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halbohnmächtig liegen blieb. Florio taumelte; es war die stimme, die er liebte, aber nicht die Gestalt, nicht Divina, und wäre sie schöner gewesen, es war nicht Divina; aber nur einmal kann dem Menschen diese Fülle der Liebe werden, er konnte sich ihr nicht offenbaren in diesen heiligen Augenblicken gänzlicher Hingebung, er hätte sie getötet. Aber nur diesen Abend konnte sich ihr scharfer blick täuschen, sich ganz geliebt zu glauben; er wollte sie ganz lieben, der stille Zwang in ihm wurde zu einem festen Eigensinne, ja zum Wahnsinne, ihr nie einzustehen, was sie bald lebendig fühlte. Der Schmerz über diese harte Scheidung des Schicksals, vielleicht auch schon früher die Veränderung ihrer anstrengenden Lebensweise als Kunstreiterin mit dem eingezognen Stubensitzen als unsichtbares Mädchen, nagten an der Rose ihrer Wangen. Der Herzog, besorgt um sie, wollte sie in andre Luft führen; Florio reiste ihnen nach und flehte so lange, bis der Herzog ihm erlaubte mit zwei Maschinen, die er erfunden, einer fressenden Ente und einem scheinbaren Flötenspieler, der den Grafen den Abend getäuscht hatte, während Florio selbst im Nebenzimmer die Flöte blies, den wunderlichen Zug zu vermehren. Der Herzog aber, der sich von diesen sonderbaren Verhältnissen ein eigenes Vergnügen erwartet hatte, fand jetzt nur langweiliges Sehnen in der Gesellschaft. Die dumme Divina fing an, den Florio ebenfalls lieb zu gewinnen: so kam ihr die Sprache, aber welche Sprache, welche Gesinnungen! Florio rieb sich die Ohren, ob es ihm drinnen nur brause, als sie ihm zärtlich zusprach, und so verschwand das, was ihn zweifelnd zwischen beide gestellt; die Schönheit schien ihm eine falsche Schminke, doch liess sich ihre Lust nicht übertragen. Er selbst klagte seiner Arnika dieses Vergehen der Schönheit vor ihm in einigen rührenden Worten:

Ich liebte sie,

Verschlossen war sie, stille;

Und ihrer Schönheit Fülle

Versiegte nie.

Der Blume gleich,

Glaubt ich die Welt verstecket,

Wo nie ein Ton erwecket,

Ihr Herz wie reich.

Du liebe Zeit,

Da fängt sie an zu sprechen,

Will mir das herz brechen,

Ach, wie sie schreit;

Ich fühl mich arm,

Nun sie sich reicher fühlet,

Wie ist mein Herz erkühlet,

Was einst so warm.

So sang Florio oft, und schwor seiner Arnika eine ungeteilte Liebe. Den Grafen ärgerte das Lied; er wusste erst nicht warum; ihm fiel glühend heiss in den Sinn, dass er bei ähnlicher Veranlassung, als er Dolores wiedergesehen, von einem gleichen Eindrucke ergriffen worden sei, und dann fiel ihm ein, was ihm selbst alles fehle, und er seufzte: "Die Menschen sind nur schön und herrlich und vollkommen in den Gedanken andrer, darum sei unser Streben, in andern gut zu leben." Mit hastigen Schritten ging er auf und nieder, setzte sich an ein kleines Klavier und sang mit beengter stimme:

Wenig Töne sind verliehen

Meinem Herzen,

Viele Schmerzen

Drin verglühen!

O Vogelsang

Der wildentbrannten Weisen,

Ich muss dich höher preisen,

Nun ich so bang.

Was da bleibet unverleidet,

Find ich immer;

Immer, nimmer,

Was verliebet und verscheidet,

Schöne Töne!

"Sie sind unglücklich, mein werter Herr", sagte Arnika, und er beugte sich nieder, weinte, und ihre hände deckten ihn, und ihm ward wieder einmal ganz wohl und leicht. "Können Sie mir Ihren Schmerz vertrauen", fragte sie, "ich weiss mit Schmerzen umzugehen." – "Nein", antwortete der Graf sehr milde, und sie erzählte weiter.

Die Hoffnungen der guten Arnika ihren Florio nun ganz und ungeteilt zu besitzen, erfüllten sich nicht; die eine Hälfte seiner Liebe war untergegangen an ihrem gegenstand, aber nicht in sich, und er füllte diese Neigung zu wunderbarer Schönheit mit wunderbaren Spekulationen über die fremdartigsten, entlegensten, göttlich-menschlichen Verhältnisse. Der Herzog, der mit Mystik, Geisterbeschwörung und Alchemie nur spielte, führte sein ernstes Nachdenken hinein; er brachte ihn auf der Reise zu dem wunderbaren Doktor, dessen Hausgenossen sie beide geblieben, nachdem es ihm unmöglich geworden, sich von dessen Sammlungen und magischen Büchern zu trennen. Der Herzog hatte sie beide dem Doktor übergeben, weil seine Langeweile in ihrer Gesellschaft erwachte: diese Höllenpein, die ihn wie einen Verfluchten durch die Welt trieb. Divina hatte er mit sich genommen, die von Florios Verschmähung tief gekränkt worden. Hier ereignete es sich, dass Arnika in der Furcht, Florio möchte über die Bücher seinen Verstand verlieren, während seines Schlafes sie alle verbrannt hatte; seitdem sprach er nie mehr, sondern sang, und war der festen Überzeugung, dass er bei dem Alten so lange zur Maschine geworden sei, bis er die Bücher wiedergeschafft; gewiss war es, der Alte machte grosse Forderungen dafür an beide, um sich dadurch länger ihre Merkwürdigkeit zu erhalten.

Der Graf erbot sich vergebens mit anständigem Wohlwollen diese Schuld zu übernehmen; Arnika antwortete ihm immer verbindlich: "Sie können uns nicht helfen, Gott allein kann uns helfen; ich bin meinem Schicksale unterworfen, und Florio hat auch recht in sich; wo wir wären, würde uns das Unabänderliche in unserm Verhältnisse drücken; ihn zerstreuen hier Studien, mich die Einsamkeit; ich sammle die schönen Blitze seiner Empfindung, die ihm das Jugendland erhellen; mich sammeln einige fromme Bücher, die mir ganz genügen. Der Alte flüchtet sich zu uns, wenn er in den wunderlichen Kreisen seiner Maschinen und Versuche sich verwirrt und