wolle ihm ihr Schicksal, da sie allein wären, ganz erzählen, um ihn davon zu überzeugen. Wir wollen es in möglicher Kürze zusammenziehen.
Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters, der seine meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat; sie selbst ist unter dem Namen Angelique allgemein bewundert worden, doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit, als wegen ihrer Schönheit, welche Divina, einer andern Reiterin viel reichlicher geschenkt war. Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Mädchens; der Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Mühe dabei veranlassten ihn, seine Pferde und Gesellschaft abzudanken; Arnika musste bei ihrem Witze und ihrer schönen stimme mit den Zuschauern reden; Divina, die sehr dumm war, und eine rauhe männliche stimme in ihrem weichen mund verschloss, spielte die schöne Stumme und zog durch ihre Schönheit vielleicht so viele Zuschauer herbei, als jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit. Ein Sizilianer, der Herzog von D ..., kaufte durchreisend die beiden Mädchen und den Apparat vom Vater und trieb damit seine Spässe, einen grossen Hof auf allerlei Art zu necken. In einigen Tagen des Müssiggangs machte er Divina sich ganz ergeben; er wusste, dass er sie verführen konnte, zur Verführung war sie ihm noch zu einfältig. – Bei dieser Stelle unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen, woher er den Karneol an seinem Finger habe; der Herzog habe ihn damals getragen; dies habe ihre grosse Offenherzigkeit veranlasst, und ihren Wunsch, sich ganz zu erklären.
Der Graf sagte, dass der Herzog sein Schwager sei, den er aber nach den Briefen von dessen Frau für einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann halte; der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter, dem Marchese P ... – Sie erzählte darauf mit Achselzucken, dass sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln müsse. – Sie gestand, dass der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht, wenn nicht der Eintritt Florios, des Flötenspielers auf einmal ihre ganze leidenschaft ergriffen und bestimmt hätte. Er ist der Sohn eines reichen Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern, die Maschine zu sehen; Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht entalten, zu ihm so artig, so witzig zu reden, wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden ganz verlernt. Florio wurde ganz von ihrer stimme ergriffen; gleich darauf trat Divina herein und ihre Schönheit ergriff ihn mit gleicher Stärke; er konnte nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm, beide wären eins, ein und dieselbe, weil die stumme Schönheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam, wenn der unsichtbare Verstand zu reden aufgehört hatte. – "Mein werter Freund", unterbrach sich hier Arnika, "warum müssen sich doch oft Geist und Körper, deren Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich, im Leben so oft getrennt sehen und nach einander schmachten; mit welcher sehnsucht betrachtete ich oft die schönen Züge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein, ich hätte gern aufgehört, geistreich zu sein, hätte ich recht schön dadurch werden können." – Der Graf sagte ihr ernstaft, dass er es für frevelhaft halte, bei einer angenehmen Bildung nach Schönheit zu verlangen; denn mit gleichem Rechte würde dann die Schönheit nach Dauer streben und überhaupt der einzelne nach allem. – "Sie haben recht", antwortete Arnika, "aber ich habe wohl ein Recht, zu vermissen, wodurch ich so viel verloren; und dann musste ich es sagen, wenn ich Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte, das er mir leise in die silberne Trompete des Glaskästchens an einem schönen Frühlingsabende sang, und das so laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug, als schiffte es darauf in die goldene Abendruhe. Das Lied entrollte seinem Selbstgespräche, er wusste nichts davon, nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina gesessen, ohne es zu wagen, Liebe zu gestehen, ungeachtet er mit dem festen Entschlusse dazu angekommen.
Die Uhr der Liebe
Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit,
Auf der Zunge brennen
Lieb und Heimlichkeit;
Soll ich ihr bekennen,
Was im Herzen brennt,
Und wie soll ich nennen,
Was sie noch nicht kennt?
Herz sei doch zufrieden,
Sie still anzusehn,
Würden wir geschieden,
Müsstest du vergehn;
Schweige, noch hienieden
Ward es nicht so schön,
Dass in sel'gem Frieden
Zweie sich ansehn.
Die Wonne meines Gefühls, überschwenglich wie nimmer wieder, musste sich Luft machen; ich sang ihm leise durch die Trompete zu, immer in dem Wahne, mir allein sei seiner Liebe Feuer gewonnen:
Wie die Stunden schleichen
Fern von ihm verbracht,
Gib ein einzig Zeichen,
Sternenhelle Nacht,
Gib ein einzig Zeichen,
Ob er wieder liebt,
Frühling will verstreichen
Und kein Zeichen gibt.
Und die Sterne lachen
Mich zum Hohne an,
Und der Mondennachen
Mir nicht helfen kann;
Ruhlos treibt der Nachen
Durch die Sterne hin,
Herz, auch du musst wachen,
Schlafen wär Gewinn.
Herz, du könntest träumen
Eine Fahrt so schön,
Sähst zu sel'gegen Räumen
In der Nacht Getön;
Nachtigall auf Bäumen,
Dich verstehe ich nun,
Willst das Feld nicht räumen,
Kannst darin nicht ruhn."
Kaum hörte Florio diese leisen Verse der Arnika zu Ende, rief er seine Liebe so laut aus, dass sie schaudernd davor erschreckte und ohne sich halten zu können, aus dem Nebenzimmer, wo sie immer verborgen gewesen, in die Versammlung und um den Hals Florios stürzte, wo sie