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sie ihm übermächtig werden; ich kenne hier viele Unglückliche, die meines Trostes bedürfen, denen ich in ihrer Sprache zu reden weiss; die Welt ist so reich und prächtig für jeden, der sie fassen kann." – Der Graf erzählte ihr jetzt das Schicksal der Divina mit Lenardo; sie weinte darüber, und sagte: "Gott wird ihr verzeihen, sie ist so sehr dumm."

Der Graf fragte sie: "Warum wollen Sie mich nicht trösten, warum kommen Sie nicht mit mir?" – Sie antwortete: "Sie werden noch viel überstehen, vieles, wobei ich Ihnen nicht helfen kann, und wo mein Trost von Ihnen nicht gehört werden würde; Sie haben einen schönen Grund in Ihrem Herzen, dort sind auch Ihre Fehler: denken Sie immer daran, dass eines Augenblicks Fehler Jahre voll guter Taten zertrümmern kann; je höher eine Tanne, je mehr Samen unter ihr aufgegangen, je mehr junge Bäume kann sie niederstürzen, zerschmettern. Hüte dich, du grünes Holz." – Der Graf fand sich von Ahndungen umlagert; wieder drückte er seinen Kopf in ihre hände, sie segnete ihn ein, und seine Tränen flossen; sie hingen ihm so lose in den Augen wie die Wolken am Frühlingshimmel, wenn es einmal ins Regnen kommt, und wieder fand er einen Trost, als wenn er gleich nach haus wandern und alles ertragen könnte, was ihm begegnen möchte.

Der Alte trat jetzt herein und machte mit altfränkischen Redensarten und Spässen der Arnika seinen Hof; er hatte alle Taschen voller Kunststücke, Karten, Würfel, Becher, kleine Puppen, Trichter und Beutel, der ganze wunderliche Apparat, mit dem gute Taschenspieler aus so wenigem so viel machen, dass der höchste Verstand, selbst bei der besten Einsicht davon, doch über ein erfindsames Gewerbe staunet, das ohne Ehre, literarische Verbindung, Akademien und Prämien doch zu einem so hohen Grade von Vollendung, zu einer Masse sinnreicher Erfindungen, und zu so reicher geselliger Belustigung gediehen, dass ich es für einen Hauptteil der Erziehung halten möchte. Unserm Grafen war es aber in diesem Augenblicke gründlich verhasst; der furchtbare Zauberer schien ihm heute einer der elendesten Narren, die es nicht einmal auf eigne Rechnung, sondern für andere sind. Der Alte erzählte, dass er den Tag schon acht Collegia gelesen; der Graf fragte ihn, erstaunt über die Menge, wie viele er denn den ganzen Tag lese, und wie viel Stunden er schlafe. Der Alte wurde rot vor Beschämung, und sagte: er müsse gestehen, dass er seit einiger Zeit träge geworden, er schlafe drei Stunden und lese zwölf Stunden Collegia, sonst habe er achtzehn Stunden gelesen.

DER GRAF: "Mein Himmel! empfanden Sie denn gar keine üble Folgen davon; ein solcher Tag würde mich töten."

DER ALTE: "Freilich ohne Verjüngungsbalsam geht das nicht, mein allerschönster Herr, auch muss ich Ihnen sagen, etwas schadete es mir auch; die Zunge wurde mir dünner, und hätte leicht zu dünn werden können."

DER GRAF: "Wie ist aber der Verjüngungsbalsam?"

DER ALTE: "Von dem muss ich Ihnen eine schnakische geschichte erzählen; von dem hat einer meiner Kranken neulich gegen meine Vorschrift zu viel genommen, da wurde er zum Schrecken aller ein ganz junges Kind in einer Nacht, hatte aber seinen ganzen Verstand behalten; da nun kluge Kinder nicht lange leben, musste ich ihn wieder mit grosser Anstrengung zu einem mittleren Alter zurückbringen." – Der Graf wollte eben ganz böse losbrechen, als Arnika zwischen trat und dem Doktor im Namen der Alten dankte, die, von allen Ärzten aufgegeben, durch ihn ihr vollkommenes Gesicht wieder erhalten; es sei sehr rührend gewesen, wie sie ihre Kinder und all ihr Eigentum wieder befühlt, ob es auch das rechte sei, und sich über alles Neuangeschaffte verwundert habe. Gut, gut, dachte der Graf, gibt er nur einem Menschen das Gesicht wirklich wieder, so mag er den übrigen immerhin ein wenig Staub in die Augen streuen. Bald führte ihn der Alte in die verschlossenen Zimmer, wiederum fand er das Elendeste neben dem Herrlichsten ausgestellt; jenes, sagte er dann, sei das Beste; er hätte gar nicht aufzuschneiden gebraucht, um zu verwundern, er hielt es aber doch noch für nötig. Er zeigte die herrlichsten anatomischen Präparate; das war ihm aber nicht genug, er zog auch den Strumpf von seiner Wade, und zeigte eine Lücke im Fleische; nun holte er ein kostbares Glas mit angeschliffenen Vergrösserungsgläsern sehr patetisch aus dem Schranke, und versicherte: von diesem Ausgeschnittenen habe er diese einfache, schlechtin nicht weiter zu zerteilende Urmuskelfaser geschnitten. Der Graf sah in das Glas, konnte aber nichts davon bemerken.

DER ALTE: "Es gehört dazu ein gewisser Stand der Sonne, man sieht es im ganzen Jahre nur einmal; als ich die Faser präpariert hatte, konnte ich in finstrer Nacht die Hamburger Zeitung lesen, so ausnehmend waren meine Augen geschärft; die Jupiterstrabanten sah ich ohne Teleskop." – In bunter Mannigfaltigkeit ging er von da zu den Gemälden über; hier verriet sich der Graf allzubald als Kenner; statt zu prahlen, suchte ihn der Doktor über manches auszuforschen, und fragte nach dem Meister. Hier in schöner Kunst schien ihm aller Sinn abzugehen; was er sagte, waren gelernte Formeln; in den lateinischen Distichen, die er an jedes geschrieben, ehrte er oft das Schlechteste über das Beste. Von diesen lateinischen