immer scherzend, das habe ihre Mutter schon früh an ihr getadelt, sie wisse aber nichts davon, und dabei erzählte sie so artig ein Duett, halb singend, halb sprechend, das damals, als sie dies zum erstenmal ihrem mann erzählt, von ihm darauf gedichtet worden sei.

MUTTER:

Mädchen lass die schmachtend süssen Blicke,

Mach die Augen nicht so klein,

Denn zu ihrem schmerzlichsten Geschicke

Alle Männer sehen hinein,

Jeder meint, dass er gemeinet wäre.

TOCHTER:

Lass sie doch so eitel sein.

MUTTER:

Nein, es schadet endlich deiner Ehre,

Meide wenigstens den Schein.

TOCHTER:

Mutter sprich, wie soll ich denn nun lassen,

Was mir angeboren ist,

Wenn ich auch mit niemand möchte spassen,

Bebt mir doch die Wang von List.

MUTTER:

Nein, das ist kein blick, der bloss zum lachen,

Du verwirrest jedermann,

Willst du einen wirklich glücklich machen,

Sieh allein auf einen Mann.

Mädchen, nicht bei stillen, edlen Frauen

Kannst du solches Auge sehen,

Einige so ruhig vor sich schauen,

Andre gar verschämet gehen.

TOCHTER:

Meine Augen flüchtig sich bewegen,

Müde von dem Stillestehn,

Keinen Ausdruck mag ich drinnen hegen,

Gleich hinaus muss er da gehen.

Mutter sprich, von wem die Deutungsaugen,

Gern geb ich sie dem zurück,

Denn zum Glücke sie wohl nimmer taugen,

Und ich fürchte meinen blick.

MUTTER:

Tochter, könntest du den Vater finden,

Diesen Flüchtling ohne Ruh,

Gern vergäb ich alle seine Sünden

Und vergäb dir auch dazu.

TOCHTER:

Lass mich einsam, dass