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Distichen machte er dem Grafen auf jeden beliebigen Gegenstand in fünf Minuten drei, sie waren in der Silbenmessung tadellos, aber meist ganz leer. Nun ging's in die Gewehrkammer; da zeigte er im Winkel ein angefangenes Instrument, das nach seiner Aussage von einem Schüler in der letzten Stunde seiner Logik erfunden worden wo jeder in gesetzter Zeit alles erfinden könne, was er wolle; da habe dieser darauf spekuliert: dreimal dreissig Türken mit einem Schusse zu erlegen. Das Gewehr dazu sei auch wohl erfunden, aber die Mechaniker hätten es nicht ausführen können. – "Mein Gott, denken Sie noch an den Türken, den Erbfeind", fragte der Graf erstaunt; "gegen die ist mein Vater erschossen worden." – Das freute den Alten zu hören, er wusste von neuerer Zeit gar nichts; des Vaters wegen verehrte er dem Sohne zwei altdeutsche Büchsen mit Radschlössern, sehr schön gearbeitet und ausgelegt; vergebens weigerte sich der Graf, sie anzunehmen, er liess sie ihm heimlich ins Wirtshaus senden.

Wir verweilen mit Absicht bei dem Bilde des alten Doktors, denn es ist uns so tiefbedeutend als Sinnbild des meisten Lebens; der Graf unter wirklichen Umständen, die sein ganzes Glück vernichten, kaum erwacht aus Träumen, die ihn dem gramvollsten Wahnsinne nahe brachten, und leider nur zu wahr sind, vergisst hier seine Lage bei dem abenteuerlichsten Spielzeuge, ohne eigentliche Teilnahme, bloss aus Artigkeit zuhorchend; greife jeder in seine Erinnerung hinein, wie viel Tage er auf gleiche Art versäumt habe, ob nicht das Lesen dieses Buches selbst, so gut es gemeint ist, für viele, welche ernste Tat ruft, ein müssiges unvergnügliches Spiel sei; darum seid gewarnt, ihr Leser, die Tage vergehen schneller als die Nächte, endlich kommt eine Nacht, die keinen andern Tag kennt, als die Erinnerungen; vergesst auch nicht über das abenteuerliche Spielzeug dieses Lebens das ernste Werk des Zukünftigen. Dem Grafen mochte auch so etwas einfallen, er brach plötzlich die Unterhaltung ab und wollte sich beurlauben; da sagte ihm der Alte freundlich: "Sie haben sicher viel von meinem Diamanten gehört, dem grössten in der ganzen Welt, den alle Welt sehen will, den ich aber nur selten zeigen kann, weil er abwechselnd in den drei Hauptbanken der Welt ist, die jede eine eigne Schildwache darauf hält." – Der Graf versicherte, er sei gar kein Kenner von Diamanten; der Doktor aber, ohne sich abhalten zu lassen, sprang rasch wie ein Kind ins Nebenzimmer, und kam nach einigen Minuten zurück. Erst holte er ernstaft ein paar kleine Papierchen heraus, und zerriss sie noch feiner; dann zeigte er einen kleinen unförmlichen Quarz, strich damit einmal über seinen Rock, doch die elektrische Anziehung wollte sich an den Papierchen nicht zeigen; dann griff er in die Hosentasche, holte einen Stein heraus, der allerdings in seiner eingedrückten kuglichten Form und in der Farbe gar viel von einem rohen Diamanten hatte, der aber auch ein Quarz sein konnte, strich mit seiner schönsten Seite über den Rock, und sogleich zeigte sich eine Anziehung, ein Anhängen aller kleinen Papiere. Ohne ein Wort zu sprechen, nahm er eine Feile, mit der er über den letzteren Stein mehrmal hinfuhr, er zeigte die Seite derselben, die an allen Feilen von Anfang an platt ist, und sagte: "sehen Sie, die Zähne sind alle abgebrochen"; wirklich lag auf dem Steine etwas gländender metallischer Staub, der noch zum teil in der Feile steckte, und der von der Bewegung nicht losgerieben, sondern abgefallen war. – Dieser absichtliche Betrug war dem Grafen zu arg; aber der Doktor fuhr gleich fort, dass der Neid der Fürsten seinen Diamanten als falsch verschrieen; ihm wäre dies einerlei, ihm genügte, dass er von seiner Echteit überzeugt sei; er zeige ihn oft im ganzen Jahre niemand; neulich habe er seinem Fürsten die tür gewiesen, weil er ihn nicht anerkennen wollen. "Mein wertgeschätzter Herr", fuhr er fort, "alles andre, was ich besitze, das können Sie mir immerhin verachten, nehmen, ich kann es ersetzen, dieser Stein ist aber meine Geliebte, meine einzige, meine Freude, der ich durch unauflösliche Bande verbunden bin; wie sie aus Liebe zu mir aus Ostindien auf dem Landwege hierher gewandert, weil ich allein sie bezahlen konnte, der Könige und Kaiser zu arm waren; diese Liebe, diese unwandelbare Treue, haben mich ihr ewig zu eigen gemacht, in ihren Blicken lebe ich; drücke ich sie in meiner Hand, ist mir alles so sicher, so gewiss, woran ich zweifle, ewiges Leben und Glaube; dies ist der Stein worauf ich meine Kirche erbaut habe, und wenn ich dem leichtsinnigen Schauer wirklich ein falsches Wunder damit zeigte, wäre es mir mehr zu verdenken, als den Priestern aller Nationen, als den Liebabern unter allen! Ich weiss, dass sie echte, wahre Liebeswunder an mir tut, alle irdische Begierde an mir befriedigt, damit ich den höhern Geistern ruhig leben kann; und wäre sie aller Welt falsch, wäre sie mir ungetreu, in meinem Glauben wäre sie ewig rein. Sehen Sie diese Höhlung im Steine; hier habe ich sie mit dem Brennspiegel einmal versucht, und sie entzündete sich hellicht7; meinem Fürsten hätte ich sie überlassen nach meinem tod, und seine Krone hätte ewig über der Erde wie ein Sternbild gestanden, er hat sie aber verachtet, und seine Krone wird fallen, und keiner